Ryanair streicht weitere Flüge in Deutschland

Exklusiv 28.09.2018 - 07:04 0 Kommentare

Insgesamt 140 Verbindungen: Der Riesen-Streik in sechs Ländern belastet Ryanair nach airliners.de-Recherchen bis zum Mittag stärker als angenommen. Indes regt sich unter den deutschen Flughäfen Unmut über die Streithähne.

Boeing 737 von Ryanair. - © © AirTeamImages.com - Serge Bailleul

Boeing 737 von Ryanair. © AirTeamImages.com /Serge Bailleul

Wegen der Flugbegleiter- und zum Teil auch Pilotenstreiks in sechs europäischen Ländern streicht Ryanair am Freitag immer mehr Flüge. So hat sich die Summe der annullierten Verbindungen nach einer airliners.de-Auswertung von Flugplandaten am späten Mittag noch einmal um fast zwei Punkte auf 39,2 Prozent erhöht. In absoluten Zahlen sind das 140 der von und nach Deutschland angebotenen 357 Flüge. Am Morgen lag der Wert noch bei 37,3 Prozent beziehungsweise 133 Flügen.

Abflüge und Ankünfte in Deutschland
Annulliert Geplant
Berlin-
Schönefeld
52 37
Bremen 4 12
Köln/
Bonn
19 34
Dortmund 0 2
Düsseldorf 2 2
Weeze 20 13
Hahn 7 24
Frankfurt 21 22
Hamburg 15 17
Karlsruhe/
Baden-Baden
0 16
Memmingen 0 12
München 0 4
Nürnberg 0 18
Stuttgart 0 4

Anmerkung: Für sieben Flüge liegen keine Informationen vor.Quelle:eigene Recherche, Stand: 13 Uhr

Am Mittag zeigen sich zudem noch einmal viele eklatante Verspätungen von bis zu mehreren Stunden. Denn, so berichten Passagiere unserer Redaktion: Ryanair lasse Maschinen am Boden warten, bis Crews, die man für deren Einsatz spontan zum Zielort fliegen möchten, an Bord seien.

Airline selbst nennt niedrige Zahlen

Der Low-Cost-Carrier selbst dementierte die Zahlen von airliners.de, nach denen fast 40 Prozent der Flüge von und nach Deutschland gestrichen wurden. "Das ist unwahr. Es sind weniger als 20 Prozent", erklärte ein Sprecher. "Über 80 Prozent unserer Flüge von und nach Deutschland werden planmäßig durchgeführt."

Am Donnerstagnachmittag hatte Ryanair noch davon gesprochen, dass die Ausstände nicht einmal zu 45 Flugstreichungen, also zehn Prozent, der Deutschland-Verbindungen führen würden. Zu dem Zeitpunkt hatte in Deutschland lediglich die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) die Streikbeteiligung bekannt gemacht.

Verdi rief erst später die rund 1000 Flugbegleiter hierzulande zum Ausstand auf. Laut "Bild.de" lag die Zahl der gestrichenen Flüge danach bei 100. Die Flughäfen sprachen zu dem Zeitpunkt airliners.de gegenüber insgesamt von "über 70" Annullierungen.

Auch Lauda Motion ist betroffen

Neben Ryanair selbst sind auch Verbindungen der österreichischen Tochter Lauda Motion von dem Ausstand betroffen. Denn die Iren fliegen aktuell mit zehn Maschinen im Wet-Lease unter "OE"-Flugcode. Lauda Motion gab bekannt, dass lediglich acht der insgesamt 72 Verbindungen von und nach Deutschland betroffen sind.

Bisherige Streiks

Auch in der Rückschau wird deutlich, dass die bisherigen Streiks Ryanair deutlich beeinträchtigt haben. Wie EU Claim exklusiv für airliners.de ermittelte musste Ryanair an den bisherigen elf Streiktagen durchschnittlich 4,7 Prozent der geplanten Flüge streichen.

Annullierungen an Ryanair-Streiktagen
2017 2018
30. März 0.1 4.6
1. April 0.0 0.9
3. April 0.1 3.2
13. Juli 0.0 0.2
20. Juli 0.0 1.4
24. Juli 0.1 1.9
25. Juli 0.1 11.6
26. Juli 0.0 4.5
3. August 0.0 0.4
10. August 0.1 14.7
12. September 9.4 5.1

Quelle: EU Claim

Die teils eklatant unterschiedlich hohen Werte kommen daher zustande, dass nicht an allen Terminen in mehreren europäischen Ländern gestreikt würde. Gerade die gemeinsamen Kabinenstreiks am 25. Juli und 10. August haben eindeutige Spuren im Flugplan hinterlassen.

Streiktermine bei Ryanair

Flugbegleiter:

  • 30. März, 1. und 3. April: Portugal;
  • 25. Juli: Belgien, Italien, Portugal und Spanien;
  • 26. Juli: Belgien, Portugal und Spanien;
  • 12. September: Deutschland (Verdi);
  • 28. September: Belgien, Deutschland (Verdi), Italien, Niederlande, Portugal und Spanien.

Piloten:

  • 21. Dezember 2017: Warnstreik in Deutschland;
  • 13., 20., 24. Juli, 3. August: Irland;
  • 10. August: Belgien, Deutschland, Irland, Niederlande, Schweden
  • 12. September: Deutschland;
  • 28. September: Belgien, Deutschland, Niederlande.

Quelle: eigene Recherche

In ihren Forderungen sind sich die beiden Gewerkschaften sehr ähnlich - und bilden im Kern auch jene anderer europäischer Verbände ab. So drängen sie nicht nur auf eine bessere Bezahlung, sondern vor allem auf bessere Arbeitsbedingungen.

Ufo demonstriert Solidarität

Auch wenn sie nicht mit in den Ausstand trat, zeigt sich die Flugbegleitergewerkschaft Ufo, die parallel zu Verdi mit Ryanair verhandelt, solidarisch mit den Streikenden. Tarifvorstand Nicoley Baublies zeigt sich im Gespräch mit airliners.de solidarisch: "Wir finden es sehr richtig, dass die Arbeitskämpfe immer mehr um sich greifen." Auch in fein Verhandlungen von Ufo gehe es "mehr als zäh zur Sache".

Am Donnerstagnachmittag trafen sich Ufo und Management der Airline: "Wenn Ryanair, die für nächste Woche geforderten Zusagen nicht einhält, wird es auch bei uns zu Streiks kommen", stellt Baublies klar. "Vielleicht versteht Airline-Chef Michael O’Leary dann endlich, dass Hinhalterei und Lippenbekenntnisse nur zu noch größeren Streiks und Ärger führen."

Streiks in sechs Ländern

Neben den Flugbegleitern (Verdi) sowie Piloten (VC) in Deutschland beteiligen sich auch die Kabinen-Crews von Ryanair in Belgien, Italien, den Niederlanden, Portugal und Spanien an dem Ausstand. Hinzu kommen die Piloten in den beiden Benelux-Staaten.

Verteilung der Ryanair-Abflüge am 28. September
Angaben in Prozent
Italien 18.8
Großbritannien 18.6
Spanien 18.5
Deutschland 7.8
Irland 6.3
Portugal 4.3
Polen 4.3
Frankreich 4.1
Übrige Länder 17.3

Quelle: ch-Aviation

Europaweit seien rund 240 Flüge gestrichen worden, teilte Ryanair am Freitag mit. Am Tag zuvor hieß es noch, "nicht einmal 200 Flüge" würden ausfallen. Der Großteil der Beschäftigten beteilige sich nicht an den "völlig sinnlosen Maßnahmen".

Deutsche Airports in Sorge

Indes wächst gerade bei den deutschen Airports die Sorge, dass die Tarifstreitigkeiten auch sie noch langfristig beschäftigen werden. "Erst einmal ist offenbar keinerlei Einigung zu erkennen", beklagt ein Manager, "und dann haben wir alle Sorge, dass Ryanair die bestreikten Flughäfen zukünftig meiden wird."

Denn der Billigflieger ist bekannt dafür, die eigenen Jets dort zu stationieren, wo sie am meisten Rendite einbringen. "Und Geld verdient man mit Flugzeugen nicht, wenn sie streikbedingt am Boden stehen."

Ryanair zog 2011 im Streit um Altersversorgungen seine Flugzeuge aus Frankreich ab. Aktuell bedient der Billigflieger den dortigen Markt nur aus anderen Ländern heraus. Erst im kommenden Jahr traut sich die Airline mit vier Flugzeugen zurück nach Frankreich.

Angedrohte Verlagerung von Jets

Ein ähnliches Vorgehen zeichnete sich auch nach den ersten Pilotenstreiks in Irland an: Die Airline wollte die Flotte am Flughafen Dublin wegen schlechter Buchungen für den Winter um ein Fünftel schrumpfen. Nachdem die Piloten einem Tarifwerk zustimmten, das Beobachter als "reinsten Flickenteppich" bezeichneten, zog die Airline die Pläne wieder vom Tisch.

© dpa, Boris Roessler Lesen Sie auch: Ryanair streitet über den Kurs

Zwar zeigte sich das Airline-Management bezogen auf Verlagerung der in Deutschland stationierten 43 Jets angesichts der Streiks hiesiger Crews immer wieder gespalten. Doch spätestens in dieser Woche dürfte die Sorge vieler deutscher Airport-Chefs noch einmal zugenommen haben.

Ryanair-Basen in Deutschland im Sommer

Flughafen stationierte
Maschinen
Berlin-Schönefeld 9
Bremen 2
Düsseldorf 1
Frankfurt 10
Hamburg 2
Hahn 4
Karlsruhe/Baden-Baden 2
Köln/Bonn 4
Memmingen 1
Nürnberg 2
Weeze 6
Quelle: eigene Recherche

Denn Ryanair-Marketingchef Kenny Jacobs sagte jüngst zu airliners.de: "Diese wiederholten unnötigen Streiks schaden dem Geschäft von Ryanair und unseren Kunden in einer Zeit, in der die Ölpreise stark steigen." Wenn diese andauern, sei es unvermeidlich, "dass wir uns in diesem Winter und im Sommer 2019 erneut mit unserem Kapazitätswachstum auseinandersetzen müssen."

Von: cs, br
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