Vom Turboprop-Pionier zum gefragten Bestseller: Embraer hat sich mit der E2-Familie fest im Markt der kleinen Zweistrahler etabliert – trotz harter Konkurrenz durch den Airbus A220 und anhaltender Triebwerksprobleme. Unser Autor Andreas Spaeth hat das Werk in São José dos Campos besucht und mit Konzernchef Francisco Gomes Neto sowie Embraer-Commercial-Aircraft-CEO Arjen Meijer gesprochen.
Vom Turboprop-Pionier zur erfolgreichen E2-Familie
Der 2024 neu eröffnete Haupteingang der Embraer-Zentrale erscheint wie der lebendig gewordene Traum jedes Luftfahrtfans. Seit 1969, dem Gründungsjahr der Empresa Brasileira de Aeronáutica, kurz Embraer, befindet sich die Hauptverwaltung des brasilianischen Flugzeugherstellers in São José dos Campos, einer Industriestadt gut eine Stunde Fahrt von der Mega-Metropole São Paulo entfernt. Wer diese Einfahrt heute passiert, fährt unter einer strahlend blauen Überdachung hindurch, die wie ein großer Tisch aussieht, auf dem oben ein Flugzeugmodell steht. Tatsächlich ist der "Tisch" acht Meter lang und rund sechs Meter hoch. Das "Modell" mit der Nase in angehobener Startposition oben drauf ist eine echte EMB 110 Bandeirante (gesprochen "Banderantschi"), das erste Verkehrsflugzeug aus Brasilien.
Einfahrt zu den Produktionshallen von Embraer in Brasilien. : Die Einfahrt zu einem Embraer-Werksgelände mit blauem Torbogen, Firmenlogo und einem kleinen Flugzeug auf dem Dach. Im Hintergrund stehen Produktionshallen, das Bild ist bei klarem Sonnenschein aufgenommen. © Embraer
Zwischen 1968 und 1990 wurden von der zweimotorigen Turboprop für bis zu 18 Passagiere über 500 Stück gebaut, ein erster Achtungserfolg für Flugzeuge Made in Brazil. Die daraus 1985 abgeleitete 30-sitzige EMB 120 Brasilia flog auch in Deutschland bei der Lufthansa-Regionaltochter DLT. Darauf folgten ein Jahrzehnt später die höchst erfolgreichen Embraer Regional Jets (ERJ) für 37 bis 50 Passagiere, die den Brasilianern den ersten Welterfolg bescherten. Und dann ab 2001 die E-Jet-Familie für 70 bis 120 Passagiere, von der fast 1800 gebaut wurden. Launch Customer war 1999 die damals führende europäische Regionalgesellschaft Crossair aus der Schweiz.
Ihr Patriarch Moritz Suter wollte einen größeren Regionaljet, aber garantiert ohne Mittelsitze, daher der relativ schmale Rumpfquerschnitt mit "2+2"-Sitzen je Reihe, bis heute unverändert in der aktuellen E2 anzutreffen. Doch erster Betreiber wurde 2004 die polnische Lot, denn Crossair existierte nach der Swissair-Pleite 2001 nicht mehr als eigenständige Regionallinie. Sie lieh stattdessen der Nachfolgerin Swiss International Air Lines ihr Luftverkehrsbetreiberzeugnis (AOC) für den Neuaufbau.