Hintergrund

Warum Air Berlin und Alitalia nur fast vergleichbar sind

12.09.2017 - 09:20 0 Kommentare

Air Berlin ist pleite, Alitalia auch. Beide Fluggesellschaften waren Teil der Etihad-Equity-Alliance und bei beiden laufen jetzt die Insolvenzverfahren. Da hören die Ähnlichkeiten aber auch schon auf. Ein Überblick.

Flugzeuge von Alitalia und Air Berlin. - © © dpa -

Flugzeuge von Alitalia und Air Berlin. © dpa

Air Berlin und Alitalia haben vieles gemeinsam. Die Fluggesellschaften haben eine vergleichbare Flottengröße und waren zuletzt auch bei den Passagierzahlen gleichauf. Beide Fluggesellschaften fliegen schon lange in den roten Zahlen und bei beiden ist Etihad Airways als Geldgeber eingestiegen. Aktuell läuft für beide Airlines ein Insolvenzverfahren.

Die ehemalige Staatsairline Italiens schlitterte im Mai in die Zahlungsunfähigkeit, nachdem die Mitarbeiter einen neuen Sparplan für das Unternehmen ablehnten. Voraussichtlich noch bis mindestens Mitte Oktober können interessierte Investoren Angebote für eine Übernahme einreichen.

Vergleich wesentlicher Kennzahlen
Alitalia
Air Berlin
Passagiere
22,6 Millionen
28,9 Millionen
Flottengröße
108 Flugzeuge
115 Flugzeuge
Umsatz
3,7 Milliarden Euro
3,8 Milliarden Euro
Bilanzsumme
-600 Millionen Euro
-782 Millionen Euro
Negatives Eigenkapital
ca. 3 Mrd. Euro
ca. 1,5 Mrd. Euro

Die Angaben zu Finanzkennzahlen und Verkehrsaufkommen beziehen sich auf das Gesamtjahr 2016. Die Flottengröße basiert auf Daten vom September 2017. | Quelle: Unternehmen, CH Aviation

Das Pokerspiel um Alitalia ist damit von vorn herein deutlich langfristiger angelegt als das Verfahren bei Air Berlin. Statt einem knappen halben Jahr in Italien soll hierzulande alles schon nach rund vier Wochen aufgeteilt sein: Air Berlin meldete Mitte August Insolvenz in Eigenverwaltung an. Interessenten haben noch bis zum 15. September Zeit, ihre Angebote einzureichen. Schon sechs Tage später soll der Gläubigerausschuss dann über die Offerten befinden.

Alitalia ist noch halb staatlich

Die Erklärung für diesen Unterschied liegt für Michael Bretz von Creditreform in der unterschiedlichen Eigentümerstruktur der beiden Fluggesellschaft. Während nämlich Air Berlin komplett in privatem Besitz ist, hält der italienische Staat noch 49 Prozent von Alitalia. Die Fluggesellschaft operiert nun unter staatlicher Sonderverwaltung.

“Schwierig sind die Verhandlungen, weil man möglichst eine komplette Übernahme will, aber auch weil Gewerkschaften und Arbeitnehmer sehr stark die Entscheidungen beeinflussen“, ordnet Beetz ein: „Der italienische Staat will natürlich das beste Angebot für seine Airline finden und deshalb zieht sich der Verkaufsprozess auch in die Länge.“

Eigentümerstrukturen im Vergleich
Etihad Airways Staatlicher Anteil Esas Holding Streubesitz
Air Berlin 29.2 0 12.0 58.8
Alitalia 49 51 0 0

Quelle: Unternehmensangaben

In Deutschland spielt der Staat dagegen – zumindest offiziell – keine aktive Rolle im Bieterprozess um Air Berlin. Die Politik hat mehrfach betont, Air Berlin zwar helfen zu wollen, sich aber aus dem Verkaufsprozess herauszuhalten.

Das sehen manche Konkurrenten freilich komplett anders. Rein formal ist es aber so, dass Air Berlin im Gegensatz zu Alitalia seine Insolvenz selbst verwaltet. Der vom Amtsgericht Berlin-Charlottenburg bestellte Sachverwalter überwacht die Rettungsbemühungen lediglich.

Überbrückungskredit ist nicht gleich Überbrückungskredit

So ist das Darlehen des italienischen Staats für Alitalia auch nicht mit dem Überbrückungskredit der Bundesregierung für Air Berlin vergleichbar. Italien hatte ein Darlehen von über einer halben Milliarde Euro an Alitalia ausgeschüttet, um die Airline in der Insolvenz in der Luft zu halten. In der Folge bekam die Fluggesellschaft eine zunächst unbefristete Flugbetriebslizenz der der italienischen Luftfahrtbehörde Enac.

Da die Bundesregierung nicht an Air Berlin beteiligt ist, muss der Kredit über die staatseigene deutsche Förderbank KfW in Höhe von maximal 150 Millionen Euro ohnehin grundsätzlich anders bewertet werden. Der in der Branche hoch umstrittene Kredit ist nun mal kein Geld eines Eigentümers sondern einfach nur Geld vom Staat. Daran sind in der EU strengere Bedingungen geknüpft.

© dpa, Christoph Schmidt Lesen Sie auch: So könnte Air Berlin den KfW-Kredit zurückzahlen

Nachdem die EU-Kommission vergangene Woche den staatlichen Überbrückungskredit unter strengen Auflagen genehmigt hatte , kann das Geld an Air Berlin nun in Wochen-Tranchen ausgezahlt werden. Der Kredit läuft nur bis November. Damit soll der operative Betrieb sichergestellt werden.

Ob das gelingt steht aktuell noch nicht fest. Ihre direkt nach der Insolvenz verkündeten Tiefpreis-Angebote musste Air Berlin wieder zurücknehmen, da die staatlichen Gelder zur Subventionierung solcher Flüge ansonsten den Wettbewerb übermäßig belastet hätten. Aktuell streicht Air Berlin kurzfristig ihre Langstreckenangebote ersatzlos zusammen. In Berlin gibt es schon bald gar keine Transatlantikverbindungen mehr, in Düsseldorf reduziert sich das Angebot zum Monatsende drastisch.

Air Berlin fliegt quasi unter "Chapter 11"

Warum aber kommt Air Berlin mit 150 Millionen möglicherweise nicht einmal über vier Wochen, während Alitalia für ein halbes Jahr gerade mal vier Mal so viel an Krediten benötigt? Die Erklärung dafür ist tiefer in den Büchern zu suchen, sagt Bretz. "Die Schulden von Alitalia sind einfach um einiges höher als die von Air Berlin. Die Airline muss also viel mehr bedienen." Die Schulden der Airline beziffert der Creditreform-Experte auf rund drei Milliarden Euro. Air Berlin hat über die Jahre ein negatives Eigenkapital von "nur" rund 1,5 Milliarden aufgehäuft.

Hinzu kommt, dass Air Berlin im aktuellen Insolvenzverfahren vom Gläubigerschutz profitiert. Langfristige Forderungen muss Air Berlin aktuell nicht mehr bedienen. Dieser in Deutschland noch neue Ansatz im Insolvenzrecht ist in der Luftfahrt bereits seit Jahren aus den USA bekannt ("Chapter 11") und soll bei einer "Insolvenz in Eigenverwaltung" die "Beinfreiheit des Schuldners" garantieren. Das erste Ziel des sogenannten Schutzschirmverfahren: Eine Sanierung und keine Zerschlagung.

© dpa, Fotomontage: airliners.de Lesen Sie auch: Die Insolvenz in Eigenverwaltung Die Luftrechts-Kolumne (53)

Wie gut die Chancen für eine Sanierung bei Air Berlin stehen, ist aktuell noch nicht seriös abzuschätzen. Zu wenig ist über die Bieter und die Angebote im aktuellen Poker um die ehemals zweitgrößte deutsche Airline öffentlich bekannt. Interessant sind bei beiden Fluggesellschaften vor allem die bestehenden Flotten, auch wenn sowohl Alitalia als auch Air Berlin so gut wie alle Flugzeuge geleast haben. Interessant für die Bieter ist der schnelle Zugang zum Markt.

Fest steht, dass sich bei einer schnellen Aufteilung des Marktes deutliche Verschiebungen ergeben würden, die zum Teil kartellrechtliche Probleme mit sich bringen könnten.

Die Marktneuverteilung ist treibender Faktor

So würde die Lufthansa Group bei einer Übernahme wesentlicher Air-Berlin-Teile in Deutschland deutliche Marktanteilsgewinne für sich verbuchen. Auf vielen der meistbeflogenen innerdeutschen Routen droht sogar ein Lufthansa-Monopol, denn Konkurrenten wie beispielsweise die irische Billigairline Ryanair haben in Deutschland bislang kaum einen Fuß in die Tür bekommen. Entsprechend gering sind bislang die Marktanteile. Auch aktuell scheint die Airline im Air-Berlin-Poker zumindest offiziell außen vor zu bleiben.

In Italien sieht das ganz anders aus. Ryanair hat hier eine offizielle Offerte für Alitalia angekündigt. Ohnehin ist die Lowcost-Airline im italienischen Markt die Nummer eins - noch vor dem Flagcarrier.

Luftverkehrsmärkte Italien und Deutschland
Lufthansa Group Air Berlin Group Alitalia Ryanair Easyjet sonstige
Deutschland gesamt 48.2 12 0.3 6.7 2.9 29.9
Innerdeutsch 73.4 24.4 0 1.5 0 0.8
Italien gesamt 3 1.2 20.39 23.9 10.3 41.2
Inneritalienisch 0 0 41.4 30.5 8.2 19.9

Sitzplatzangebot im September 2017, Quelle: OAG/ch-aviation

Insgesamt ist der italienische Luftverkehrsmarkt allerdings im Sommerflugplan um rund ein Drittel kleiner und vor allem deutlich stärker fragmentiert als der deutsche. Inneritalienisch werden allerdings sogar etwas mehr Sitzplätze angeboten als innerhalb Deutschlands.

Innerdeutsch hat die Lufthansa Group bereits heute einen Marktanteil von rund 73 Prozent. Air Berlin kommt auf knapp ein Viertel. Platz drei ist Ryanair mit nicht einmal zwei Prozent des innerdeutschen Flugverkehrs. Im inneritalienischen Flugverkehr stellt der Billigflieger dagegen rund 30 Prozent des Angebots. Inneritalienisch abgeschlagen auf Platz drei rangiert Easyjet mit rund acht Prozent. Alitalia ist mit rund 41 Prozent noch der Platzhirsch.

© AirTeamImages.com, TT Lesen Sie auch: Auf diesen Air-Berlin-Strecken droht ein Lufthansa-Monopol Analyse

Laut Medien sind an Alitalia unter anderem auch die Lufthansa Group und Easyjet interessiert. Da ist es nicht verwunderlich, dass Ryanair in Italien - genau wie die deutsche Nummer eins hierzulande - natürlich kein besonders großes Interesse an einer Erstarkung der Konkurrenz hat. Womit es zumindest bei den Interessenten noch eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden insolventen Fluggesellschaften Alitalia und Air Berlin gibt.

Von: Carlo Sporkmann und David Haße
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