Am 14. September hat Air Baltic beim US-Insolvenzgericht in New York einen Antrag auf Gläubigerschutz nach "Chapter 11" gestellt. Nach Monaten der Turbulenzen ist das keine Überraschung, aber dennoch erklärungsbedürftig: Warum sucht eine mehrheitlich staatliche, europäische Fluggesellschaft ohne jeden US-Flugbetrieb ausgerechnet dort Schutz?
Air Baltic vor Gericht in New York
Air Baltic hat beim US Bankruptcy Court for the Southern District of New York gemeinsam mit den Tochtergesellschaften Air Baltic Training SIA und Baltijas Kravu Centrs SIA Gläubigerschutz nach "Chapter 11" Insolvenz beantragt. Der Fall trägt die Nummer 26-12188.
583 Millionen US-Dollar (rund 505 Millionen Euro) Schulden und Verbindlichkeiten stehen in den Büchern der lettischen Fluggesellschaft. Dazu 106 Millionen Euro offene Lohnsteuern und Luftverkehrsabgaben sowie knapp 992 Millionen US-Dollar Operating-Lease-Verpflichtungen. 2025 erwirtschaftete Air Baltic noch bei 5,2 Millionen Passagieren einen Umsatz von 779,3 Millionen Euro – und verbuchte dabei einen Nettoverlust von 44,3 Millionen Euro. Im ersten Quartal 2026 kamen weitere 70,1 Millionen Euro Verlust hinzu.
Air Baltic ist bekannt als reiner Airbus-A220-Betreiber. Aktuell verfügt die Airline über 54 Exemplare. Bereits zuvor beschloss die Fluggesellschaft aber, sich strategisch zu verkleinern. Ende des Jahres sollen nur noch 36 A220 in der Flotte verbleiben. Zudem storniert oder verschiebt die Airline 40 weitere A220-Bestellungen.
Zwei Airbus A220 von Air Baltic rollen am Flughafen Zürich : Das Bild zeigt zwei weiß-grüne Airbus A220 Flugzeuge der Fluggesellschaft Air Baltic auf dem Rollweg und der Startbahn am Flughafen Zürich. Beide Flugzeuge tragen das typische Air Baltic Logo auf Rumpf und Triebwerken. Im Hintergrund ist die Start- und Landebahn sowie grüne Wiesen zu sehen. Die Szene wirkt ruhig und das Wetter ist bewölkt. © AirTeamImages.com / Luis Singer
Über die Runden helfen soll im ersten Schritt eine Notfinanzierung ("Debtor-in-Possession"-Kredit) über 350 Millionen Euro, arrangiert von Strategic Value Partners gemeinsam mit Barclays, Hayfin Capital Management, Morgan Stanley und Oaktree Capital Management.
Schuld an der aktuellen finanziellen Lage ist laut Finanzchef Vitolds Jakovļevs eine Kette von Schocks: Corona, der Wegfall der Russland- und Ukraine-Strecken seit 2022 und zuletzt der Treibstoffpreisanstieg infolge des Iran-US-Konflikts, gegen den sich Air Baltic mittels Hedging nicht abgesichert hatte. Ein zuvor verhandelter Plan über bis zu 257 Millionen Euro nachrangige Schulden scheiterte, weil Anleihegläubiger mit über 70 Prozent des Schuldvolumens stattdessen eine Liquidation bevorzugten.
Und dann griff Air Baltic zum eingangs erwähnten Insolvenzantrag in New York, USA.
Bereits am Tag nach dem Antrag folgte die nächste Nachricht: Air Baltic kündigte Gespräche über einen Stellenabbau mit den Gewerkschaften an, konkrete Zahlen nannte Vorstandschef Erno Hildén noch nicht. Der reguläre Flugbetrieb soll unterdessen unverändert weiterlaufen. Der Antrag kommt nicht aus heiterem Himmel: Nachdem sich ein für 2025 geplanter Börsengang wegen schlechter Marktbedingungen verschoben hatte, verhandelte die lettische Regierung monatelang mit einem strategischen Investor, während sich die Anleihegläubiger im August per Zinsaufschub kompromissbereit zeigten.
Eigentümer von Air Baltic ist mehrheitlich der lettische Staat mit 88,4 Prozent. Danach folgt die Lufthansa Group mit zehn Prozent. Der Rest verteilt sich im Streubesitz. Interesse, den Anteil seitens des Kranichs aufzustocken, bestand bislang nicht.
Passagiermaschinen der skandinavischen Fluggesellschaft SAS. : Das Bild zeigt mehrere Flugzeuge der skandinavischen Fluggesellschaft SAS nebeneinander am Flughafen. Die Flugzeugleitwerke in Blau mit "SAS"-Beschriftung sind im Vordergrund erkennbar, während im Hintergrund ein weiteres Flugzeug mit norwegischem Leitwerk sichtbar ist. Das Wetter ist sonnig und klar, der Flugzeugflügel glänzt im Tageslicht, am Boden sind Fahrzeuge zu sehen. © DPA / Steffen Trumpf
Einen US-Investor kann Air Baltic also nicht vorweisen. Und dennoch folgt Air Baltic nun dem Beispiel von SAS und geht als weitere europäische Fluggesellschaft ins US-amerikanische "Chapter 11"-Verfahren.
Was Chapter 11 eigentlich bedeutet
Das Insolvenzverfahren nach US-amerikanischem Bankruptcy Code ist kein Liquidationsverfahren. Vielmehr soll das Verfahren das betroffene Unternehmen reorganisieren.