Die europäische Luftfahrt steht nach Einschätzung führender Energieexperten vor einem akuten Versorgungsproblem: IEA-Direktor Fatih Birol bezifferte die verbleibenden Kerosin-Reserven in Europa gegenüber der Nachrichtenagentur "AP" auf rund sechs Wochen. Halte die faktische Sperrung der Straße von Hormus an und blieben weitere Lieferungen aus, seien Flugstreichungen kaum zu vermeiden.
Der Ökonom Claudio Galimberti vom Analysehaus Rystad Energy warnte nach Informationen der "Tagesschau" ebenfalls vor einer raschen Eskalation: Binnen drei bis vier Wochen könnte die Lage systemisch werden, im Mai und Juni seien erhebliche Einschnitte beim Flugbetrieb zu erwarten. Bereits jetzt seien vereinzelt Flüge wegen fehlenden Treibstoffs gestrichen worden.
Der europäische Flughafenverband ACI Europe hatte sich bereits in der Vorwoche mit einem Schreiben an die EU-Kommission gewandt. Darin warnte der Verband, dass ab Anfang Mai eine ernsthafte Kerosinknappheit eintreten könne – vorausgesetzt, Tanker blieben weiterhin von der Durchfahrt durch die Straße von Hormus ausgeschlossen. Die Sommerreisesaison, die umsatzstärkste Phase für die europäische Luftfahrt, könnte empfindlich gestört werden.
Der Flughafenverband ADV ergänzte: "Die Kerosinversorgung in Europa steht unter zunehmendem Druck. Das zentrale Risiko liegt weniger in der Rohölverfügbarkeit als in der begrenzten Raffinerie- und Produktstruktur. Rund 50 Prozent der EU-Kerosinimporte stammen aus der Golfregion – eine Abhängigkeit, die durch geopolitische Spannungen zusätzliche Unsicherheit erfährt."
Der Flughafenverband forderte deshalb, Versorgungssicherheit, Diversifizierung und resiliente Lieferketten müssten nun oberste Priorität haben.
ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel ergänzte: "Flughäfen haben keinen Einfluss auf Preisbildung oder Lieferketten, sind aber unmittelbar von Versorgungsengpässen betroffen. Wenn Airlines Kapazitäten reduzieren müssen, hat das direkte Konsequenzen für Konnektivität, Wertschöpfung und Beschäftigung am Standort Deutschland."
Hormus-Blockade als Auslöser
Auslöser der Versorgungskrise ist die De-facto-Sperrung der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs. Teheran hatte die Meerenge nach den amerikanisch-israelischen Angriffen Ende Februar weitgehend für den Schiffsverkehr gesperrt; zwischenzeitlich ließ der Iran einzelne Tanker gegen Gebühr passieren. Am vergangenen Sonntag kündigte US-Präsident Donald Trump an, die USA würden die Passage nun ihrerseits sperren.
IEA-Direktor Birol sprach von der schwersten Energiekrise, mit der die Welt je konfrontiert gewesen sei; je länger die Blockade andauere, umso größer werde der wirtschaftliche Schaden weltweit.
Europa importiert nach IEA-Daten 30 Prozent seines Kerosinbedarfs, drei Viertel davon stammen aus dem Nahen Osten. Die Raffineriekapazitäten auf dem Kontinent sind in den vergangenen Jahren gesunken, viele Anlagen arbeiten bereits an ihren Auslastungsgrenzen. Hinzu kommt eine ungleichmäßige Verteilung der Vorräte zwischen den einzelnen Ländern. Besonders stark von der Krise betroffen sind laut Birol asiatische Importnationen wie Japan, Südkorea, Indien, China, Pakistan und Bangladesch – doch auch Europas Airlines spüren die Auswirkungen des Konflikts deutlich.
EU und Berlin dämpfen Alarmstimmung
Die EU-Kommission reagierte vorsichtig beschwichtigend: Eine Sprecherin verwies darauf, dass bislang keine konkreten Mangelsignale vorlägen, räumte aber ein, dass Engpässe bei Flugkraftstoffen in naher Zukunft nicht ausgeschlossen werden könnten.
Parallel dazu arbeitet die Kommission an einem für den 22. April angekündigten Notfallplan, der unter anderem eine vollständige Erfassung und Auslastung europäischer Raffineriekapazitäten vorsieht.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sieht für Deutschland derzeit keine akute Gefahr. Sie verwies auf die inländische Kerosinproduktion in deutschen Raffinerien und betonte, dass die Bundesrepublik nicht ausschließlich auf Importlieferungen angewiesen sei.
Airlines fordern Echtzeit-Daten
Den Fluggesellschaften fehlt es nach eigenen Angaben an belastbaren Informationen, um ihren Flugplan vorausschauend anpassen zu können.
Der Branchenverband Airlines for Europe drängte die EU-Kommission, Echtzeitdaten zur Kerosinverfügbarkeit an den europäischen Flughäfen zugänglich zu machen. Der Verband hatte zudem bereits einen gemeinsamen Einkauf angeregt. Lufthansa-Vorständin Grazia Vittadini hatte zuvor erklärt, dass Kerosin-Lieferanten nicht mehr bereit seien, Prognosen über einen Zeitraum von mehr als einem Monat abzugeben.
An den Flughäfen Frankfurt und München gibt es bislang keine Hinweise auf Treibstoffmangel.
