Warum Fluglärm so interessant ist

07.03.2016 - 12:11 0 Kommentare

Fluglärm betrifft nur wenige. Warum schafft er es dennoch ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit? Genau darum, sagt airliners.de-Herausgeber David Haße: Fluglärm ist exotisch. Ein Gedankenflug.

EIne Flughafengegnerin demonstriert am 21.10.2012 an der neuen Landebahn Nordwest am Flughafen in Frankfurt am Main.  - © © dpa - Boris Roessler

EIne Flughafengegnerin demonstriert am 21.10.2012 an der neuen Landebahn Nordwest am Flughafen in Frankfurt am Main. © dpa /Boris Roessler

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Manchmal bedarf es des Blicks von Außen, um Dinge zu verstehen. "Fluglärm hat irgendwie was exotisches", sagte mir neulich ein Journalist. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Fluglärm ist besonders - und Außergewöhnliches lieben die Medien.

Darum also schafft es die Fluglärmdemo regelmäßig ins Fernsehen, während sich die Bürgerinitiative für eine Lärmschutzwand beim Ausbau der S-Bahn-Trasse bei mir zuhause schon über eine kurze Erwähnung neben der Friseur-Werbung im kostenlosen Bezirksanzeiger freuen muss.

Und das hat System: Eine kurzer Stichwort-Vergleich auf Google-News zeigt deutlich, wie überproportional oft über Fluglärm berichtet wird:

Berichterstattungen zu Verkehrslärm

Artikel zu "Fluglärm": 45.300
Artikel zu "Straßenlärm": 4.990
Artikel zu "Bahnlärm": 6.300

Quelle: Google-News, Aufgerufen am 07.03.2016

Auch ohne Bedeutung interessant

Warum ist das so? Der Wissenschaft zufolge gehören bei der Bewertung des Nachrichtenwerts eines Ereignisses neben der eigentlichen Bedeutsamkeit auch Faktoren wie etwa die Außergewöhnlichkeit. Das klassische Beispiel dazu aus der Uni lautet: "Mann beißt Hund." Das ist eine Meldung - andersrum aber nicht.

Und genau wie ein Hundebeißer ist Fluglärm nunmal für die große Mehrheit der Menschen exotisch. Wer beißt schon Hunde und wer wohnt schon direkt an einem Flughafen? Dass Fluglärm in der Tat nur für relativ wenige Deutsche ein Problem darstellt, beweist eine Erhebung des Umweltbundesamtes:

Betroffene von Verkehrslärm

Fluglärm-Betroffene: 28.300
Bahnlärm-Betroffene: 950.900
Straßenlärm-Betroffene: 2.474.000

Quelle: Umweltbundesamt zu Verkehrslärm 2015

Fluglärm kennt der Durchschnitts-Deutsche also höchstens vom Rettungshubschrauber, und das prägt offenbar. Da können die Flugzeuge in den letzten Jahrzehnten noch so leise geworden sein - der Lärm beim Hubschrauberstart direkt vor dem eigenen Fenster bleibt für immer im Gedächtnis.

Straßen- und Bahnlärm kennt dagegen fast jeder: Straßen und Schienen gibt es schließlich fast überall. Flughäfen sind aber selbst für große Städte etwas besonderes. Und eigene Flugreisen für die meisten Deutschen ebenso, jedenfalls im Vergleich zu Fahrten mit Bahn und Auto.

Fluglärmgegner wissen diese Ausgangslage für ihre Belange zu nutzen. Die Initiativen sind professionell aufgestellt und gut vernetzt, es gibt sogar Bundesverbände. Die Mitglieder sind hoch gebildet und offenbar bereit, viel Geld und Zeit zu investieren. Auch die airliners.de-Redaktion erreichen regelmäßig professionell geschriebene Pressemitteilungen. Und warum auch nicht? Es scheint sich ja zu lohnen.

So erleben Fluglärmgegner in schöner Regelmäßigkeit ein relativ großzügiges Entgegenkommen der Flughafengesellschaften. Die eingangs erwähnte S-Bahn-Lärminitiative meiner Nachbarn hat sich dagegen nach einem Schreiben der Bahn still und leise wieder aufgelöst. Die Bahn ist eben nur bei Neubaustrecken zu Lärmschutzmaßnahmen verpflichtet. Und darüber hinaus gibt's offensichtlich nichts zu diskutieren.

Erfolg beflügelt

Anders in der Luftfahrt: Da werden Häuser über Wert angekauft und an die Lärmgeschädigten zurückvermietet, Dächer saniert und neue Fenster eingesetzt, wo sich Leute vorher noch nicht mal über Fluglärm Gedanken gemacht haben. Ich habe so einen Fall im Freundeskreis: Ein Rechtsanwalt klingelte und fragte, ob der Flughafen neue Fenster bezahlen soll, die Chancen stünden gut. Das beflügelt natürlich.

Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich denke, großzügige Kompensationsangebote sind zusammen mit frühzeitiger Bürgerbeteiligung der einzig richtige Weg. Es sind ja wie gesagt ohnehin nur relativ wenige Betroffene. Das kann die Luftfahrt schon stemmen. Schließlich tragen letztlich die Passagiere die Kosten über die Landeentgelte. Das nennt sich Nutzerfinanzierung und sowas gibt es beispielsweise bei der Eisenbahn oder der Autobahn nicht wirklich. Autobahngebühren? Kostendeckende Bahntickets? Fehlanzeige.

Ohnehin haben die Flughäfen nur relativ wenig Einfluss auf den Lärm der Flugzeuge. Nur ist das alles viel zu kompliziert für die schnellen Nachrichten. Und so schaffen es neben den Flughafen-Gegnern lediglich die Windkraft-Gegner in schöner Regelmäßigkeit in die Massenmedien. Im Vergleich zu einer handvoll größerer Flughäfen sind rund 26.000 Windräder in Deutschland zwar wirklich nichts besonderes mehr. Aber Bürgerinitiativen gegen die Energiewende haben eben auch was exotisches.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 machte er sich mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de selbständig. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh

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