Der Streit bei der Lufthansa offenbart mehr als einen klassischen Tarifkonflikt – er zeigt ein strukturelles Dilemma, das sich mit herkömmlichen Verhandlungsmitteln kaum lösen lässt. Nicoley Baublies, ehemaliges Ufo-Vorstandsmitglied, schreibt in seinem Gastbeitrag in der airliners.de-Serie "Standpunkte" über Lufthansas strukturelles Dilemma – und warum es seiner Meinung nach vor allem eines braucht: Echte Autorität.
Der Himmel über Frankfurt ist dieser Tage wieder erstaunlich voll – nicht nur mit Flugzeugen, sondern vor allem mit Interessen. Nach den streikbedingten Leerstellen am Himmel fast schon ein ungewohntes Bild. Ach, da sind sie ja wieder, die Maschinen. Und gleich dahinter: die dazugehörigen Konflikte. Leider fliegen die Interessen weiterhin im Tiefflug gegeneinander statt in geordneter Formation. Und wer schon einmal im Cockpit oder zumindest im Flugzeug gesessen hat, weiß: Wenn alle gleichzeitig meinen, Vorfahrt zu haben, wird es ungemütlich.
"Es gibt hier nicht die eine richtige Seite – sondern mehrere gleichzeitig berechtigte."
Und genau das ist das Problem. Oder vielleicht auch die Chance. Je nachdem, wie man es betrachtet.
Vier Parteien, vier Logiken
"Dieser Konflikt ist kein Tarifkonflikt – er ist ein Systemkonflikt."
Auf der einen Seite steht das Top-Management rund um CEO Carsten Spohr, flankiert vom Aufsichtsrat. Spohr ist seit über einem Jahrzehnt im Amt. Krisen, Transformation, öffentlicher Dauerbeschuss – und trotzdem sitzt er noch da. Er hat auch inhaltliche und kommerzielle Erfolge vorzuweisen. Denn Fakt ist: Eines seiner zentralen Projekte ist bis heute nicht nachhaltig gelungen – die wirtschaftlich stabile, befriedete und gleichzeitig modernisierte Aufstellung der Kernmarke Lufthansa Airline. Und jetzt wird es spannend: Ist das ein persönliches Scheitern? Oder ist es einfach eine Aufgabe, die sich mit klassischen Instrumenten nicht lösen lässt? Wahrscheinlich ein bisschen von Beidem.
Die Antwort des Konzerns darauf ist jedenfalls klar erkennbar: neue Plattformen wie Discover Airlines und City Airlines, bewusst außerhalb bestehender Tarifstrukturen oder mit alternativen Partnern aufgebaut. Strategisch nachvollziehbar, aber politisch hochexplosiv. Denn was bedeutet das konkret? Es bedeutet, dass bestehende Systeme – und vor allem die Menschen darin – nicht einfach ergänzt werden, sondern sich plötzlich in einem Wettbewerb wiederfinden, den sie so nie gesucht haben. Einem Wettbewerb um ihre Existenzen.
Auf der anderen Seite stehen die Gewerkschaften – und zwar nicht "die eine", sondern mehrere mit sehr unterschiedlichen Logiken. Die Vereinigung Cockpit als klassische Funktionselite mit historisch gewachsener Macht. Eine Organisation, die es gewohnt ist, gehört zu werden – und zwar laut. Die Ufo mit dem klaren Anspruch, die Kabine eigenständig und unabhängig zu vertreten. Kleinere Einheit, aber mit hoher Identifikation und entsprechendem Kampfwillen. Dann noch Verdi, groß, breit aufgestellt, stark im Bodenbereich – und zunehmend auch in Kabine und Cockpit präsent.
Christine Behle, stellvertretende Verdi-Vorsitzende, sitzt im Aufsichtsrat der Lufthansa und ist dort im Präsidium vertreten. Karl-Ludwig Kley, aktuell noch Vorsitzender des Aufsichtsrats, gilt als erklärter Kritiker der Spartengewerkschaften. Und dazwischen: Spohr als direkter Ansprechpartner dieser Akteure.
Allianzen, die man nicht sieht
"Kurze Wege sind keine Verschwörungstheorie – sie sind logisch und systemimmanent."
Natürlich wird gesprochen. Natürlich wird abgestimmt. Natürlich kennt man sich. Hat man sich strategisch abgesprochen, dass die anderen Gewerkschaften verdrängt werden sollen? Die spannende Frage ist doch eher: Wie könnte es anders sein? Allianzen, die man nicht sieht – aber wenn man alles Unlogische streicht, muss die Wahrheit übrig bleiben.