Die wichtigsten Entwicklungen in der Luftfahrtbranche vom 3. bis 9. Juni 2026, kompakt aufbereitet für das airliners+ Magazin. Die Woche stand im Zeichen der deutschen Luftfahrtpolitik – mit einem Kabinettsbeschluss, der Erwartungen weckt, sie aber nur zum Teil erfüllt. Dazu kommen ein spektakulärer Zwischenfall in Frankfurt und ein lautstark geführter Streit um Verkehrsrechte.
Neue Luftfahrtstrategie: Bekenntnis mit Vorbehalt
Das Bundeskabinett beschließt am Mittwoch die neue nationale Luftfahrtstrategie. Das Papier setzt auf vier Säulen: ökonomische und technologische Wettbewerbsfähigkeit sowie Luftfahrt als militärische und zivile Sicherheitstechnologie. Im Zentrum stehen der schnelle Markthochlauf nachhaltiger Kraftstoffe, günstigere Standortbedingungen und mehr Forschungsförderung.
Bemerkenswert ist, was die Bundesregierung selbst einräumt: Die deutschen Passagierzahlen entwickeln sich seit Jahren unterdurchschnittlich im europäischen Vergleich. Das Sitzplatzangebot liegt nach Angaben der Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD bei nur 89 Prozent des Niveaus von 2019 – während Europa auf 113 Prozent gestiegen ist, ein Rückstand von 24 Prozentpunkten. Ryanair zieht zum Winterflugplan alle sieben am BER stationierten Flugzeuge ab und halbiert das dortige Angebot auf 2,2 Millionen Passagiere im Jahr 2027. Die staatlich induzierten Standortkosten stiegen 2025 um 1,1 Milliarden Euro auf rund 4,3 Milliarden Euro – seit 2020 haben sie sich nahezu verdoppelt.
Parallel brachten CDU/CSU und SPD einen Entschließungsantrag mit 19 Forderungspunkten ein. Er begrüßt die beschlossene Absenkung der Luftverkehrsteuer zum 1. Juli und verlangt, deren Wirkung zu evaluieren und weitere Entlastungen zu prüfen. Beim BDL-Forum in Berlin stellten sich Verbände aus Messewirtschaft, Logistik und Tourismus – mit zusammen rund vier Millionen Beschäftigten und über 500 Milliarden Euro Jahresumsatz – hinter die Forderungen der Luftverkehrswirtschaft. BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang bezifferte den Entlastungsbedarf auf rund 15 Euro pro Passagier; die Steuersenkung bringe 2,50 Euro.
Die Lufthansa-Gruppe forderte unterdessen ein politisches Sofortprogramm für die Anbindung der Regionalflughäfen. Das innerdeutsche Zubringerangebot liege nur noch bei 65 Prozent des Vorkrisenniveaus. Als jüngstes Beispiel nannte der Konzern Skyhub PAD in Paderborn, das ihren Betrieb zum Mittwoch einstellt. Dass ein DLR-Gutachten im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums die Standortkosten als kaum ursächlich für den Verkehrsrückgang einstuft, ließ Lufthansa unerwähnt.
Was dahintersteckt: Der Kabinettsbeschluss und der Entschließungsantrag signalisieren politischen Handlungswillen – bleiben in der Substanz aber hinter den Forderungen der Branche zurück. Die Umsetzung der Strategie steht unter Haushaltsvorbehalt, was das Papier zusätzlich relativiert. Die beschlossene Luftverkehrsteuer-Senkung bringt nach BDL-Rechnung 2,50 Euro der geforderten 15 Euro Entlastung.
Wie es weitergeht: Die Koalition hat angekündigt, im Juni oder Juli ein breiteres Maßnahmenpaket vorzulegen. Ob das ausreicht, um die Standort-Spirale aus steigenden Kosten, sinkendem Angebot und ausbleibenden Investitionen zu durchbrechen, werden die kommenden Monate zeigen – spätestens wenn Ryanair zum Winterflugplan ihre sieben Berliner Maschinen abzieht.
Emirates attackiert Lufthansa – und die Bundesregierung
Emirates-Präsident Tim Clark hat auf der ILA in Berlin eine Offensive gestartet. Die Airline will jährlich mehr als 100 Millionen Euro in tägliche Linienflüge nach Berlin und Stuttgart investieren – vorbehaltlich einer Genehmigung durch das Bundesverkehrsministerium. Geplant sind tägliche Umläufe mit einer Boeing 777-300ER in Vier-Kabinen-Konfiguration. Clark erklärte, der BER sei kein hauptstadtwürdiger Flughafen: "Das ist kein Hauptstadtflughafen wie Paris, London, Peking oder Sydney – das ist eine wirklich traurige Situation."
Die Lufthansa griff Clark scharf an. Sie operiere "innerhalb des Star-Alliance-Kartells" und habe Austrian, Swiss, Brussels Airlines und Ita Airways "fast wie einen Schutzschild" um sich versammelt. Clark verwies zudem auf eine angebliche Zusage von Altkanzlerin Angela Merkel, wonach Emirates mit der Eröffnung des BER nach Berlin fliegen dürfe. "Das ist nicht passiert", sagte er. Auch die Bundesregierung kritisierte Clark und fragte sinngemäß, welchen Wert es habe, ausländische Carrier in wirtschaftlich angespannter Lage vom Markt fernzuhalten.
Die Einordnung: Emirates' ILA-Offensive ist mehr als Lobbyarbeit – sie zielt direkt auf den politischen Entscheidungsprozess. Das Investitionsversprechen, kombiniert mit dem Verweis auf Merkels Zusage, setzt die Bundesregierung unter Legitimationsdruck. Für Berlin wäre eine Emirates-Verbindung mit der Boeing 777 eine spürbare Aufwertung; für die Lufthansa käme sie ungünstig.
Was zu erwarten ist: Das Bundesverkehrsministerium hat bislang keine Genehmigung erteilt. Nach Clarks ILA-Auftritt dürfte der Druck auf Berlin steigen – zumal Ryanairs gleichzeitiger Rückzug vom BER die Argumentation von Emirates stärkt, dass mehr Wettbewerb dem Standort nützt.
Wien kämpft um die Luftverkehrsteuer
In Österreich beginnt mit der Budgetrede am Mittwoch das parlamentarische Verfahren zum Doppelbudget 2027/2028. Für die heimische Luftfahrtbranche ist es nach eigener Einschätzung die vorerst letzte Chance, die Luftverkehrsteuer von zwölf Euro pro Passagier zu senken oder abzuschaffen.
Flughafen-Vorstand Julian Jäger, Austrian-Airlines-Chefin Annette Mann und Ryanair ziehen an einem Strang. Austrian warnt: Wien sei der zweitteuerste Luftfahrtstandort Europas, mit Standortkosten doppelt so hoch wie der EU-Schnitt und achtmal so hoch wie in Spanien. Ohne Reformen drohe der Airline eher Schrumpfung als Wachstum. Ryanair hat den Druck in den vergangenen Monaten bereits mit Taten unterlegt: Die Airline hat fünf Flugzeuge, neun Strecken und eine Million Sitzplätze aus Österreich abgezogen und drei neue Maschinen am günstigeren Flughafen Bratislava stationiert, wo die Slowakei die Luftverkehrsteuer abgeschafft hat. Im Gegenzug stellt Ryanair eine Investition von einer Milliarde US-Dollar und zehn zusätzliche Flugzeuge in Wien in Aussicht, sollte die Abgabe fallen.
Auf Regierungsseite ist die Bereitschaft zu grundlegenden Änderungen begrenzt. Infrastrukturminister Peter Hanke hatte eine vollständige Streichung bereits im Herbst 2025 ausgeschlossen, die Grünen lehnen eine Senkung ab. Den vollständigen Überblick zum Wiener Luftverkehrsteuer-Streit hat airliners.de hier zusammengefasst.
Der Kontext: Wien ist das deutlichste Beispiel dafür, wie Luftverkehrsteuer und Wettbewerb zusammenhängen. Ryanairs Standortverlagerung nach Bratislava ist kein Druckmittel mehr – sie ist Realität. Das Budgetverfahren ist die letzte realistische Chance für eine Reform, bevor sich strukturelle Verluste am Standort vertiefen.
Die nächsten Schritte: Die Budgetrede am Mittwoch gilt als erster belastbarer Indikator für den politischen Willen. Sollte die österreichische Regierung nicht handeln, droht Austrian nach eigenen Angaben eher Schrumpfung als Wachstum – mit direkten Folgen für den Langstreckenausbau und die Bundesländeranbindung.
Boeing 787 der Lufthansa liegt auf der Nase. : Eine Lufthansa Boeing 787 steht auf dem Flughafenvorfeld vor einem Terminal. Mehrere Servicefahrzeuge und Container sind am Rumpf und unter den Tragflächen zu sehen, bei bewölktem Himmel. © DPA / Mike Seeboth
Lufthansas nagelneuer "Dreamliner" liegt auf der Nase
Am 4. Juni knickte am Frankfurter Flughafen das Bugfahrwerk einer Boeing 787-9 von Lufthansa ein. Die Maschine stand am Gate A15 kurz vor dem Boarding des Fluges LH450 nach Los Angeles, als das Fahrwerk um 12:45 Uhr unerwartet einsackte. Passagiere waren noch nicht an Bord; zwei Kabinenmitarbeiter und weitere Beschäftigte von Partnerfirmen wurden zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht, konnten es aber nach kurzer Zeit wieder verlassen.
Die Bilder zeigten erhebliche Schäden: Der vordere Rumpf lag auf dem Boden, die Triebwerke berührten das Vorfeld, ein Highloader kollidierte mit der absinkenden Maschine. Besonders schmerzhaft für Lufthansa: Die 787-9 mit dem Taufnamen "Herne" war erst im Januar ausgeliefert worden. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung hat die Untersuchung aufgenommen. Als mögliche Referenz gilt ein ähnlicher Vorfall bei British Airways im Jahr 2021, bei dem ein falsch gesetzter Verriegelungsstift das Einfahren des Bugfahrwerks ausgelöst hatte. Neuere 787 sind werkseitig gegen diesen Fehler abgesichert.
Die Auswirkungen: Der Vorfall trifft Lufthansa doppelt: Das erst im Januar ausgelieferte Flugzeug erlitt erhebliche Schäden – und die Airline leidet bereits unter einem strukturellen Mangel an Langstreckenflugzeugen. Aktuell hat Lufthansa 17 Dreamliner in der Flotte; bis Ende 2027 sollten es 29 werden. Der Ausfall einer jungen Boeing 787-9 verschärft die ohnehin angespannte Flottenplanung.
Und nun? Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung ermittelt. Ob "Herne" mit der werkseitigen Absicherung gegen den bekannten Steckfehler ausgestattet war, muss die Untersuchung klären. Lufthansa hat angekündigt, die Maschine nach Abschluss der Untersuchungen zu reparieren.
BER erwartet Verluste bis Ende der 2020er Jahre
Der Flughafen BER rechnet 2026 mit einem deutlichen Ergebniseinbruch. Das Ebitda dürfte um ein Drittel auf 136,2 Millionen Euro sinken, der Nettoverlust auf 106,1 Millionen Euro steigen – nach 86,1 Millionen Euro im Vorjahr. Ursache ist die anhaltende Unterauslastung der Flughafeninfrastruktur. 2025 fertigte der BER 26,1 Millionen Passagiere ab; für 2026 sind 26,5 Millionen geplant. Zum Vergleich: Die früheren Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld fertigten 2019 zusammen noch 35,65 Millionen Reisende ab. Das Vor-Pandemie-Niveau werde beim Auslandsverkehr erst Ende der 2020er Jahre erreicht werden, beim Inlandsverkehr erst Mitte der 2030er Jahre. Finanziell steht der BER nach einer Refinanzierung über 1,2 Milliarden Euro und einer letzten Kapitalspritze der Gesellschafter von 500 Millionen Euro inzwischen auf eigenen Beinen.
Frankfurt: Terminal 2 geht in die Sanierung
Das Terminal 2 am Frankfurter Flughafen ist seit Dienstag außer Betrieb. Fraport hat das Gebäude für eine Generalsanierung geschlossen; die bislang dort angesiedelten Fluggesellschaften sind schrittweise ins neu eröffnete Terminal 3 umgezogen. Fraport plant Investitionen von rund 1,5 Milliarden Euro. Nach einer dreijährigen Planungsphase sollen die Hauptbauarbeiten 2030 beginnen; die Wiedereröffnung ist für Mitte der 2030er Jahre geplant. Das sanierte Terminal soll dann mehr als zehn Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen können. Gepäckförderanlage, Tiefgarage und Sky-Line-Station bleiben während der Bauzeit in Betrieb.