Tuifly hat sich mit ihren Piloten auf ein verbessertes tarifliches Freiwilligenprogramm geeinigt. Zugang zu dem Programm haben alle Piloten, die bis zum Ende dieses Jahres 55 werden. Unterzeichnet wurde das Freiwilligenprogramm am 31. Januar, auf der Tui-Hauptversammlung am Dienstag wurde es bestätigt.
Ein Tui-Sprecher äußerte auf airliners.de-Anfrage, das Programm gebe den Mitarbeitern ein weiteres Werkzeug in die Hand, um Teil der Restrukturierung zu werden. Inwiefern das Programm erfolgreich wird, werde sich zeigen müssen. Es ist auf 40 Teilnehmer gedeckelt. Bis jetzt haben nach eigenen Recherchen von airliners.de rund zwanzig Piloten Interesse bekundet. Feste Zusagen gibt es demnach allerdings noch nicht.
So sollen freiwillig ausscheidende Piloten jetzt monatlich mindestens 2500 Euro individuelle Übergangsversorgung bis zum Erreichen des Renteneintrittsalters erhalten. Ein Kapitän in der tariflichen Endstufe bekommt rund 7700 Euro brutto. Zu beachten ist allerdings, dass von dieser Summe auch der Arbeitgeberanteil der Sozialversicherungsbeiträge zu bezahlen ist.
Aus Reihen der Arbeitnehmervertreter ist zudem zu hören, dass man zwar ein attraktiveres Programm gefordert habe, aber immerhin die Bedingungen im Laufe der Verhandlungen verbessern konnte. So wurden gegenüber einem ersten Vorschlag im Sommer 2020 noch einmal rund tausend Euro aufgeschlagen und das Mindestalter von 58 auf 55 abgesenkt.
Der größte Kritikpunkt der Arbeitnehmer ist, dass das Programm möglicherweise nicht insolvenzbesichert ist. Im Falle einer Pleite bei Tui würde somit auch die finanzielle Versorgung der Mitarbeiter, die das Programm in Anspruch genommen haben, ausfallen. Außerdem sei die Aufstockung auf die grundlegende Übergangsversorgung nicht dynamisiert. Das bedeutet, dass es zwar im Falle einer Erhöhung der Vergütung aller Tuifly-Piloten sogar finanzielle Anpassungen für die ausgeschiedenen Piloten gibt. Der Aufstockungsbeitrag selbst sei dabei aber statisch, so dass er bei einer Inflation schnell an Wert verliere, so die Kritik der Arbeitnehmer.
Inzwischen 78 Niederlagen vor Gericht
Weitere Uneinigkeit herrscht bei den betriebsbedingten Kündigungen. Inzwischen hat Tuifly 78 Verfahren verloren, kein einziges ging zugunsten der Airline aus. Knackpunkt ist, dass die Fluggesellschaft die Kündigungen offenbar nicht rechtlich wasserdicht vollzogen hat.
Arbeitsgerichte begründeten unter anderem, dass Tuifly in keiner Weise dargelegt hätte, dass keine Weiterbeschäftigung für die Betroffenen möglich sei. Ein gewichtiger Grund sei somit nicht gegeben gewesen, die Kündigungen waren damit unwirksam. Gegen die Urteile ging Tuifly in Berufung, die erste zweitinstanzliche Verhandlung soll im März stattfinden.
Streit über Tarifflucht
Weiterhin Streit gibt es auch über die Situation von externen Chartern im Tui-Konzern: Die Vereinigung Cockpit hat jetzt erneut die Beendigung von Tarifflucht gefordert. Der Vorwurf ist, dass Tui Kapazitäten, die früher durch die hauseigene Airline Tuifly geflogen wurden, jetzt extern zukauft.
So fliegen diesen Sommer unter anderem ab Hamburg und Berlin die Lufthansa-Tochter Eurowings im Vollcharter für den Reiseveranstalter, ab Nürnberg der lettische ACMI-Anbieter Smartlynx. Alle drei Flughäfen waren früher Tuifly-Stationen. Teilweise sind sogar noch Mitarbeiter an den Standorten angestellt, welche Tuifly dann zu Flugdiensten ab anderen Stationen anreisen lassen und im Hotel unterbringen muss.
VC: Massiver Einsatz von Fremdanbietern
"Dass für besondere Spitzenzeiten externe Kapazitäten auch bei Tui eingesetzt werden, ist eine Sache.", äußert Marcel Gröls, Vorsitzender für Tarifpolitik in der Vereinigung Cockpit (VC). "Wir sehen aber den ganz massiven Einsatz von Fremdanbietern. Es liegt auf der Hand, dass der Konzern trotz der Milliardenunterstützung durch den Steuerzahler in der Corona-Krise ehemals eigenes Geschäft mit tarifierten Arbeitsplätzen zugunsten anderer, oftmals untarifierter Airlines ausgelagert hat."
Die VC stichelt weiter: "Neben den Arbeitnehmerrechten werden durch den Einsatz konzernfremder Airlines auch Versprechen des Tui-Konzerns an seine Kundinnen und Kunden verletzt." Das Unternehmen trete mit dem Anspruch an, im Tourismus Standards bei Qualität, Innovation und Nachhaltigkeit zu setzen. "Wie dies mit Carriern wie Smartlynx oder European Air Charter gelingen soll, bleibt Geheimnis der Konzernführung."
In Mitarbeiterkreisen vermutet man, dass die Geschäftsführung seit dem "Sick-Out", also dem stillen Streik im Herbst 2016, einen Groll auf die eigene Belegschaft hegen würde. So hätte man Corona als Chance genutzt, sich der vergleichsweise teuren und mitbestimmenden Mitarbeiter zu entledigen, in einem Maße, das über die tatsächliche pandemiebedingte Notwendigkeit hinausgeht.
Tui: Vorwürfe der VC unwahr
Ein Tui-Sprecher bezeichnet die Vorwürfe der VC als unwahr. Die Restrukturierung auf 22 Maschinen sei ein Resultat der wegfallenden Wetlease-Verträge. Tuifly hatte über Jahre Flugzeuge an andere Airlines vermietet, zunächst 14 Maschinen an Air Berlin, nach deren Pleite dann sieben Maschinen an Eurowings.
Die Fremdcharter wären einzig zur Spitzenabdeckung in der Hauptreisezeit. Gerade an kleineren Standorten wie Friedrichshafen lohne es sich nicht, für das Sommergeschäft eine eigene Maschine zu betreiben, die man dann auch im Winter beschäftigen müsste. Auch qualitativ müsse sich Tui nichts vorwerfen lassen. Die Gäste würden im Rahmen der Buchung transparent darauf hingewiesen werden, dass sie nicht mit der hauseigenen Tuifly in den Urlaub befördert werden.
Die Corona-Pandemie hat auch Tui stark zugesetzt. Der Reiseveranstalter musste einen Rettungskredit über 4,3 Milliarden Euro in Anspruch nehmen. Die hauseigene Airline Tuifly wird saniert. Dabei wurden in Deutschland fünf der elf Stationen geschlossen, die Flotte ist von 37 Maschinen im Jahr 2019 auf aktuell 26 Maschinen geschrumpft. Die Zielgröße ist allerdings noch geringer, perspektivisch soll Tuifly nur 22 Maschinen betreiben.