Die spanische Regierung erwägt eine direkte Vermittlerrolle im Tarifkonflikt bei Airbus. Das kündigte Industriestaatssekretär Jordi García Brustenga an, nachdem ein weiteres Treffen zwischen den Gewerkschaften und der Unternehmensleitung ohne Ergebnis geblieben war. Zuvor hatte die Belegschaft in den spanischen Airbus-Werken mehrheitlich für eine Fortsetzung des seit dem 24. August laufenden, unbefristeten Streiks gestimmt.
Nach Informationen der spanischen Wirtschaftszeitung "Cinco Días" warnte García Brustenga, der andauernde Ausstand gefährde die Wachstumschancen der spanischen Luft- und Raumfahrtindustrie im zivilen wie im militärischen Bereich. Die spanische Regierung erteilte Airbus im Rahmen der europäischen Aufrüstungsbemühungen selbst bedeutende Aufträge im Militärsektor. Sollte eine Vermittlung notwendig werden, werde auch Industrieminister Jordi Hereu eingebunden.
García Brustenga äußerte sich: "Wir werden uns sicherlich irgendwann einmischen müssen, ich hoffe nicht, aber wir werden vermitteln oder diese Realität vielleicht sogar an den Verhandlungstisch bringen müssen. Wir dürfen nicht mit der Zukunft der nächsten 30 Jahre spielen."
Am Dienstag trafen die streikenden Gewerkschaften CGT, UGT und UTIL erneut mit der Unternehmensleitung sowie den nicht am Ausstand beteiligten Gewerkschaften CCOO, ATP und SIPA zusammen. Das Treffen blieb ergebnislos. Der Interkonföderale Schlichtungs- und Schiedsdienst (SIMA), der in dem Arbeitskonflikt vermittelt, setzte für den Dienstagnachmittag ein weiteres Treffen an. Die Gewerkschaft UTIL kündigte laut der Nachrichtenagentur "EFE" an, daran nicht teilzunehmen.
Beschäftigte stimmen für Fortsetzung des Streiks
Die Fortsetzung des Streiks geht auf eine Abstimmung vom Montag zurück, wie "El Mundo" berichtete. Demnach sprachen sich 81,2 Prozent der Teilnehmer gegen eine Aussetzung oder Verschiebung der Arbeitsniederlegungen aus, 16,4 Prozent stimmten für eine Streikpause, 2,4 Prozent enthielten sich. Nach Angaben von "Cinco Días" nahmen an den Versammlungen in den Werken Getafe, San Pablo und Tablada rund 1000 der etwa 15.000 Beschäftigten persönlich teil.
Illescas und Albacete setzten ihre eigenen Abstimmungen zunächst aus, kündigten aber an, sich dem Mehrheitsvotum anzuschließen. Albacete stimmte anschließend ebenfalls für die Fortsetzung des Streiks, während Illescas die Proteste vorerst aussetzte.
Die Beschäftigten lehnten damit den jüngsten wirtschaftlichen Vorschlag von Airbus ab. Der Flugzeugbaer zuvor eine Einmalzahlung von 2000 Euro im Januar 2027 sowie eine feste Gehaltserhöhung von fünf Prozent für 2026 und 2027 angeboten, zusammengesetzt aus der Inflationsrate und einem Ausgleich für in den vergangenen Jahren verlorene Kaufkraft. Für die Jahre 2028 bis 2030 sah der Vorschlag eine Erhöhung um die Inflationsrate plus 1,2 Prozent vor. Der Kaufkraftverlust der Beschäftigten liegt laut dem Vorschlag bei neun Prozent, Airbus verpflichtete sich, davon bis 2030 einen Anteil von 7,6 Prozent auszugleichen.
Strittig blieben zudem die Themen Telearbeit, Verpflegungspauschale und Urlaubsmodell. Airbus wollte den Beschäftigten zwei Homeoffice-Tage pro Woche zugestehen, die tägliche Verpflegungspauschale ab dem 1. Oktober aber von fünf auf 3,50 Euro senken. Beim Urlaub sah der Vorschlag zwei Wochen vollständige Erholung vor, gefolgt von zwei Wochen bezahltem Urlaub. Hinzu kamen laut "El Mundo" flexible Arbeitswochen, Zusagen für die Beschäftigten des sogenannten Bromo-Projekts sowie eine Überprüfung der Arbeitsbelastung im Werk Cádiz.
Zudem bestätigte das Airbus-Management gegenüber der SIMA die Rücknahme einer Berufung vor dem Obersten Gerichtshof, die Zulagen für vorübergehende Arbeitsunfähigkeit betraf. Das Gericht hatte zugunsten der Gewerkschaft UGT entschieden und es als unfair bewertet, Gehaltszuschläge für Beschäftigte im Krankenstand von der betrieblichen Fehlzeitenquote abhängig zu machen.
Airbus spricht von kritischer Lage
Airbus hatte die Beschäftigten bereits in einer internen Mitteilung gewarnt, wie "El Mundo" berichtete. Wörtlich hieß es darin: "Die Fortsetzung des Streiks stellt eine kritische Situation sowohl für unser Unternehmen als auch für unsere Kunden dar. Wir haben deutliche Besorgnisäußerungen von verschiedenen Kunden und Interessengruppen erhalten, die auf die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs angewiesen sind."
Nach der Entscheidung der Belegschaft, den Ausstand fortzusetzen, bezeichnete Airbus die Lage seines Spanien-Geschäfts laut "Cinco Días" erneut als kritisch und kündigte an, seine "nächsten Schritte" zu prüfen. Vertreter der Belegschaft trafen sich zudem im spanischen Abgeordnetenhaus mit der Partei Podemos, um den seit dem 1. Juli andauernden Verhandlungsstillstand anzuprangern und konkrete Verbesserungen der Arbeitsbedingungen zu fordern.
Kosten des Streiks übersteigen offenbar die Einsparungen
Die Auswirkungen des Streiks reichen laut "El Mundo" über Spanien hinaus. Die IATA beziffert die durch verzögerte Flugzeugauslieferungen verursachten zusätzlichen Treibstoffkosten der Branche auf drei Milliarden US-Dollar, umgerechnet 2,7 Milliarden Euro. Grund ist laut der IATA, dass Airlines wegen der Verzögerungen weiterhin ältere, weniger effiziente Maschinen einsetzen müssen. Betroffen sind demnach unter anderem zwei in Spanien gefertigte Bauteile: die Höhenleitwerke des Airbus A320 Neo und des Airbus A350, die im Werk Getafe montiert werden.
Ein unter den Beschäftigten kursierendes, von ihnen selbst erstelltes Papier, beziffert die täglichen Einsparungen von Airbus durch nicht gezahlte Löhne und Sozialabgaben der Streikenden auf 2,4 Millionen Euro. Allein die Verzögerung der Auslieferung von zwei Airbus A320 verursacht laut Papier einen vorübergehenden Umsatzausfall von 74 Millionen Euro und übertrifft damit die gesamten Einsparungen eines vollen Streikmonats von 71 Millionen Euro. Die Verzögerung der Auslieferung einer einzelnen Maschine bedeutet dem Papier zufolge einen Umsatzausfall von 37 Millionen Euro pro Quartal.
Das Papier warnt zudem vor möglichen internationalen Folgen des unbefristeten Streiks. Laut dem Papier befürchtet Airbus, die gewerkschaftlichen Forderungen aus Spanien könnten sich auch auf Frankreich oder Deutschland ausweiten. Die Lohnkosten von Airbus in Spanien belaufen sich auf 1,3 Milliarden Euro, konzernweit auf 18,7 Milliarden Euro. Würde eine vergleichbare, über das aktuelle Budget hinausgehende Erhöhung konzernweit umgesetzt, entstünden laut dem Papier jährliche Zusatzkosten von rund 1,2 Milliarden Euro.
Zur Begrenzung auf Spanien hieß es in dem Papier: "Was das Management nicht tun kann, ist zu verhindern, dass die Zahlen über die Landesgrenzen hinausfließen. Die deutschen Löhne unterliegen branchenspezifischen Tarifverträgen, die Airbus nicht allein kontrollieren kann. Die jährliche Verhandlung mit Frankreich ist eine gesetzliche Verpflichtung." Zugleich kann das Unternehmen laut dem Papier zwar die Form, nicht aber den Inhalt eines Abkommens verändern, wodurch sich der spanische Abschluss nicht automatisch auf andere Länder übertragen lässt.
Die Beschäftigten planen unterdessen einen Marsch zum Industrieministerium, der laut "El Mundo" für den 12. September vorgesehen ist. Offen ist noch, ob sie zeitgleich auch in Frankreich demonstrieren, wo Airbus zahlreiche Werke betreibt, darunter das Werk in Toulouse. Dieses verarbeitet Bauteile aus spanischer Fertigung und könnte bei anhaltenden Lieferverzögerungen zum Stillstand kommen.