In der Serie "GARS Nachwuchsforschung", gemeinsam mit der German Aviation Research Society (GARS), stellen junge Forschende aus dem Luftverkehrsbereich einem Fachpublikum ihre Forschungsarbeiten vor. Die Themen reichen von Netzwerkstrategie und Wettbewerb über Flughafenökonomie und Luftverkehrspolitik bis hin zu Nachhaltigkeit und Digitalisierung.
Seit einigen Jahren gilt Fliegen in Teilen Europas nicht mehr nur als bequem, sondern zunehmend als moralisch aufgeladen. Der Begriff Flugscham beschreibt dieses Unbehagen – doch führt er auch zu weniger Flugreisen? Doris Antczak von der Poznań University of Economics and Business analysiert anhand einer aktuellen Studie unter polnischen Verbrauchern sowie ergänzenden Erhebungen aus Schweden, wie groß die Lücke zwischen Einstellung und tatsächlichem Verhalten bleibt und was das für die Luftfahrtbranche bedeutet.
Noch vor wenigen Jahren stand Fliegen in Europa als Symbol für Freiheit, Mobilität und einen modernen Lebensstil. Heute wird es zunehmend mit Unbehagen verbunden – nicht logistischer, sondern moralischer Natur. In Europa hat sich ein neues Phänomen etabliert: die "Flugscham" (schwedisch: flygskam, englisch: flight shame). Der Begriff beschreibt eine emotionale Reaktion – Schuld- oder Schamgefühle – im Zusammenhang mit Flugreisen und deren Klimawirkung.
Ihren Ursprung hat die Debatte in Schweden, wo die öffentliche Diskussion über den Klimawandel besonders intensiv geführt wird. Innerhalb kurzer Zeit verbreitete sich das Phänomen auf weitere europäische Länder, darunter Deutschland, wo der Begriff Flugscham inzwischen fest im medialen Diskurs verankert ist.
Zwischen Werten und Alltag: Die Psychologie der Flugscham
Das Phänomen der Flugscham reiht sich in einen breiteren Forschungszweig zur Rolle von Emotionen bei Konsumentscheidungen ein. Der sogenannten "Affect-as-Information"-Theorie zufolge fungieren Emotionen als kognitive Signale, die beeinflussen, wie Menschen Situationen bewerten und Entscheidungen treffen. Psychologische Forschung zeigt zudem, dass Emotionen wie Schuld und Scham vor allem in moralisch aufgeladenen Situationen eine wichtige Rolle spielen – insbesondere dann, wenn Menschen eine Diskrepanz zwischen ihren Werten und ihrem tatsächlichen Verhalten wahrnehmen.
Passagiere sind auf dem Flughafen Palma de Mallorca unterwegs. : Reisende mit Koffern und Rucksäcken gehen durch einen hellen Flughafen-Terminalbereich. Der Boden ist glatt und stark reflektierend, die Decke ist mit langen Lichtleisten ausgestattet. Im Hintergrund hängen Wegweiser; die Szene wirkt wie ein belebter Abflug- oder Umsteigebereich am Flughafen Palma de Mallorca. © DPA / Clara Margais
Im Kontext des Flugverkehrs wird dieser Konflikt besonders sichtbar. Auf der einen Seite ermöglicht Fliegen schnelle und komfortable Mobilität, auf der anderen Seite gilt es zunehmend als bedeutende Quelle von Treibhausgasemissionen. Daraus entsteht das sogenannte "Fliegen-Dilemma" – eine Spannung zwischen der eigenen Identität als umweltbewusster Mensch und den tatsächlichen Reiseentscheidungen.
Schweden als Ursprungsland: flygskam und tågskryt
Die ersten Beobachtungen dieses Phänomens stammen aus Schweden. Parallel zur wachsenden Klimadebatte entstand dort nicht nur der Begriff flygskam, sondern auch ein verwandter Trend namens tågskryt – wörtlich "Zug-Angeberei", also das offene Werben für die Bahn als umweltfreundlichere Alternative. Dabei blieb es nicht bei bloßen Absichtserklärungen: Im Jahr 2018 sank die Zahl der Flugreisen in Schweden um etwa 23 Prozent.
Das Phänomen verbreitete sich rasch in weiteren europäischen Ländern. In Deutschland wurde der Begriff Flugscham Teil des öffentlichen Diskurses und spiegelte das wachsende gesellschaftliche Bewusstsein für die Umweltauswirkungen des Verkehrs wider. Frühere Umfragen deuteten darauf hin, dass rund 23 Prozent der deutschen Befragten mindestens einen Flug aus Umweltgründen aufgegeben hatten, während ein erheblicher Teil der Bevölkerung angab, den eigenen Flugverkehr künftig reduzieren zu wollen.
Trotz dieser Bekenntnisse zeigt sich die Realität komplexer. Selbst in Ländern mit hohem Umweltbewusstsein bleibt eine Lücke zwischen Einstellung und tatsächlichem Verhalten bestehen. So äußern zwar die meisten Schwedinnen und Schweden Besorgnis über den Klimawandel und erkennen die Auswirkungen des Flugverkehrs an – dennoch fliegen sie weiterhin deutlich häufiger als der weltweite Durchschnitt.
Polen im Fokus: Bewusstsein wächst, Verhalten bleibt stabil
Besonders deutlich wird das Problem in Polen. Eine Untersuchung unter polnischen Verbrauchern zeigt: Obwohl das Umweltbewusstsein zunimmt, bleiben tatsächliche Veränderungen im Reiseverhalten begrenzt. Die zugrunde liegende Erhebung führte die Autorin im Rahmen ihrer Promotion zu Verkehrsverhalten und umweltbewusstem Konsum selbst durch. Sie wurde im Juni 2024 unter einer bundesweiten Stichprobe erwachsener Menschen in Polen (567 Teilnehmende) erhoben, ausgewählt per Quotenverfahren nach zentralen demografischen Merkmalen und Reisegewohnheiten.
Die Anwendung des transtheoretischen Modells der Verhaltensänderung nach Prochaska und DiClemente erlaubt es, die Bereitschaft einzelner Menschen zur Reduzierung von Flugreisen zu erfassen.
Die Ergebnisse zeigen: 39,68 Prozent der Befragten denken gar nicht darüber nach, ihr Verhalten zu ändern – sie befinden sich in der sogenannten Vor-Überlegungsphase (Precontemplation). Gleichzeitig befinden sich mehr als 60 Prozent in den Phasen von der Überlegung bis zur Aufrechterhaltung, ziehen also zumindest umweltfreundlichere Entscheidungen in Betracht. Die größten Gruppen bilden Menschen, die über eine Verhaltensänderung nachdenken oder sich auf deren Umsetzung vorbereiten, während nur ein kleiner Teil neue Verhaltensweisen bereits tatsächlich umgesetzt und dauerhaft beibehalten hat.
Diese Ergebnisse bestätigen die sogenannte Einstellungs-Verhaltens-Lücke, die zu den zentralen Herausforderungen bei der Transformation heutiger Verkehrssysteme zählt. Trotz wachsendem Umweltbewusstsein orientieren sich Verbraucherinnen und Verbraucher weiterhin an Faktoren wie Reisezeit, Kosten, Komfort und Gewohnheit. Für viele bleibt Fliegen daher die attraktivste Option – besonders auf mittleren und langen Distanzen.
Diese Ergebnisse decken sich mit breiteren europäischen Beobachtungen: Zwar wächst das Klimabewusstsein, doch der Übergang von erklärten Absichten zu tatsächlicher Verhaltensänderung verläuft weiterhin schrittweise und uneinheitlich.
Wie Menschen den Klimawandel wahrnehmen
Ein zentraler Faktor zur Erklärung der Lücke zwischen Einstellung und Verhalten ist die individuelle Wahrnehmung des Klimawandels und der damit verbundenen Risiken. Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von mentalen Modellen des Klimarisikos – vereinfachten psychologischen Vorstellungen der Realität, die beeinflussen, wie Menschen Phänomene interpretieren und Entscheidungen treffen.
Die Ergebnisse der Befragung unter polnischen Teilnehmenden zeigen deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung des Klimawandels. Zwar erkennt die Mehrheit das Problem grundsätzlich an, am häufigsten wird es jedoch als moderate Bedrohung (57,67 Prozent) eingeschätzt, die keine unmittelbare Reaktion erfordert. Gleichzeitig betrachtet etwa ein Drittel der Befragten (33,33 Prozent) den Klimawandel als dramatisches, potenziell katastrophales Phänomen, während knapp neun Prozent ihn gar nicht als reale Bedrohung wahrnehmen.
Auch bei den Ursachen des Klimawandels zeigen sich unterschiedliche Deutungen. Die vorherrschende Sichtweise ist die einer gemischten Ursache: 65,26 Prozent der Befragten sehen sowohl natürliche Faktoren als auch menschliches Handeln als Ursache, während lediglich 27,16 Prozent den Klimawandel ausschließlich auf menschliches Handeln zurückführen. Eine kleine, aber bemerkenswerte Gruppe verneint jeden menschlichen Einfluss auf das Klima – ein Hinweis auf vereinfachte oder verzerrte kognitive Modelle.
Ein weiterer wichtiger Faktor für die Wahrnehmung des Klimarisikos ist der zeitliche Horizont. Manche Befragte betrachten den Klimawandel als ein fernes Problem, andere gehen davon aus, dass sich dessen Folgen bereits in wenigen Jahren – oder schon jetzt – zeigen. Solche Unterschiede in der wahrgenommenen zeitlichen Dringlichkeit und dem Ausmaß der Bedrohung können die Bereitschaft einschränken, sich umweltbewusst zu verhalten, etwa bei der Wahl des Verkehrsmittels.
Fazit: Ein Wandel im Werden
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Fehlen eines klaren und einheitlichen Verständnisses von Klimarisiken eine bedeutende Hürde für Verhaltensänderungen darstellen kann. Selbst wenn das Bewusstsein wächst, beeinflussen unterschiedliche Interpretationen des Problems, wie stark Menschen sich engagieren und bereit sind, auf emissionsintensivere Verkehrsmittel wie das Flugzeug zu verzichten.
Passagiere stehen im Flughafen Dresden auf der Aussichtsplattform. : Zwei Personen mit Gepäck stehen auf einer Aussichtsplattform im Flughafen Dresden. Sie sind im Gegenlicht vor großen Fenstern zu sehen, durch die ein klarer, hellblauer Himmel scheint. Die Silhouetten vermitteln eine ruhige Atmosphäre und zeigen die modernen Flughafenstrukturen. © DPA / Sebastian Kahnert
In diesem Zusammenhang offenbart das Phänomen der Flugscham einen tiefer liegenden Konflikt, der für heutige Gesellschaften charakteristisch ist – eine Spannung zwischen Werten und alltäglichen Entscheidungen. Gleichzeitig signalisiert es einen fortlaufenden Wandel: In vielen Fällen haben Verbraucherinnen und Verbraucher ihr Verhalten noch nicht verändert, beginnen jedoch, es zu hinterfragen und über ihre Entscheidungen nachzudenken.
Aus Sicht der Luftfahrtbranche bedeutet das, sich auf veränderte gesellschaftliche Erwartungen einstellen zu müssen. Die wachsende Bedeutung von Emotionen, zunehmender regulatorischer Druck und sich wandelnde Konsumentenhaltungen könnten künftig zu deutlichen Veränderungen im Reiseverhalten führen.
Flugscham ist damit nicht nur ein vorübergehender Trend, sondern Teil eines umfassenderen gesellschaftlichen Wandels. Die Zukunft der Mobilität in Europa wird nicht allein von Technologie oder Regulierung abhängen, sondern auch davon, wie Menschen ihre eigene Verantwortung wahrnehmen – und welche Bedeutung sie ihren alltäglichen Entscheidungen zumessen.
Hinweis: Dieser Artikel wurde von der airliners.de-Redaktion aus dem Englischen übersetzt.