Luftfracht als strategischer Hebel für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit, © BDL/Die Hoffotografen
Dr. Joachim Lang © BDL / Die Hoffotografen
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Das Branchengespräch Luftfracht 2026, organisiert von BDL, BDI und DSLV, bietet eine Plattform für den Austausch zwischen Politik, Wirtschaft und Luftfahrtbranche. Im Fokus der Paneldiskussion stehen aktuelle Herausforderungen: nachhaltige Zukunftsszenarien, die Bewältigung der Marktentwicklung nach einem Nachfragewachstum von vier Prozent im vergangenen Jahr sowie die Sicherung globaler Lieferketten. Dr. Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, ordnet in diesem Gastbeitrag ein, warum wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für den Luftfrachtsektor entscheidend sind.

Deutschland steht im Jahr 2026 vor einer klaren Gestaltungsaufgabe: Wettbewerbsfähigkeit, industrielle Resilienz und technologische Handlungsfähigkeit müssen unter veränderten geoökonomischen Bedingungen gesichert werden. Ein zentraler Hebel dafür ist die Luftfracht. Sie ist kein Spezialsegment der Logistik, sondern systemrelevante Wertschöpfungsinfrastruktur.

Die Ausgangsdaten sind eindeutig. 41,4 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung stammen aus Exporten, rund jeder vierte Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt vom Außenhandel ab. Nach Berechnungen der Welthandelsorganisation (WTO) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehört Deutschland weiterhin zu den drei größten Handelsnationen weltweit. Entscheidend ist dabei nicht das Volumen, sondern der Wert der transportierten Güter. Genau hier entfaltet Luftfracht ihre strategische Wirkung.

Hoher Warenwert pro Tonne

Die BDL-Marktstudie 2026 belegt dies empirisch: Der durchschnittliche Warenwert pro Tonne Luftfracht liegt nach den neuesten verfügbaren Daten für das Jahr 2024 bei 147.183 Euro. Bei Exporten in die USA steigt dieser Wert auf über 200.000 Euro, nach Japan sogar auf über 260.000 Euro.

Internationale Vergleiche bestätigen diesen Befund: Laut IATA und ICAO entfällt weltweit etwa ein Prozent der transportierten Gütermenge, aber rund 30 bis 35 Prozent des globalen Warenwerts auf Luftfracht. Für eine exportorientierte Volkswirtschaft ist das eine strategische Leistung, keine logistische Randnotiz.

Auch die Warenstruktur unterstreicht die Bedeutung. Elektrische und elektronische Geräte stehen gemessen am Warenwert für 32 Prozent der Luftfrachtimporte und 20 Prozent der Exporte. Maschinen erreichen in beiden Richtungen rund 20 Prozent, Mess- und Medizintechnik liegt im zweistelligen Bereich, pharmazeutische Erzeugnisse machen beim Export 16 Prozent aus. Diese Branchen sind überdurchschnittlich kapital-, wissens- und forschungsintensiv, zahlen hohe Löhne und tragen wesentlich zur Innovationsfähigkeit des Standorts bei. Luftfracht sichert damit Wertschöpfung, nicht Masse.

Hinzu kommt der Resilienz- und Sicherheitsaspekt. Internationale Organisationen wie OECD und WTO sprechen inzwischen offen von einer Phase der geoökonomischen Fragmentierung. Handelskonflikte, Zölle, Sanktionen und politische Blockbildungen sind keine Ausnahme mehr. Lieferketten müssen kurzfristig umgestellt, Produktionsausfälle vermieden, neue Beschaffungs- und Absatzmärkte schnell erschlossen werden. Luftfracht ist der einzige Verkehrsträger, der diese Anpassungsfähigkeit und Versorgungssicherheit unmittelbar bereitstellt. Sie ist kein Effizienzfaktor, sondern ein systemrelevantes Resilienzinstrument.

Stagnation statt Wachstum

Die BDL-Marktstudie zeigt zugleich: Das Luftfrachtaufkommen von und nach Deutschland im Handel mit Drittstaaten vor allem in Übersee stagniert. In diesem Bereich mit langen Distanzen spielt die Luftfracht aufgrund der kurzen Transportdauer ihre Stärken besonders aus. Nach dem pandemiebedingten Hoch 2022 folgten Rückgänge; 2024 brachte eine Stabilisierung, aber kein Wachstum. Wurden Anfang der 2010er-Jahre in diesem Bereich noch über 2,5 Millionen Tonnen Fracht jährlich an deutschen Flughäfen verladen, waren es zuletzt nur noch rund 2,0 Millionen Tonnen. Während das Luftfrachtaufkommen weltweit in diesem Zeitraum deutlich gewachsen ist, geht diese Entwicklung an Deutschland weitgehend vorbei – ein verlorenes Jahrzehnt.

Globale Indikatoren zeichnen ein differenziertes Bild: Der DHL Air Cargo Tracker und der DHL Global Trade Atlas zeigen seit 2024 wieder steigende weltweite Luftfrachtströme, getragen von den Regionen Asien-Pazifik und Nordamerika. Für Deutschland ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Rahmenbedingungen müssen so gestaltet werden, dass Luftfracht ihr Potenzial entfalten kann.

Die Ursachen sind strukturell. Die Sperrung des russischen Luftraums erhöht die Kosten für Asienverkehre dauerhaft. Geopolitische Spannungen erhöhen die Volatilität. Gleichzeitig wirken Kosten- und Prozessfaktoren standortprägend. Dazu zählen Steuern, Gebühren und Entgelte, Sicherheitskosten, Prozesslaufzeiten und Genehmigungsdauern. Die aufgrund von politischen Entscheidungen überdurchschnittlich hohe An- und Abfluggebühr der Flugsicherung von rund 1500 Euro pro Flugbewegung bei einem typischen Langstrecken-Frachtflug ist dabei ein Punkt unter mehreren.

Kumulative Kostennachteile belasten Standort

Entscheidend ist das Gesamtpaket. Internationale Vergleiche zeigen: Airlines und Logistiker reagieren sensibel auf kumulative Kosten- und Zeitnachteile. Luftfracht-Warenströme folgen Kosten- und Prozessqualität – und Wertschöpfung folgt Warenströmen.

Die geografische Konzentration verstärkt den Handlungsdruck. Die Top-5-Handelspartner China, USA, Indien, Japan und Südkorea vereinen 62 Prozent des deutschen Luftfrachtaufkommens. Diese Konzentration erhöht die Verwundbarkeit. Gleichzeitig wächst – auch auf EU-Ebene – der Anspruch, Lieferketten zu diversifizieren. Neue Märkte entstehen nicht per Schiff, sondern über schnelle, verlässliche Luftverbindungen. Luftfracht ist damit ein Hebel strategischer Autonomie, wie ihn auch die EU-Kommission im Kontext von Economic Security und Strategic Autonomy adressiert.

Auch die Binnenmarktverschiebung ist relevant. In den ersten zehn Monaten 2025 gingen die Exporte in die USA und nach China zusammen um rund 20 Milliarden Euro zurück, während der Handel innerhalb der EU zulegte. Sollte sich diese Momentaufnahme zu einem langfristigen Trend verstätigen, hätte dies auch Auswirkungen auf die Nachfrage nach Transporten per Luftfracht. Es handelt sich bei den beiden Ländern um die wichtigsten Quell- und Zielmärkte für Luftfracht von und nach Deutschland. Umso wichtiger ist ein wettbewerbsfähiges Kosten- und Prozessumfeld, um hochwertige und zeitkritische Güter weiterhin über deutsche Standorte abzuwickeln.

Klimapolitische Optionen

Klimapolitisch eröffnet eine leistungsfähige und innovative Luftfracht zusätzliche Optionen. Investitionen der deutschen Luftverkehrswirtschaft in moderne Flotten und Flughäfen, eine höhere Auslastung und der Einsatz nachhaltiger Treibstoffe senken die Emissionen pro transportiertem Frachtstück kontinuierlich.

Wertvolle, eilige und empfindliche Güter werden weltweit auch künftig per Luftfracht transportiert. Eine starke Luftfracht am Standort Deutschland vermeidet Verlagerungseffekte von Emissionen und Güterströmen zu Airlines und Luftfracht-Drehkreuzen in Drittstaaten, die nicht den EU-Klima- und Sozialstandards unterliegen. Wettbewerbsfähige Standortbedingungen und unterstützen folglich europäisch integrierte Klimaziele, statt Emissionen lediglich räumlich zu verschieben und heimische Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu gefährden.

Vier zentrale Handlungsfelder

Daraus ergeben sich folgende Schlussfolgerungen:

  • International wettbewerbsfähige Kostenstrukturen sichern: Steuern, Gebühren und Entgelte für den Luftfrachtstandort Deutschland sollten sich am europäischen und internationalen Wettbewerbsumfeld orientieren. Ziel sind Kostentransparenz und Planungssicherheit über mehrere Jahre.
  • Prozessqualität erhöhen: Digitalisierung und Harmonisierung von Zoll-, Sicherheits- und Genehmigungsverfahren verkürzen und vereinfachen die Abfertigung und die damit verbundenen Durchlaufzeiten. Zeit und Kosten sind in der Luftfracht entscheidende Produktionsfaktoren.
  • Luftfracht als kritische Infrastruktur verankern: In Industrie-, Handels- und Resilienzstrategien ist Luftfracht systematisch mitzudenken – insbesondere bei Lieferketten-Diversifizierung sowie in der MedTech- und High-Tech-Versorgung. Die Bundesregierung hat mit ihrer nationalen Luftfahrtstrategie erste Eckpunkte gesetzt.
  • Investitions- und Planungssicherheit schaffen: Flotten, Terminals und Logistiknetze werden langfristig geplant. Verlässliche Rahmenbedingungen lenken Investitionen an den Standort. Die Koalition plant eine Senkung der Luftverkehrsteuer zum 1. Juli – ein erster Schritt zur Entlastung des Standorts.

Die zentrale Botschaft der BDL-Marktstudie 2026 ist eindeutig: Luftfracht sichert Wettbewerbsfähigkeit. Sie ermöglicht Wertschöpfung, Resilienz und technologische Handlungsfähigkeit. Wer ihre Rahmenbedingungen gezielt stärkt, nutzt einen strategischen Hebel, um den Wirtschaftsstandort Deutschland in einer neuen geoökonomischen Realität dauerhaft wettbewerbsfähig zu positionieren. Seit 2019 haben Airlines bereits 60 Flugzeuge wegen hoher Standortkosten aus Deutschland abgezogen – ein Warnsignal, das nicht ignoriert werden darf.

Hinweis: Diese Kolumne soll die Vielfalt der Stimmen inerhalb der Luftfahrtbranche aufzeigen. Sie haben auch eine starke Meinung? Dann kontaktieren Sie uns mit Ihrem Vorschlag für Ihren Standpunkte-Artikel.

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