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Was in eine Strategie gehört – und was nicht
Was sollte in einem Strategiepapier stehen? Die Branche und die Politik sind sich da nicht ganz einig. Denn einige Player vermissen "konkrete Maßnahmen" im Entwurf der Bundesregierung zur neuen Nationalen Luftfahrtstrategie.
Da haben sie vielleicht sogar recht – wobei man sagen muss: Konkrete Maßnahmen haben in einer Strategie eigentlich überhaupt nichts zu suchen. Eine Strategie skizziert grundlegende Ideen zur Erreichung langfristiger Ziele. Mehr nicht. Die im Entwurf beschriebenen vier Säulen – Wettbewerbsfähigkeit, Souveränität, Resilienz und Nachhaltigkeit – sind genau das: strategische Ansätze, denen sich dann konkrete Maßnahmen, sogenannte Taktiken, zuordnen lassen.
Hat die Branche diesen Unterschied nicht verstanden? Vermutlich schon. Und die Politik? Bestimmt auch. Aber so ist das nun mal, wenn man politische Handlungsfähigkeit demonstrieren will. Da braucht es ein paar handfestere Ideen – und davon wimmelt es in dem Entwurf ohnehin. Warum also nicht noch mehr davon fordern?
Für die Einordnung bleibt festzuhalten: Die neue Nationale Luftfahrtstrategie wird wohl eher weniger eine echte Strategie als eine strukturierte Bestandsaufnahme mit Maßnahmenliste. Auch das ist wichtig – solange man weiß, was man da gerade liest.
Boeing und der Plan, einen Flugzeugtyp für übermorgen zu bauen
Beim Thema Strategie lohnt sich ein Blick über den Atlantik.
Boeing will einen Konkurrenten zum Airbus A321 Neo bauen. Frühestens Mitte der 2030er Jahre, wenn es gut läuft, soll er kommen. Man muss das kurz sacken lassen.
Die 787 ging 2011 in Dienst – das war das letzte Flugzeug, das Boeing wirklich neu entwickelt hat. Seitdem: viele Versprechen, wenig Flugzeug. Die "797" wurde so oft angekündigt, verschoben und dementiert, dass sie in der Branche fast schon den Status einer urbanen Legende hat.
Nun also ein neuer Anlauf – intern, diskret, laut "Bloomberg".
Das Problem: Airbus schläft nicht. Die A321 Neo ist selbst schon kein junges Programm mehr, hat über 7000 Bestellungen eingesammelt – und Airbus arbeitet bereits an der nächsten Generation, mutmaßlich mit Open-Rotor-Antrieb. Ein Boeing-Konkurrenzmodell, das Mitte oder Ende der 2030er Jahre auf den Markt käme, träfe also nicht auf die A321 Neo von heute, sondern wahrscheinlich bereits auf dessen Nachfolger.
Boeing muss in diesem Segment also nicht nur aufholen. Boeing muss überholen – und heute einen Konkurrenten für den nächsten Airbus entwickeln. Einen Nachnachfolger, quasi. Der durchgesickerte Plan, das Ganze recht konventionell anzugehen, passt zu dieser Herausforderung nicht. Eine Strategie, die das Tempo des Wettbewerbs ignoriert, ist keine Strategie – sie ist maximal Hoffnung.
Wenn Ankündigungen zur Strategie werden
Manchmal fragt man sich wirklich, wie etwas so sein kann, wie es ist. Und diesmal sind es nicht die Konzepte, die überraschen – sondern die Ankündigungen, die so in die Medienwelt geschmissen werden, als würde allein die Zahl eine Realität schaffen.
US-Präsident Donald Trump hat nach seinem China-Besuch einen Mega-Deal über 200 Boeing-Flugzeuge verkündet – ohne Typen, ohne konkrete Stückzahl, ohne Airlines. Als die Börse enttäuscht reagierte, weil man eigentlich 500 Bestellungen erwartet hatte, erhöhte Trump kurzerhand auf 750 Maschinen – auch das ist Strategie.
Auch manche Airline macht medial das Beste aus der Lage – und nennt es Strategie. Wizz Air zum Beispiel. Sparen? Weniger fliegen? Kommt nicht in Frage. Wizz Air will in der Krise wachsen. Wie bitte, fragt sich da nicht nur Ryanair-Group-Chef Michael O'Leary.
Doch wer glaubt, das sei eine Spezialität ungarischer Billigflieger, irrt. Singapore Airlines hat Ähnliches angekündigt: Trotz der Probleme rund um die Beteiligung bei Air India und trotz hoher Treibstoffkosten will die Airline bald mehr nach Europa fliegen.
Ob das am Ende echte Strategie ist oder vor allem gut klingt – das wird die Zeit zeigen. In der Luftfahrt wie in der Politik gilt jedenfalls: Wer laut genug ankündigt, muss irgendwann auch liefern.
Tipp: Noch mehr Gedankenflüge gibt es zum Hören: Den airliners.de-Podcast "Gedankenflüge" gibt es überall, wo es Podcasts gibt.