Der Flugzeugbauer Airbus hat nach Protesten und Streiks in seinen spanischen Werken eine geplante Verschärfung der Präsenzpflicht abgeschwächt. Führungskräfte dürfen Beschäftigten demnach weiterhin erlauben, an durchschnittlich zwei Tagen pro Woche im Homeoffice zu arbeiten. Damit ist der ursprünglich vorgesehene verbindliche Grenzwert von einem Homeoffice-Tag pro Woche vorerst ausgesetzt, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen mitteilten.
Ein Sprecher von Airbus sagte dazu: "Unser Ziel bleibt dasselbe: Wir streben eine stärkere Präsenz vor Ort an, um die Zusammenarbeit, den Wissenstransfer und schnellere Entscheidungen zu verbessern. Allerdings erfordert echter Wandel, dass wir unseren Beschäftigten zuhören. Auf Grundlage des Feedbacks der Belegschaft haben wir uns entschieden, diesen Übergang schrittweise umzusetzen."
Beschäftigte in Spanien hatten seit Juli immer wieder gestreikt, in Frankreich und Großbritannien war es vereinzelt zu Protesten gekommen. Auslöser war ein Plan von Airbus, Büroangestellte ab September zu verpflichten, an vier statt bisher drei Tagen pro Woche vor Ort zu arbeiten.
Vorstandsvorsitzender Guillaume Faury hatte den Beschäftigten im Juni mitgeteilt, das Homeoffice sei während der Corona-Pandemie ein Rettungsanker gewesen, als Kontakte vermieden werden sollten. Inzwischen gelte das Gegenteil, weil Airbus sicherstellen wolle, dass Wissen persönlich weitergegeben werde. Wie "Bloomberg" im Juni berichtete, schrieb Faury in einem internen Memo: "Ich zähle auf die Unterstützung von Ihnen allen."
Zehntausende neue Beschäftigte seit der Pandemie
Nach Angaben französischer Gewerkschaften haben seit Beginn der Corona-Pandemie Zehntausende Beschäftigte die Luft- und Raumfahrtindustrie verlassen. Zwischen 25 Prozent und einem Drittel der Airbus-Belegschaft ist demnach erst in den vergangenen drei Jahren zum Unternehmen gestoßen.
In Spanien beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben rund 40 Prozent der etwa 14.000 Beschäftigten von Airbus an den Streiks. Neben dem Homeoffice ging es dabei auch um Anfahrtswege, bezahlten Urlaub und Gehälter.
Die Produktion war von den Unterbrechungen in den unterstützenden Bürobereichen bislang nicht betroffen. Drei spanische Gewerkschaften riefen im Juli zudem zu einer dreistündigen Arbeitsniederlegung auf, um über einen längeren Streik abzustimmen. Für eine Stellungnahme waren sie zunächst nicht erreichbar.
Sorge um Ansehen der Konzernführung
Nicht nur Airbus kämpft mit der Zurückhaltung von Beschäftigten gegenüber einer häufigeren Rückkehr ins Büro, auch andere internationale Konzerne sind betroffen. Streiks sind bei Airbus selten, Insidern zufolge hat die Intensität der Proteste in Spanien die Konzernführung aber aufgeschreckt und Fragen aufgeworfen, wie das Management vor Ort mit dem Konflikt umgegangen ist. Personalverantwortliche baten die Belegschaft demnach, "zusammenzuspielen".
Der Luft- und Raumfahrtindustrie und anderen Branchen fällt es zudem schwer, jüngere Beschäftigte der Generation Z zu gewinnen. Dieser ist laut aktuellen Deloitte-Umfragen eine Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wichtiger als eine klassische Karriereleiter. Flexible Arbeitsmodelle unterstützen laut Branchenvertretern auf der Farnborough Airshow im Juli auch die Personalgewinnung im Wettbewerb mit besser bezahlten Branchen, die sogenannte digitale Nomaden anziehen, etwa der Künstliche-Intelligenz-Branche.