Die Lufthansa hat am Dienstag ihre Jahreshauptversammlung in Frankfurt abgehalten – erstmals seit 2019 wieder in Präsenz. Im Mittelpunkt standen die anhaltenden Arbeitskämpfe mit dem Cockpit- und Kabinenpersonal sowie die Folgen des Iran-Kriegs für die Kerosinversorgung. Vertreter der drei großen deutschen Vermögensverwalter Deka, Union Investment und DWS appellierten an Gewerkschaften und Management, die Tarifkonflikte nicht weiter auf die Spitze zu treiben.
Hendrik Schmidt, Vertreter der Deutschen-Bank-Tochter DWS, warnte: "Sollten die Tarifpartner – Arbeitnehmer wie Arbeitgeber – daher nicht zu einer dauerhaften Befriedung gelangen, drohen der Lufthansa anhaltende Turbulenzen." Die Eskalationen schadeten nicht nur der Firmenbilanz, sondern auch dem Vertrauen in die Sozialpartnerschaft und dem Standort Deutschland insgesamt.
Im Streit über Betriebsrenten der Piloten und Arbeitsbedingungen der Flugbegleiter hatten die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) und die Unabhängige Flugbegleiterorganisation (Ufo) in den vergangenen drei Monaten wiederholt und mit wachsender Dauer gestreikt.
Im April legten sie den Flugbetrieb der Kranich-Airline mit abwechselnden Aktionen eine ganze Woche lahm. Nach Angaben des Flughafenverbandes ADV waren davon fast eine Million Passagiere betroffen. Die Kühne-Holding von Lufthansa-Großaktionär Klaus-Michael Kühne bezeichnete die Arbeitskämpfe als Missbrauch des Streikrechts.
Die Lufthansa beziffert die Kosten durch streikbedingte Ausfälle und Kundenentschädigungen bislang auf 190 Millionen Euro. Tags nach dem Festakt zum 100. Jubiläum der Firmengründung Mitte April hatte die Airline überraschend die kurzfristige Stilllegung der Regionaltochter Cityline verkündet – 1300 Beschäftigte wurden von heute auf morgen von der Arbeit freigestellt und demonstrierten am Dienstag vor dem Tagungsort.
Investoren fordern Abkehr von Ausgründungs-Strategie
Henrik Pontzen, Nachhaltigkeits-Chef von Union Investment, stärkte dem Management im Tarifkonflikt zwar den Rücken, verlangte jedoch gleichzeitig eine Abkehr von der Strategie, hohe Tariflöhne bei der Kerngesellschaft durch neue Tochtergesellschaften zu umgehen.
"Das schafft nur neue, teure Doppelstrukturen und zerstört das Vertrauen", erklärte der Fondsmanager. Für die geforderte Erhöhung der Arbeitgeberbeiträge zur Altersversorgung der Piloten zeigte er kein Verständnis: "Es darf nicht sein, dass ein gutes Jahr sofort zu massiven Forderungen der Piloten führt, während wir als Aktionäre das Risiko in der Krise allein tragen."
Ein Aktionär der Deutschen Lufthansa AG läuft auf der Hauptversammlung des Unternehmens im Congress Center Messe Frankfurt an einem Lufthansa-Logo vorbei : Silhouette einer Person vor einem großen Lufthansa-Logo mit „100“ sowie den Jahreszahlen 1926 und 2026. Die Aufnahme wirkt wie in einem dunklen Innenraum bei einer Veranstaltung in Frankfurt. © DPA / Florian Wiegand
VC-Präsident Andreas Pinheiro machte hingegen das Management für die Eskalation verantwortlich. Der Vorstand schiebe die Tarifverträge als Grund für die langsame Erholung von der Corona-Krise vor, für die er selbst verantwortlich sei. Konkrete Schlichtungsvorschläge seien ausgeschlagen worden.
Die VC empfahl den Aktionären, den Vorstand nicht zu entlasten. Die Aktionäre folgten dieser Empfehlung nicht: Vorstand und Aufsichtsrat wurden mit großer Mehrheit entlastet. Gleichwohl signalisierte Pinheiro die Bereitschaft zur Rückkehr an den Verhandlungstisch: "Wir Piloten sind auf Gedeih und Verderb mit diesem Unternehmen verbunden und haben ein existenzielles Interesse daran, dass die Deutsche Lufthansa AG wirtschaftlich erfolgreich ist."
Iran-Krieg treibt Kerosinkosten um 1,7 Milliarden Euro
Neben den Belastungen durch die Streiks machte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei Deka Investment, auf eine weitere Krisenfront aufmerksam: den massiven Anstieg der Kerosinpreise und die Treibstoffknappheit infolge des Iran-Kriegs.
Die Treibstoffrechnung der Lufthansa steigt in diesem Jahr um 1,7 Milliarden Euro. Notfallpläne für den Fall von Kerosinmangel lägen in der Schublade. "Der Vorstand ist mal wieder im Krisenmodus angekommen", sagte Speich.
Michael Niggemann (5.v.l-r), Mitglied des Vorstands der Deutschen Lufthansa AG, Grazia Vittadini, Mitglied des Vorstands der Deutschen Lufthansa AG, Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG, Till Streichert, Mitglied des Vor... : Eine Gruppe aus Lufthansa-Vorstandsmitgliedern und Kabinenpersonal steht auf einer Bühne vor einem großen blauen Screen mit der Aufschrift „73. Ordentliche Hauptversammlung“. Die Aufnahme zeigt eine offizielle Veranstaltung im Congress Center Messe Frankfurt bei heller Innenbeleuchtung. © DPA / Florian Wiegand
Er befürchtet, dass das gute Ergebnis des vergangenen Jahres – fast zwei Milliarden Euro Betriebsgewinn und eine um zehn Prozent erhöhte Dividende – nur ein Zwischenhoch gewesen sein könnte.
"Die Produktivität sinkt, Verspätungen und Flugausfälle werden wieder zum Normalzustand." Das Spar- und Modernisierungsprogramm bei der Kernmarke Lufthansa nannte Speich zwar den richtigen Weg, mahnte aber bei der Umsetzung: "Die Strategie stimmt. Die Ausführung hinkt."
Ita-Mehrheitsübernahme und Tap im Visier
Auf der Hauptversammlung kündigte Vorstandschef Carsten Spohr an, die Kaufoption für eine Mehrheitsbeteiligung an der italienischen Ita Airways im Juni ziehen zu wollen. Der Lufthansa-Anteil steigt damit von derzeit 41 Prozent auf 90 Prozent.
Der Vollzug der Transaktion steht unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen und wird für das erste Quartal 2027 erwartet. Als nächstes Übernahmeziel nannte Spohr die portugiesische Tap, bei der Lufthansa zunächst für eine Minderheitsbeteiligung ein bindendes Angebot abgeben will – in Konkurrenz zu Air France/KLM.
Johannes Teyssen : Johannes Teyssen steht in dunklem Anzug, weißem Hemd und gestreifter Krawatte vor einem blauen Lufthansa-Group-Hintergrund. Oben rechts ist das Lufthansa-Group-Logo sichtbar. © DPA / Florian Wiegand
Zu den Tagesordnungspunkten zählte unter anderem die Verwendung des Bilanzgewinns. Die Aktionäre stimmten einer Dividende von 0,33 Euro je Aktie zu. Dies entspricht einer Ausschüttungsquote von 30 Prozent des Konzerngewinns und einer Dividendenrendite von vier Prozent auf den Jahresschlusskurs der Lufthansa Aktie.
Teyssen neuer Aufsichtsratschef, Kley mit Applaus verabschiedet
Im Rahmen der Hauptversammlung standen zudem Neuwahlen für den Aufsichtsrat an. Neu in das Kontrollgremium gewählt wurden Johannes Teyssen, früherer Chef des Energiekonzerns Eon, sowie Wolfgang Nickl, Finanzvorstand des Bayer-Konzerns. Karl Gernandt, Präsident des Verwaltungsrats der Kühne Holding, wurde wiedergewählt.
In der anschließenden konstituierenden Sitzung wählte der Aufsichtsrat Teyssen zu seinem neuen Vorsitzenden – als Nachfolger von Karl-Ludwig Kley, der seit 2013 dem Gremium angehört und es seit 2017 geführt hatte. Die Aktionäre verabschiedeten Kley mit Applaus. Vorstandschef Spohr würdigte ihn: „Sie haben unsere Transformation geprägt. Unseren gemeinsamen Erfolgsweg mit Höhen, Tiefen, Errungenschaften und auch Krisen. Und gerade in Krisen waren Sie auch für mich persönlich immer eine einzigartige Stütze."