Die Sperrung der Straße von Hormus hat eine strukturelle Schwachstelle der globalen Luftfahrt schonungslos offengelegt: ihre nahezu vollständige Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen aus politisch instabilen Regionen. Dr. Oliver Schöttker und Martin Hock vom "PtX Lab Lausitz" analysieren in einem Gastbeitrag in der airliners.de-Serie "Standpunkte", warum kurzfristige Entlastungsmaßnahmen das eigentliche Problem zementieren – und welche Instrumente den SAF-Markthochlauf jetzt tatsächlich voranbringen könnten.
Seit dem Beginn des Kriegs gegen den Iran und der darauffolgenden Sperrung der Straße von Hormus kam es abrupt zu einer massiven Einschränkung der weltweiten Versorgung mit fossilen Kraftstoffen – gefolgt von starken Preisanstiegen. So haben sich die Preise für Erdöl der Nordseesorte Brent gegenüber dem Vorkrisenniveau beinahe verdoppelt (von 60,86 USD am 02.01.2026 auf bis zu 110,25 USD am 07.04.2026) und lagen auch Ende April im Bereich zwischen 90 USD bis über 100 USD. Der Kerosinpreis lag zuletzt bei etwa 1.500 USD pro Tonne. Gegenüber dem Niveau von Anfang Februar 2026 (etwas über 800 USD pro Tonne in Europa) sind die Preise fast auf das Doppelte gestiegen.
Es zeigt sich erneut, dass die Weltwirtschaft, und speziell die europäische Wirtschaft, stark von fossilen Rohstoffen und den damit verbundenen Lieferketten abhängig ist. Der schleppende Markthochlauf von Sustainable Aviation Fuels (SAF) ist eine verpasste Chance, hier entgegenzuwirken.
Laut EU-Kommission hat die aktuelle Energiekrise während der ersten 50 Tage bereits mehr als 24 Mrd. EUR an zusätzlichen Kosten für fossile Energieträger verursacht – die weiteren volkswirtschaftlichen Folgekosten sind dabei noch nicht mit einberechnet. Die nationalen Haushalte vieler EU-Mitgliedsstaaten sind im Zuge dessen mit zusätzlichen Milliardenausgaben belastet. Besonders betroffen von den Markteinschränkungen ist die europäische Luftverkehrsbranche, da diese besonders abhängig von Lieferungen über die Straße von Hormus ist.
Etwa die Hälfte des deutschen Kerosinbedarfs wurde im vergangenen Jahr aus dem Nahen Osten importiert und durch die Straße von Hormus transportiert. Diese Importe sind im April beinahe vollständig ausgefallen. Ein 50%iger Einschnitt in der Versorgung mit Flugkraftstoffen führt zu massiven Marktverwerfungen und Preissteigerungen in der Luftverkehrsbranche. Eine weitere Belastung stellen die weitreichenden Sperrungen der Lufträume im Iran und weiteren Golfstaaten dar, die zu längeren Strecken und höheren Verbräuchen führen. Infolgedessen haben verschiedene europäische Fluglinien Teile ihrer Verbindungen gestrichen. Auch die Preise für Cargo- und Passagierflüge wurden erhöht. Weitere Preisanpassungen und Kürzungen sind zu erwarten.
Nach anfänglicher Zurückhaltung und Beschwichtigung aus Berlin und Brüssel ist die Sorge um folgenreiche Marktverwerfungen mittlerweile auch in der Politik angekommen. Auf europäischer Ebene soll unter anderem mit AccelerateEU die Koordination zwischen EU-Staaten zum Beispiel bei der Bevorratung und der Freigabe von Reserven verbessert werden.
Auch die Luftfahrtbranche selbst äußert sich zu einem möglichen Umgang mit der Situation. So fordert Airlines for Europe einen EU-weiten, gemeinsamen Einkauf von Kraftstoff sowie eine Überwachung der Situation durch die EU. Gleichzeitig drängt der Verband darauf, dass nationale Erdölbevorratungsrichtlinien innerhalb der Europäischen Union vereinheitlicht und um die Bevorratung von Kerosin ergänzt werden.
Eine Qatar-Airways-Maschine rollt vor den Kerosintanks am Flughafen Frankfurt. : Im Vordergrund rollt ein Qatar-Airways-Frachtflugzeug auf der Start- oder Rollbahn, deutlich erkennbar mit der bordeauxfarbenen Airline-Beschriftung und dem Wüstenlogo am Leitwerk. Im Hintergrund stehen große weiße Kerosintanks und weitere abgestellte Flugzeuge am Flughafen Frankfurt, dahinter eine bewaldete Hügelkulisse. © DPA / Boris Roessler
Der BDL forderte in einem Sieben-Punkte-Plan unter anderem die Freigabe nationaler und europäischer Kerosinreserven, weitere Durchleitungsrechte durch NATO-Pipelines und die Zulassung von Kerosin der Sorte Jet-A, welche künftig aus den USA bezogen werden könnte. Neben diese – grundsätzlich zweckmäßigen – Forderungen tritt der Ruf nach umfassenden Steuersenkungen – die zwar kurzfristig betriebswirtschaftlich sinnvoll sind, aber die mittel- und langfristige Transformation behindern. Damit wird die Ursache des Problems nicht beseitigt. Ganz im Gegenteil, sie würden die Lage sogar noch verschlimmern.
So wird als kurzfristige Erleichterung eine Aussetzung der Beteiligung der Branche am EU-ETS vorgeschlagen; eine temporäre Aussetzung oder Verschiebung der SAF-Beimischungsquoten wurde bereits im März gefordert. Auch sollen weitere Steuern und Abgaben gesenkt werden.
Die Vorschläge aus der Branche würden die betriebswirtschaftliche Situation der Fluglinien verbessern. Ob diese Maßnahmen allerdings langfristig opportun und volkswirtschaftlich sinnvoll sind, ist fraglich. Ein Rückgang der Marktnachfrage – beispielsweise im Bereich Passagiertransport – mag einen Schlag ins Kontor der Fluglinien darstellen, könnte aber vor dem Hintergrund einer drohenden Mangellage im Kraftstoffbereich auch zu einer gewissen Entspannung beitragen.