Lufthansa Group Chef Carsten Spohr sprach Anfang August in einer Telefonkonferenz mit Finanzanalysten erstmals öffentlich über ein Problem, das Boeing derzeit mit mehreren Kunden hat: Boeing verhandle aktuell mit der Airline darüber, welche der bereits gebauten Boeing 777-9 ausgeliefert werden können. Für Maschinen, die vor der Übernahme aufwendig nachgerüstet werden müssten, verlange Lufthansa eine finanzielle Beteiligung von Boeing.
Spohr verglich die Lage mit jener von Emirates aus Dubai, die ein vergleichbares Problem bereits zuvor öffentlich gemacht habe. Auch Lufthansa spreche mit Boeing darüber, welche Maschinen der Konzern für den kommerziellen Betrieb gar nicht übernehmen könne.
Emirates-Präsident Tim Clark hatte das Problem schon Ende Juli bei der Farnborough Airshow im Gespräch mit der britischen Zeitung "The Telegraph" angesprochen. Clark zufolge lehnt Emirates die ersten zehn für die Airline gebauten Boeing 777-9 grundheraus ab. Was Boeing anschließend mit den Maschinen mache, sei "deren eigene Angelegenheit", sagte Clark und scherzte, die Flugzeuge taugten am Ende vielleicht nur noch als "Blech für Konservendosen".
Als Grund nannte Emirates die zahlreichen technischen Änderungen, die das Modell seit der Auftragsvergabe erfahren habe. Ursprünglich seien die ersten Maschinen bereits für das Jahr 2020 zur Übernahme vorgesehen gewesen. Bei der jetzt angepeilten Auslieferung im Jahr 2027 seien sie damit schon rund acht Jahre alt. Zudem hätten sie jahrelang ungenutzt gestanden, was nach Einschätzung der Airline zusätzlichen Aufwand bedeute.
Jahrelange Nacharbeiten nötig
Zur nötigen Nacharbeit hatte sich Boeing-Vorstandsvorsitzender Kelly Ortberg bereits im Mai geäußert. Nach seinen Angaben müssen rund 30 bereits gebaute Boeing 777-9 vor der Auslieferung sogenannte Change-Incorporation-Arbeiten durchlaufen, um auf den aktuellen Fertigungsstand gebracht zu werden.
Betroffen sind demnach nicht nur Maschinen für Lufthansa und Emirates, sondern auch solche für All Nippon Airways, Qatar Airways und Singapore Airlines.
Laut Ortberg erstrecken sich diese Arbeiten insgesamt über mehrere Jahre, wobei der Umfang vom jeweiligen Baujahr abhängt. Je älter ein Flugzeug sei, desto umfangreicher fielen vor allem die strukturellen Änderungen aus, erklärte der Boeing-Manager.
Fertige Boeing 777-9 stehen am Boeing-Werk in Everett. : Luftaufnahme des Boeing-Werks in Everett: Eine lange Reihe großer, türkisgrün grundierter Boeing 777-9 steht auf dem Vorfeld zwischen Rollwegen, Hallen und kleineren Betriebsgebäuden. Im Hintergrund sind weitere Flugzeuge und bewaldete Hügel unter bewölktem Himmel erkennbar. © AirTeamImages.com / Colin Parker
Das allererste gebaute Testflugzeug des Typs, ursprünglich für Emirates vorgesehen, hatte Boeing bereits im Juli 2019 fertiggestellt. Mittlerweile ist diese Maschine verschrottet worden. Im Mai 2020 hatte zudem ein Flugzeugfotograf aus Everett ein noch unlackiertes Exemplar mit einer auf Lufthansa hindeutenden Kennung fotografiert, obwohl die für Lufthansa bestimmte Version zu diesem Zeitpunkt noch weit von ihrem Erstflug entfernt war.
Der eigentliche Erstflug einer für Lufthansa bestimmten Boeing 777-9 hatte erst im Mai stattgefunden. Es handelte sich dabei nach Angaben von Boeing um den Erstflug eines 777-9-Exemplars im endgültigen Serienstandard der gesamten 777X-Familie. Zwischen dem 2020 gesichteten Flugzeug und dieser Maschine waren nach Angaben von Planespottern mehrere weitere Flugzeuge für Lufthansa gebaut worden, ohne dass sich deren genaue Zuordnung zu einzelnen Kennzeichen bislang offiziell bestätigen ließe.
Zeitplan bleibt vorerst unverändert
Boeing hält nach eigenen Angaben weiterhin am Sommer 2027 als Termin für die Indienststellung der Boeing 777-9 fest, erste Auslieferungen sollen im ersten Quartal 2027 folgen.
Die Zertifizierung ist nach Angaben des Herstellers auf gutem Weg – mehr als 4800 Flugstunden sind bereits mit der Testflotte absolviert worden. Die für die Zulassung nötigen Nachweise für den ETOPS-Langstreckenbetrieb stehen laut Boeing noch aus.
Lufthansa hat 20 Boeing 777-9 bestellt und hält zur Absicherung ausgemusterte Airbus A340-300 bereit, sollte sich das Programm weiter verzögern. Emirates hat den Angaben zufolge insgesamt 270 Maschinen der Familie geordert, davon 235 Boeing 777-9 und 35 Boeing 777-8. Konzernweit liegen Boeing zufolge inzwischen mehr als 650 Bestellungen für die 777X-Familie vor.