Die US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) und Boeing haben in vertraulichen Mitteilungen erklärt, dass die Fuel-Control-Switches bei Boeing-Flugzeugen sicher sind.
Das geht aus einem Dokument hervor, das die Nachrichtenagentur "Reuters" einsehen konnte, sowie aus Angaben von vier informierten Quellen.
Die FAA Continued Airworthiness Notification wurde herausgegeben, nachdem ein vorläufiger Untersuchungsbericht zum Absturz einer Boeing 787-8 der Air India Fragen zu den Kraftstoff-Abschaltschaltern der Triebwerke aufgeworfen hatte. Bei dem Unglück im vergangenen Monat kamen 260 Menschen ums Leben.
In der FAA-Mitteilung an die Zivilluftfahrtbehörden heißt es laut Reuters: "Obwohl das Design der Fuel-Control-Switches, einschließlich der Sperrfunktion, bei verschiedenen Boeing-Flugzeugmodellen ähnlich ist, betrachtet die FAA dieses Problem nicht als unsicheren Zustand, der eine Lufttüchtigkeitsanweisung für Boeing-Flugzeugmodelle, einschließlich der 787, rechtfertigen würde."
Die FAA erklärte auf Anfrage, sie habe nichts über die Mitteilung hinaus hinzuzufügen.
Boeing verwies in einer "Multi-Operator-Message" an die Fluggesellschaften in den vergangenen Tagen ebenfalls auf die FAA-Mitteilung. Darin teilte der Flugzeughersteller mit, er empfehle keine Maßnahmen, wie zwei direkt informierte Quellen mitteilten. Boeing verwies Reuters-Anfragen an die FAA.
Fuel Control Switches bei der Boeing 787. Geschützt gegen versehentliches Verstellen durch Einrast-Mechanismus und seitlich durch Metallschienen. : Das Bild zeigt einen Nahaufnahmeausschnitt des Cockpits einer Boeing 787. Im Fokus sind die beiden schwarzen Fuel Control Switches, die durch Metallschienen und einen Einrastmechanismus gegen unbeabsichtigtes Umlegen geschützt sind. Die Hebel und umliegenden Bedienelemente sowie Displayanzeigen und die charakteristische Mittelkonsole sind sichtbar. © AirTeamImages.com / Mario Aurich
Absturzbericht nennt FAA-Empfehlung
Der vorläufige Untersuchungsbericht zum Absturz des indischen Aircraft Accident Investigation Bureau (AAIB) hatte auf eine FAA-Empfehlung aus dem Jahre 2018 verwiesen. Diese riet Betreibern mehrerer Boeing-Modelle, einschließlich der 787, die Sperrfunktion der Fuel-Control-Switches zu überprüfen. So sollte sichergestellt werden, dass diese nicht versehentlich bewegt werden können. Die Empfehlung kam heraus, nachdem eine fehlerhafte Charge an Schaltern in fabrikneue 737 eingebaut worden war. Dieser Fehler war schnell erkannt worden.
Laut dem Bericht hatte Air India mitgeteilt, die von der FAA 2018 vorgeschlagenen speziellen Inspektionen damals nicht durchgeführt zu haben, da diese nicht verpflichtend gewesen seien. Wartungsunterlagen zeigten jedoch, dass das Schubsteuermodul, das die Fuel-Control-Switches umfasst, 2019 und 2023 an dem betroffenen Flugzeug ersetzt worden waren.
Der Bericht stellte fest, dass "alle verpflichtenden Lufttüchtigkeitsanweisungen und Warnungen für Servicebulletins sowohl am Flugzeug als auch an den Triebwerken eingehalten wurden".
In den letzten Momenten des Fluges war auf dem Cockpit-Sprachrekorder zu hören, wie ein Pilot den anderen fragte, warum er den Kraftstoff abgestellt habe. "Der andere Pilot antwortete, dass er das nicht getan habe", heißt es in dem Bericht.
Wann der Flugkapitän sprach und wann der Erste Offizier, blieb unklar. Beide Schalter seien dann wieder in die Laufposition geschaltet worden, um die Triebwerke wieder anzulassen. Das Flugzeug bekam aber nicht mehr genug Leistung und stürzte in der Nähe des Flughafens in ein Wohngebiet.
Die Kraftstoffschalter waren drei Sekunden nach dem Start kurz hintereinander von "RUN" auf "CUTOFF" umgeschaltet worden. Der Bericht erklärte nicht, wie die Schalter umgeschaltet wurden. Die Schalter sind gegen versehentliches Verstellen mit einem Locking-Mechanismus geschützt.
Pilotenverband weist Fehlervorwürfe zurück
Nach der Veröffentlichung des berichts geben Experten, die nicht an der Erstellung des Berichts beteiligt waren, unterschiedliche Einschätzungen.
Luftfahrtexperte Graham Braithwaite von der Cranfield University sagte der BBC, solche Treibstoff-Regler könnten nicht leicht abgeschaltet werden. Es handle sich um "wirklich wichtige Schalter", die davor geschützt seien, dass jemand sie versehentlich berühre. Wenn ein Pilot einen solchen Schalter betätigen wolle, müsse er diesen "anheben und sehr bestimmt in die gewünschte Position bewegen", erklärte Braithwaite. Der Experte wies auch darauf hin, dass in dem Bericht nicht behauptet werde, ein Pilot habe den Schalter bewegt.
Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt äußerte sich im "Spiegel" mit Blick auf den vorläufigen Bericht dagegen überzeugt, dass einer der beiden Piloten die Treibstoffzufuhr absichtlich unterbrochen habe. "Alles deutet darauf hin, dass es ein Suizid war. Dass einer der beiden Piloten dieser Maschine bewusst die Treibstoffzufuhr unterbrochen hat - und das genau in dem Moment, in dem das Flugzeug am verwundbarsten war, unmittelbar nach dem Abheben."
Die beiden Treibstoff-Regler für die Triebwerke seien laut dem Bericht wenige Sekunden nach dem Abheben von "Run" auf "Cutoff" umgelegt worden - und zwar nacheinander, im Abstand von einer Sekunde zwischen Schalter eins und Schalter 2. "Das kann nach menschlichem Ermessen nur einer der beiden Männer im Cockpit getan haben", so Großbongardt. "Versehentlich kann man diese Regler nicht bewegen."
Die Wiederherstellung der Treibstoffversorgung sei zwar wenige Sekunden später erfolgt, so der Experte - jedoch sei das bereits zu spät gewesen. "Jeder von beiden könnte sie betätigt haben. Es ist noch nicht einmal ausgeschlossen, dass derjenige, der sie abschaltete, gleich danach den anderen gefragt hat, warum er die Treibstoffzufuhr abgeschaltet habe: im Versuch, seine Spur zu verwischen", so der Luftfahrtexperte. Es werde umfassende Untersuchungen geben - und wohl viele Spekulationen darüber, wer von beiden es war.
Pilotengewerkschaften warnen vor Spekulationen
Die Vereinigung Cockpit, der Berufsverband des Cockpitpersonals in Deutschland, warnt dagegen vor vorschnellen Bewertungen. Aus Sicht der Vereinigung lässt der bisher vorgelegte Bericht "keinen eindeutigen Schluss auf eine absichtliche Handlung zu", heißt es in einer Mitteilung. "Wichtige technische und systemische Aspekte sind nach wie vor ungeklärt."
Die Schalter zur Kontrolle der Treibstoffzufuhr seien unter Umständen nicht intakt gewesen, so die VC. "Dies kann unbeabsichtigte Betätigungen begünstigen. Trotz bekannter Sicherheitsbedenken wurde dieses Bauteil bei Air India weder überprüft noch durch eine verbesserte Version ersetzt."
Der bisher vorgelegte Untersuchungsbericht lasse zudem"keinen eindeutigen Schluss auf eine absichtliche Handlung zu", teilte die Pilotengewerkschaft am Sonntag mit. "Die Aufgabe der Flugunfalluntersuchung ist es, unabhängig sämtliche Faktoren des Unfalls zu beleuchten - technischer, organisatorischer und menschlicher Art", erklärte Vivianne Rehaag aus dem VC-Vorstand. Diesen Prozess gelte es abzuwarten und zu respektieren. "Vorverurteilungen helfen der Sicherheit nicht - im Gegenteil", fügte sie hinzu.
Die indische Pilotenvereinigung ALPA India wies am Samstag in einer Erklärung ebenfalls die Vermutung eines Pilotenfehlers zurück und forderte eine "faire, faktenbasierte Untersuchung". Nach der Veröffentlichung des Zwischenberichts gab es Berichte, wonach ein bewusstes Handeln eines der Piloten ursächlich für den Absturz gewesen sein müsse.
"Die Pilotenvereinigung muss nun Teil der Untersuchung werden, zumindest als Beobachter", forderte ALPA-India-Präsident Sam Thomas am Sonntag zu Reuters.
ALPA India erklärte in einem auf der Plattform X veröffentlichten Brief, der vorläufige Untersuchungsbericht verweise auf die FAA-Empfehlung von 2018 "bezüglich der Kraftstoffkontrollschalter-Sperren, was auf eine mögliche Gerätestörung hinweist".
Zwei US-Sicherheitsexperten unterstützten am Samstag ALPA Indias Forderung, als Beobachter an der Untersuchung teilzunehmen. Sie sagten jedoch, der Untersuchungsbericht deute nicht auf eine Voreingenommenheit in Richtung Pilotenfehler hin.
John Cox, ein Pilot und ehemaliger ALPA-US-Vertreter, sagte, der AAIB-Bericht scheine objektiv und fair zu sein.
*Hinweis: In diesem Artikel geht es zumindest implizit um das Thema Selbstmord. Wenn Sie selbst depressiv sind und Suizid-Gedanken haben, dann kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge im Internet beziehungsweise über die kostenlosen Hotlines 0800/1110111, 0800/1110222 oder 116123 oder wenden Sie sich an ein Peer-Support-Programm bei Ihrem Arbeitgeber.