In seiner Mobilitätskolumne "Schiene, Straße, Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern.
"Size doesn't matter", lautet ein leicht zu missverstehender Spruch. Er stimmt nicht immer, aber manchmal eben doch.
Und so üblich es auch ist, immer wieder über den Berliner Flughafen abzulästern: Im Alltagsbetrieb erleben wir ihn eher funktionierend. Vielleicht gerade weil er nicht zu dem Drehkreuz geworden ist, das manche Visionäre schon gesehen hatten.
Und nicht nur das. Selten fragt jemand in Deutschland nach der Ästhetik eines solchen Zweckbaus. Schon gar nicht im Fall des BER, wo alle Leute als Erstes die Synonyme "Milliardengrab" oder "Zeitmaschine" im Sinn haben. Dabei würde die Antwort doch wohl lauten: Er sieht gut aus.
Wer sich dem Airport mit dem Auto nähert, kommt von Osten. Und da auf dem breiten Zubringer eh nur Tempo 70 erlaubt ist, das Verkehrsaufkommen sich meiner Erfahrung nach in Grenzen hält und jeder Angst hat, dass die allgegenwärtige Videoüberwachung zu Geschwindigkeitskontrollen in der Lage ist, fährt dort kaum jemand schneller.
Unauffällig angepasst
So hat er Gelegenheit, wohlwollend auf das vor ihm auftauchende – keinesfalls aufragende – Hauptgebäude zu blicken, und erkennt, dass es sich der märkischen Landschaft unauffällig anpasst, die in dieser Gegend endlose Kiefernwälder, Endmoränentäler und kleine Dörfer prägt. Die "Streusandbüchse Preußens" eben. Kein aufgeregtes In-den-Himmel-Streben, kein unentwirrbares Durcheinander.
Passt sich unauffällig der Landschaft an: das BER-Hauptgebäude von Norden aus gesehen (links neben dem Tower). : Trockenes, goldbraunes Feld vor der flach am Horizont liegenden Anlage des Flughafens Berlin Brandenburg. Links rahmen Stamm und Blätter eines Baums das Motiv, rechts vom Hauptgebäude steht der Tower. © Thomas Rietig
Wenn sich der Autofahrer nach bestürzter Kenntnisnahme der hohen Parkgebühren wieder abgeregt hat, läuft er vielleicht durch die Glastüren des Haupteingangs im Osten ins Gebäude und stößt erst einmal auf den armen Ikarus, eine Skulptur von Rolf Scholz. Der griechische Flieger stürzte seinerzeit ab, weil er mit den Flügeln aus Wachs und Federn, die ihm sein Vater gebaut hatte, entgegen dessen Warnungen zu nah an die Sonne geflogen war. Das Wachs schmolz, und der Auftrieb war dahin.
Mutige Mythologisierung
Diese mythologische Referenz an einer Stelle, wo die meisten Betrachter sich gerade in die Lüfte erheben wollen, ist schon ein bisschen mutig. Immerhin sagen Statistiken, dass 500 Millionen Menschen weltweit Flugangst empfinden. Manche werfen dem Ikarus im Glashaus Münzen zu, vielleicht in der Hoffnung, den bevorstehenden Flug unverletzt oder auch nur ohne Verspätung zu überstehen.
Ob das Geld immer mal eingesammelt wird, um das Defizit des Airports zu verringern?
Die Plastik spiegelt für mich nicht das nach der Überlieferung tödliche Ende dieses Abenteuers wider. Die Lage des Verunfallten lässt beim flüchtigen Hingucken eher ein "Huch, jetzt bin ich aber gestolpert!" beim Betrachter zurück. Damit bleibt Raum für positive Weiterentwicklung.
Die stellt sich in der Ankunftsebene ein, wo die Flughafen-Künstler selbst Münzen in den hellen Boden eingelassen haben, ein Kunstwerk von "STOEBO". Es "steht für die Offenheit und Vielfalt der Welt, die Menschen aller Nationen und Kulturen umfasst und erweist ihnen Respekt, indem es sie in ihrer jeweiligen Identität willkommen heißt", schreibt der BER dazu.
Hoffentlich nehmen sich das alle zu Herzen, die hier ankommen. Wichtig wäre es in diesen polarisierten Tagen. Auf jeden Fall verkürzt das Betrachten die Zeit, wenn Abholer auf Gelandete warten.
Ein Hauch von Steppenwolf
Eine Rolltreppe höher hängt in der Check-in-Halle des Terminals 1 das unübersehbare Werk der kalifornischen Künstlerin Pae White, "Magic Carpet", über den Köpfen der Abfliegenden. Klar, was der fliegende Teppich bewirken soll: eine positive Einstimmung auf den ewigen Traum vom Fliegen.
Teile des «Fliegenden Teppichs» werden am 26.03.2012 in der Haupthalle auf dem zukünftigen Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg montiert. Sie gehören zu dem 1000 Quadratmeter großen Kunstprojekt «Magic Carpet Ride» von Pae White. © dpa / Bernd Settnik
Ikarus war ja nur eine Entwicklungsstufe auf dem Weg zur Erfüllung dieser Vision. Wer sich gerne prominent fühlt, kann sogar aus der Farbe noch herauslesen, dass ihm der rote Teppich ausgerollt wurde. Ich weiß nicht, ob die Künstlerin (geboren 1963) das im Sinn hatte, aber ich empfehle Alt-68ern, sich dazu "Magic Carpet Ride" von Steppenwolf (1968) auf die Ohren zu legen, in dem, suchtneutral formuliert, die Vorfreude auf neue Erfahrungen thematisiert wird.
Jetzt muss ich noch mal zurück auf Ikarus' Vater Dädalus kommen. Er war ein Erfinder. Trotz der Panne mit seinem Sohn wird er über die Jahrtausende als genial bezeichnet. Teil des Mythos ist auch, dass er für den kretischen König Minos ein Labyrinth erbaute, aus dem er selbst kaum noch herausfand. Ob das genial war, mag jeder selbst beurteilen. Böse Zungen könnten auf die Idee kommen, dass Dädalus lange vor dem weltberühmten Architekturbüro GMP (Gerkan, Marg und Partner, die Designer des BER) schon Flughäfen in aller Welt geplant haben könnte, zum Beispiel in Frankfurt am Main.
Wucherndes Gewerbegebiet
Nicht nur aus der Luft sieht der Rhein-Main-Flughafen aus wie ein unkontrolliert ausgeufertes wucherndes Gewerbegebiet, was er ja auch ist. Seit Jahrzehnten ist er eine weder durch Kriege noch durch Terroranschläge, Pandemien oder Rezessionen zu bremsende Wachstumsmaschine.
Entsprechend kommt heute kaum noch jemand auf die Idee, in diesem Labyrinth Kunst zu suchen, obwohl es sie sicher hier und da gibt und obwohl sicher jeder einzelne Architekt, der dort gewirkt hat oder noch wirkt, sein Bestes gegeben hat.
Natürlich ist die Ausrede einfach und nachvollziehbar. In der Ecke des Frankfurter Kreuzes, umgeben vom dichtestbesiedelten Südhessen, ist wenig Platz für großzügige Ästhetik, da muss mit dem Vorhandenen, so gut es eben geht, umgegangen werden. Und wer in Frankfurt Schönheit haben will, der geht ans Museumsufer.
Trotzdem bleibt als Eindruck: Eine attraktive Realisierung des Bauhaus-Mottos "Form follows function" ist er nicht. Vielmehr fasziniert er mit seiner unaufhörlichen Betriebsamkeit. Der Fluggast aber will nur schnell durch und ist froh, wenn er auf den langen Wegen beim Ein-, Aus- oder Umsteigen nicht die Orientierung verliert.
Überzeugte Fluggäste
Das ist beim BER einfacher. Eigentlich wollte ich daraus ableiten, dass all das Geschilderte zu dem Umfrage-Ergebnis führt, das die Statistiker der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) jüngst veröffentlichten: "Auch kleine Flughäfen überzeugen unsere Fluggäste." 92 Prozent der Fluggäste dort sind zufrieden oder sehr zufrieden mit ihnen, acht Prozent finden sie "akzeptabel/neutral". Null Prozent sind unzufrieden.
Aber richtig klein ist der Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt ja nun auch wieder nicht. Bei mittleren Flughäfen sieht es leider anders aus. Die Zufriedenheitsquote beträgt dort 75:22, drei Prozent sind unzufrieden. Nicht viel besser sind die Ergebnisse der Umfrage bei großen Flughäfen und Riesen-Hubs.
Manchmal kommt es eben tatsächlich auf die Kleinheit an.