Hinweis: Zum Jahreswechsel veröffentlichen wir ausgewählte airliners+-Artikel der vergangenen Monate nochmals – aber ohne Paywall. Dieser Artikel ist erstmals am 02.03.2022 erschienen.
Europa hat seinen Luftraum als Teil eines Sanktionspakets in Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine für russische Flugzeuge gesperrt. In der Folge sperrt Russland nun seinerseits Flugzeuge europäischer Fluggesellschaften aus.
Damit fällt der direkte Luftverkehr zwischen Europa und Russland derzeit komplett flach, was vor allem in Deutschland, dem wichtigsten EU-Luftverkehrsmarkt ab Russland, zu Einschränkungen führt. Dieser Markt wird aber vor allem von russischen Anbietern geprägt, wie eine aktuelle airliners.de-Auswertung zeigt.
Dieses Ungleichgewicht im Direktverkehr hat die deutsche Seite in den Verhandlungen um die Luftverkehrsrechte mit Russland aber nie besonders gestört, erfuhr airliners.de aus informierten Kreisen.
Primäres Ziel der Deutschen war demnach stets, dass deutsche Fluggesellschaften, also vor allem die Lufthansa, genügend Überflugrechte über Russland nach Fernost erhält.
Die meistbeflogenen Routen
Das ist durchaus nachzuvollziehen, denn die Luftkorridore über Russland sind für europäische Fluggesellschaften wie Lufthansa, British Airways, KLM oder Air France wichtig, wenn sie nach Asien fliegen wollen. Und das wollen sie, denn die Flugrouten zwischen Europa und Asien waren zuletzt - also vor Corona - die meist Nachgefragten weltweit.
Allein die Lufthansa hatte vor der Pandemie knapp 200 wöchentliche Umläufe über Sibirien in Richtung China, Japan und Korea. Das sind gleichzeitig auch die meistbeflogenen Strecken Richtung Asien aus Deutschland, wie diese Auflistung der Top-10-Asien-Destinationen zeigt:
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Bei Zielen wie Korea ist nun zwar aus Nordeuropa vielfach eine nördliche Ausweichroute möglich. Flüge aus Deutschland in Richtung China und Japan können alternativ über den Nahen Osten geplant werden, was im Vergleich zum Russland-Routing deutlich längere Flugzeiten und mehr Kerosinverbrauch bedeutet.
Auf Nachfrage bei der Lufthansa heißt es, dass es nun aller Voraussicht nach bei Zielen wie beispielsweise Seoul und Tokio-Haneda zu Verspätungen kommen könne. Mit Flugausfall sei "kaum zu rechnen".
Aus anderen Quellregionen Europas sind auch andere Ziele von der Luftraumsperrung betroffen. Wenn British Airways jetzt etwa von London nach Delhi fliegt, benötigen die Flugzeuge knapp eine Stunde länger und fliegen einen Umweg von fast 900 Kilometern.
Aus Deutschland heraus sind dagegen Zielländer wie Indien, Singapur oder Thailand weiterhin ohne größere Umwege zu erreichen, wie diese beispielhaften Großkreis-Plots zeigen:
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Finnair besonders betroffen
Deutlich härter als die Lufthansa, die schon lange etliche Asien-Flüge von den Flughäfen München und Wien südlich von Russland vorbeiführt, trifft das Überflugverbot die nordeuropäischen Airlines Finnair, SAS oder Lot. Sie wickeln ihr Asien-Geschäft bislang zu großen Teilen mit Flügen über Sibirien ab und können jetzt nicht so einfach auf andere Flugrouten ausweichen.
Finnair-Werbung: Fast alle Langstrecken gehen über Russland. © Finnair / airliners.de
Obwohl derzeit der asiatische Markt wegen Corona noch nicht wieder richtig Schwung aufgenommen hat, sind die Folgen hier bereits deutlich. So hat SAS ihre Japan-Flüge storniert und fliegt lange Umwege nach Shanghai.
Finnair muss sogar alle Flüge nach Japan, Korea und China streichen und hat in der Konsequenz alle Finanzprognosen für 2022 verworfen. Der Aktienkurs brach nach den Luftraumschließungen um ein Viertel ein und hat sich seitdem auch nicht wieder erholt.
Finnair hatte sich zuletzt als Asien-Sezialist positioniert und Helsinki strategisch als Asien-Drehkreuz aufgesetzt. Nun muss Finnair neu planen - für den Fall, dass die aktuelle Situation länger andauert.
Dann hätte die neue Situation aber deutlich weitreichende Folgen, auch für ganz andere Airlines.
Fokus auf den Nordatlantik
Eine Zwischenlösung für Finnair - aber auch für andere Fluggesellschaften aus dem Norden Europas - könnte zunächst einmal ein Shift ihrer Kapazitäten in Richtung Nordatlantik sein. Doch genau hier tummeln sich in Folge der in weiten Teilen Asiens weiterhin bestehenden Corona-Einreisebeschränkungen schon etliche Anbieter.
So hatte Lufthansa ihr USA-Angebot zuletzt stark ausgebaut, auch Eurowings Discover fliegt und sogar Condor setzt im Sommer auf klassische Rennstreckenziele wie New York oder Los Angeles.
Auch Newcomer wie die isländische Play oder der Norwegian-Langstreckennachfolger Norse Atlantic tummeln sich im Haifischbecken zwischen Europa und Amerika. Die Folge: Überkapazitäten, sinkende Tarife und geringere Einnahmen für alle Marktteilnehmer.
Probleme mit der Fracht
Der wegen Corona ohnehin eingeschränkte Luftfrachtmakt, der auch zwischen Asien und Europa in Normalzeiten stark auf die Belly-Kapazitäten der Passagierflugzeuge angewiesen ist, steht nun ebenfalls vor neuen Herausforderungen.
Die Luftraumsperrungen gelten schließlich auch für Vollfrachter. Für Corona-Schutzausrüstung oder Corona-Testlieferungen könnte es aber Ausnahmen geben, denn humanitäre Flüge sollen weiterhin möglich sein. Hier waren bislang zahlreiche russische Anbieter stark im Chartergeschäft tätig.
Nun erwarten Beobachter, dass die Frachtraten zwischen Asien und Europa noch weiter ansteigen. Die Umwege verteuern die weiterhin stattfindenden Flüge, während die Kapazität insgesamt abnimmt.
Asiatische Carrier fliegen noch über Russland
Wie sich die neue Situation auf den Gesamtmarkt zwischen Europa und Asien auswirken wird, ist derweil aber noch komplett unklar. Zahlreiche befragte Experten und Airlines wollten sich dazu nicht äußern.
Es sei noch zu früh, um auf Fragen nach neuen Strategien und Schwerpunkten in der Streckenplanung zu antworten, heißt es etwas bei Lufthansa. Die Branche wartet erst einmal ab, wie lange das gegenseitige Flugverbot Bestand haben wird.
Eines steht in der Momentaufnahme fest, auch wenn sich das jederzeit ändern kann: Asiatische Carrier dürfen weiter direkt über Russland fliegen. Fluggesellschaften aus Ländern wie China, Japan und Korea sind nicht von den russischen Sanktionen betroffen - und haben somit derzeit als Einzige die schnellsten Europa-Routen im Angebot. Als erste Airline hat jetzt die japanische ANA bereits angekündigt, deutlich häufiger nach Europa zu fliegen.
Turkish Airlines und Golf-Carrier profitieren
Während die europäischen Fluggesellschaften durch eine Sperrung des russischen Luftraums also in Bedrängnis geraten, könnten andere profitieren. Wie schon im Verkehr zwischen Russland und Europa sitzt beispielsweise Turkish Airlines mit ihrem Hub in Istanbul in einer "neuen Luftverkehrsweltordnung ohne Russland" perfekt positioniert zwischen Europa und Asien.
Ein Airbus A330-200 von Turkish Airlines startet in Istanbul. © AirTeamImages.com / Andrew Hunt
Auch Golf-Carrier wie Emirates, Qatar Airways oder Etihad, die ihre Asien-Flüge mit Zwischenstopp in Dubai, Doha oder Abu Dhabi abwickeln, könnten zu den Gewinnern gehören, sollten die Sperren über Russland länger anhalten. Diese Anbieter sind auf Asien-Strecken bestens etabliert und buhlen schon lange mit niedrigen Preisen um europäische Kunden.
Vor allem Qatar Airways sitzt nach der Unterzeichnung eines gesamteuropäischen Luftverkehrsabkommens auf der Pole-Position. Dabei ist die Airline aus dem Emirat Katar selbst politische Luftraumsperren gewohnt. Lange Zeit durfte Qatar Airways nicht über Ägypten, Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate fliegen.
Etliche europäische und alle deutsche Airlines haben ihrerseits zwar Open-Skies-Rechte etwa in Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten und können dort zwischenlanden, so viel sie wollen. Der Vorteil, den europäische Airlines ihren Asien-Kunden mit einem Direktflug über Russland bieten konnten, fällt mit dem russischen Luftraum aber erst einmal weg.
Bislang flogen nämlich vor allem die preissensibleren Kunden mit Golf-Airlines nach Asien, die von einer längeren Flugzeit mit Zwischenstopp weniger abgeschreckt werden als Geschäftsreisende.
Das könnte sich nun ändern, wenn auch die Europäer auf den wichtigen Rennstrecken nach Asien häufiger mal einen Zwischenstopp am Golf einlegen müssen. Ein weiterer Schlag für die europäischen Anbieter, nachdem erwartet wird, dass die geschäftsreisenden Vollzahler nach Corona deutlich weniger werden.
Aeroflot kann fast nur noch nach Asien fliegen
Derweil treffen die internationalen Sanktionen für russische Fluggesellschaften beispielsweise Aeroflot ins Mark. Neben dem europäischen Luftraum sind auch Kanada-Überflüge derzeit für die Russen nicht möglich. Auch die USA haben eine Sperrung des Luftraums angekündigt.
Russische Airlines sind somit im internationalen Verkehr im Wesentlichen auf direkte Nachbarstaaten beziehungsweise Asien beschränkt. Die Airline teilte mit, dass sie aufgrund der aktuellen Sperrungen alle Flüge in die Vereinigten Staaten, nach Mexiko, Kuba und in die Dominikanische Republik gestrichen hat.
Zu den Luftraumsperren kommen für russische Fluggesellschaften aber noch weitaus härte Wirtschaftssanktionen hinzu. So hat die EU ein Ausfuhrverbot für Güter, Technologien und Dienstleistungen für die Luftfahrtindustrie erlassen. Rund drei Viertel der derzeitigen russischen Verkehrsflugzeugflotte sind in der EU, den USA oder Kanada gebaut worden.
| Typ | Anzahl |
|---|---|
| A319 | 28 |
| A320 | 70 |
| A321 | 35 |
| A330 | 12 |
| A350 | 8 |
| B737 | 39 |
| B777 | 28 |
| SSJ100 | 76 |
Diese Grafik zeigt die Flotte der russischen Staats-Airline Aeroflot, Stand Februar 2022Quelle: CH-Aviation
Der Ausschluss von Ersatzteillieferungen, Komponentenversorgung und Wartungsmöglichkeiten für das westliche Fluggerät wird über kurz oder lang ein großes Problem für die Betreiber. So besteht die komplette aktuelle Langstreckenflotte der Aeroflot aus westlichen Importen.
Hinzu kommt, dass zahlreiche Flugzeuge von westlichen Leasinggebern stammen, die nun ihre Leistungen nicht mehr wie gewohnt anbieten dürfen und Flugzeuge zurückfordern müssen.