Der Luftverkehr in Osteuropa wächst schneller als der gesamteuropäische Durchschnitt – und er wächst aus Gründen, die sich mit reinen Verkehrszahlen nicht erklären lassen. Im sechsten Teil der airliners.de-Osteuropa-Serie nehmen Anna Tomová, Alena Novák Sedláčková und Kristína Kováčiková vom Lehrstuhl für Luftverkehr der Universität Žilina die Slowakische Republik unter die Lupe: ein Land, das seit 1993 mehrfach versucht hat, eine nationale Linienfluggesellschaft zu etablieren – stets ohne Erfolg. Der Beitrag zeichnet nach, wie Korporatisierung, Privatisierungsversuche und staatliche Beihilfepolitik einen Markt prägten, dessen Potenzial vor allem von nicht-slowakischen Akteuren erschlossen wurde.
Einleitung
Die Entwicklung der kommerziellen Luftfahrt in den postsozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas wurde von mehreren spezifischen Faktoren beeinflusst, die die Entwicklung der Branche in ihrem zyklischen Wandel begleiteten. Die Transformation der Wirtschafts- und politischen Systeme in den postsozialistischen Ländern hin zu einer Marktwirtschaft und die Entwicklung eines demokratischen politischen Systems stellten einen einzigartigen Prozess mit weitreichenden Folgen für den kommerziellen Luftverkehr dar. Die Abkehr vom staatlichen Wirtschaftsdirigismus und die Abwendung von der Ideologie des Staatseigentums veränderten die wirtschaftliche Architektur der Luftverkehrsbranche in diesen Ländern grundlegend, wenn auch nicht einheitlich in allen postsozialistischen Staaten.
Die Slowakische Republik (SR) nimmt in dieser Hinsicht eine besondere Stellung ein. Neben den gemeinsamen Meilensteinen in der Entwicklung der kommerziellen Luftfahrt – wie etwa dem EU-Beitritt im Jahr 2004 – war die Entwicklung der kommerziellen Luftfahrt in der SR zusätzlich durch die Auflösung der vereinten Tschechoslowakei in zwei unabhängige Staaten am 1. Januar 1993 geprägt.
Vor der Auflösung der Tschechoslowakei war die historische "nationale Fluggesellschaft" Czechoslovak Airlines der zentrale Akteur im kommerziellen Luftverkehr. Nach der Teilung 1993 wurde die Fluggesellschaft zur juristischen Person der Tschechischen Republik (in öffentlichem Eigentum). Gleichzeitig wurde der Unternehmensname in České aerolinie geändert, während die etablierte und international anerkannte Marke CSA beibehalten wurde. Die Flughäfen in beiden Teilen der Föderation – und anschließend in den unabhängigen Republiken – wurden seit dem 1. Januar 1991 von der Slowakischen Flughafenverwaltung und der Tschechischen Flughafenverwaltung verwaltet. Die Slowakische Flughafenverwaltung, welche eine staatlich finanzierte Organisation war, übernahm die Verwaltung der Flughäfen in Bratislava, Košice, Piešťany, Poprad-Tatry, Sliač und Žilina von der CSA (und von der Armee).
Vor der Gründung der unabhängigen Republik wurden die Flugnavigationsdienste in der Tschechoslowakei von der Flugsicherungsbehörde erbracht, die innerhalb der staatlichen Zivilluftfahrtverwaltung mit Sitz in Prag angesiedelt war.
Daraus lässt sich für den Zeitraum 1989 bis 1992 – also bereits während der Transformation des politischen und wirtschaftlichen Systems – das Organisations- und Verwaltungsmodell der kommerziellen Luftfahrt ableiten. Dieses war durch eine starke Zentralisierung innerhalb der Föderation geprägt. Hinzu kamen das fortbestehende öffentliche Eigentum an der Czechoslovak Airlines sowie ein nicht korporatisiertes System der Flughafenorganisation und -verwaltung, das sich ebenfalls in öffentlichem Eigentum befand und den Republiken erst ab 1991 eine partielle wirtschaftliche und organisatorische Eigenständigkeit einräumte. Auch die Flugnavigationsdienste waren nicht korporatisiert und föderal zentral organisiert.
Im folgenden Abschnitt werden bedeutende Ereignisse in der Entwicklung der kommerziellen Luftfahrt in der unabhängigen SR erläutert. Die Einordnung erfolgt nach dem Zeitraum vor dem EU-Beitritt (1993–2004) und dem Zeitraum nach dem Beitritt (seit 2005).
Veränderungen im Zeitraum 1993–2004
Als Nachfolgestaat der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik erwarb die Slowakische Republik dabei die Mitgliedschaft in der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) und der Europäischen Zivilluftfahrtkonferenz (ECAC).
Die sogenannte Vorbeitrittsperiode ist durch die Korporatisierung der Luftfahrtinfrastruktur sowie durch mehrere Markteinstiege neuer nationaler Fluggesellschaften gekennzeichnet.