Anfang der Woche ist die Konsultationsfrist zum Entwurf der nationalen Luftfahrtstrategie der Bundesregierung zu Ende gegangen. Die Reaktionen der Branche auf die Pläne der Regierung fallen unterschiedlich aus.
Die drei federführenden Bundesministerien für Wirtschaft und Energie, für Verkehr sowie für Verteidigung hatten den Strategieentwurf am 30. April vorgelegt. Bis zum 11. Mai konnten Länder und Verbände Stellung nehmen.
Das Papier umfasst Sofortmaßnahmen zur Kostensenkung, eine Milliardenförderzusage für erneuerbare Flugkraftstoffe sowie Leitlinien zur technologischen Souveränität – und schlägt erstmals systematisch eine Brücke zwischen ziviler und militärischer Luftfahrt.
Während der Flughafenverband ADV den Entwurf grundsätzlich begrüßt, fordern der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) und auch Ryanair deutlich weitergehende Schritte, wie aus einer airliners.de-Anfrage bei den Branchen-Stakeholdern hervorgeht.
Friedrich Merz und Patrick Schnieder © dts Nachrichtenagentur
BDL fordert weitergehende Entlastungen
Der BDL teilt zwar das Leitbild des Entwurfs, übt aber deutliche Kritik an dessen Konkretisierungsgrad. Der Bundesverband bezeichnet den Entwurf in weiten Teilen als Sachstandsbericht ohne klare Priorisierung und Zeitplan.
Es fehle an einer Strategie mit konkreten Maßnahmen zur Stärkung des Luftverkehrsstandortes, die in Regierungshandeln überführt werden könnten. Der Entwurf bleibe sowohl hinter den Eckpunkten aus Oktober 2025 als auch hinter dem Koalitionsvertrag zurück. Auch die im Koalitionsvertrag vereinbarte weitere Reduzierung luftverkehrsspezifischer Steuern, Gebühren und Abgaben werde nicht mit Maßnahmenvorschlägen hinterlegt.
Die Standortkosten in Deutschland haben sich nach BDL-Angaben seit 2019 mehr als verdoppelt. Allein 2025 seien die staatlichen Belastungen für den Luftverkehr ab Deutschland um über eine Milliarde Euro auf rund 4,7 Milliarden Euro gestiegen.
Der Verband fordert eine Halbierung der regulatorischen Belastungen um mindestens zwei Milliarden Euro. Vorrangig sei die vollständige Abschaffung der Luftverkehrsteuer. Alternativ verlangt der BDL eine deutliche Reduzierung in Verbindung mit der Übernahme der Basiskosten der Flugsicherung sowie der pandemiebedingten DFS-Einnahmeausfälle durch den Bund. Zudem solle der Staat einen größeren Teil der Luftsicherheitskosten übernehmen. Vermisst wird vom BDL außerdem ein eigener Abschnitt zum Tourismus.
Ryanair droht mit Kapazitätsabzug
Die deutlich schärfste Kritik kommt von der Ryanair. Der irische Billigflieger bezeichnet den deutschen Luftverkehr in seinem Positionspapier als Schlusslicht in Europa. Das Passagieraufkommen liege weiterhin bei nur 89 Prozent des Vorkrisenniveaus, während andere große EU-Märkte ihr Vorkrisenniveau bereits überschritten hätten.
Ursache seien überhöhte Flughafenentgelte, eine der höchsten Luftverkehrssteuern Europas, eine ineffiziente Flugsicherung sowie hohe Luftsicherheitsgebühren. Die Rücknahme der Steuererhöhung von 2024 sei zwar ein erster positiver Schritt, reiche aber bei Weitem nicht aus.
Die Airline fordert die vollständige Abschaffung der Luftverkehrsteuer nach dem Vorbild Ungarns, Schwedens oder einzelner italienischer Regionen, eine Senkung der Flughafenentgelte um 50 Prozent, eine Deckelung der Flugsicherungsgebühren auf maximal 100 Euro je Flug sowie der Luftsicherheitsgebühren auf zwei2 Euro pro Passagier.
Bereits angekündigt hat die Fluggesellschaft den Abzug aller sieben am Berliner Flughafen BER stationierten Flugzeuge zum Winterflugplan 2026. Als Gründe nennt sie hohe Standortkosten, steigende Gebühren und das aus ihrer Sicht starre Nachtflugverbot am Hauptstadtflughafen.
ADV sieht auch Stärken im Entwurf
Der Flughafenverband ADV begrüßt den Strategieentwurf und das vorgesehene Entlastungspaket dagegen. ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel hob hervor, dass die Strategie das dichte Netz deutscher Verkehrsflughäfen ausdrücklich als Stärke des Standorts anerkenne und Flughäfen als kritische Infrastruktur einordne.
Positiv bewertet der Verband zudem das klare Signal zu den Betriebszeiten. 24/7-Flughäfen würden als unverzichtbar für Luft- und Expressfracht eingestuft. Bestehende Betriebsregelungen genössen Bestandsschutz. Auch die geplante Absenkung der Flugsicherungsgebühren sowie die Rücknahme der Luftverkehrsteuererhöhung würden zentrale ADV-Forderungen aufgreifen. Entscheidend werde nun sein, so der Verband, dass die angekündigten Maßnahmen verbindlich, finanziell hinterlegt und zügig umgesetzt würden.
Was im Entwurf steht
Laut Strategieentwurf will die Bundesregierung die nationale Gesamtverteidigung als "gesamtgesellschaftliche Aufgabe" verstehen, in der auch die Zivilluftfahrt eine Rolle spielt. Zivile Infrastrukturen sollen im Verteidigungsfall flexibel einsetzbar sein. Die Bundesregierung strebt eine engere Verzahnung ziviler und militärischer Industriekompetenzen an, um Dual-Use-Potenziale besser zu nutzen und Lieferketten zu stärken.
Bundeskanzler Friedrich Merz, Forschungsministerin Dorothee Bär © dts Nachrichtenagentur
Ein weiteres Kernstück der Strategie ist die Förderung erneuerbarer Flugkraftstoffe (Sustainable Aviation Fuels, SAF). Für den Markthochlauf von strombasierten synthetischen Kraftstoffen (eSAF) stellt die Bundesregierung im Haushalt 2026 bis zu zwei Milliarden Euro für die Jahre 2030 bis 2039 bereit.
Für die kommende Generation von Kurzstreckenflugzeugen – den sogenannten Next Generation Single Aisle – kündigt die Bundesregierung an, die Industrie bei der Übernahme von Gesamtsystemverantwortung zu unterstützen und deutsche Kernkompetenzen wie Strukturen, Rumpf, Kabine und Triebwerkstechnologien gezielt zu stärken.
Als Soroftmaßnahme nennt die Strategie die Rücknahme der letzten Erhöhung der Luftverkehrsteuersätze auf das Niveau vor dem 1. Mai 2024. Parallel dazu sollen die Flugsicherungsgebühren noch in diesem Jahr erstmals reduziert werden – bis 2029 sollen sie insgesamt um deutlich mehr als zehn Prozent sinken. Zusätzlich sollen Prozess- und Effizienzverbesserungen die Kosten für Luftsicherheitskontrollen an Flughäfen senken. Die Maßnahmen sind Teil eines ersten Entlastungspakets, das der Koalitionsausschuss beschlossen hat.
Strategie soll zur ILA präsentiert werden
Die Idee für eine nationale Luftfahrtstrategie geht auf den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD zurück. Die Eckpunkte wurden im Oktober 2025 erarbeitet.
Die ursprünglich bereits für Ende 2025 geplante Finalisierung der Strategie war dann allerdings zunächst auf das erste Quartal 2026 und schließlich auf den Juni verschoben worden.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte zuletzt angekündigt, die finale Strategie zum Start der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin Mitte Juni vorzulegen.