Die befürchtete Kerosinmangellage ist im Sommer ausgeblieben, doch die Kosten sind gestiegen, und die Versorgungswege bleiben unsicher. Oliver Schöttker und Martin Hock vom PtX Lab Lausitz analysieren, warum der eSAF-Markthochlauf noch nicht in Gang kommt, wie sich Angebot und Nachfrage gegenseitig blockieren und welche Instrumente helfen könnten, ohne den Markt aus dem Gleichgewicht zu bringen. Außerdem geht es um einen Workshop der German Aviation Research Society im März 2027 in Berlin.
Der Krieg zwischen den USA und Iran – auch im größeren Zusammenhang mit weiteren globalen Krisen – führt der Welt die Volatilität fossiler Wertschöpfungsketten und ihre Abhängigkeit von den damit verbundenen Versorgungswegen vor Augen. Die befürchtete Kerosinmangellage ist im Sommer zwar nicht eingetreten und die gut vernetzten internationalen Rohstoffmärkte konnten einen Teil der möglichen Krisenfolgen abschwächen. Dennoch gibt es teils massive Kostensteigerungen für Industrie und Endverbraucher. Im Luftfahrtbereich zeigt sich dies vor allem an stark gestiegenen Kerosinkosten. Die konkreten Auswirkungen unterscheiden sich von Fluglinie zu Fluglinie und sind innerhalb der Branche uneinheitlich. Teilweise können Mehrkosten durch erhöhte Ticketpreise und den Ausbau des Luxussegments ausgeglichen werden, teilweise erfolgen Streckenstreichungen. Einige Fluggesellschaften schreiben zudem Verluste. Die Gefahr eines physischen Mangels von Kerosin ist auch noch nicht vollständig gebannt. So hat sich mit der Bedrohung der Straße von Bab al-Mandab nun auch die Ausweichroute zur Straße von Hormus als instabil erwiesen – mit noch unklaren Folgen für die Versorgungssicherheit in Europa.
Eine mögliche Lösung für diese Problemlage ist es, den Markt für fossile Kraftstoffe, und insbesondere Luftfahrtkraftstoffe, diverser zu gestalten. Bio-basiertes SAF und eSAF sind drop-in-fähige Substitute für fossile Kraftstoffe, die in aktuellen Flotten und bestehender Betankungsinfrastruktur genutzt werden können und damit ohne große Anpassungsnotwendigkeiten den Platz konventionellen Kerosins einnehmen können. Es zeigt sich bereits heute, dass die Branche laut einem EASA-Bericht vom Juni 2025 die durch die ReFuelEU geforderten Beimischquoten von zwei Prozent für SAF biologischen Ursprungs im Jahr 2025 übererfüllt hat. Sowohl der mengenmäßige als auch anteilige Anstieg der bereitgestellten SAF-Mengen im Vergleich zum Vorjahr (ca. Versechsfachung der Mengen aus 2024) deuten darauf hin, dass der Markt für bio-basiertes SAF bereits die notwendige Flexibilität aufweist, um auf Zusatznachfragen zu reagieren. eSAF-Beimischungen haben 2025 noch keinen nennenswerten Beitrag zur Diversifizierung der Kraftstoffportfolios geleistet und stellen somit keine kurzfristige und isolierte Lösung für die Versorgungsunsicherheit dar. eSAF kann dennoch als Baustein eines zukünftigen und diversifizierten Kraftstoffportfolios verstanden werden, welches sowohl Klima- als auch Versorgungssicherheitsziele adressiert.
Raffinerie von PCK in Schwedt. : Detaillierte Luftaufnahme der PCK-Raffinerie in Schwedt: weitläufige Industrieanlage mit zahlreichen zylindrischen Öltanks, hohen Destillationstürmen, Rohrleitungsnetzen und technischen Gebäuden. Im Vordergrund Straßen, einzelne Hallen und dichte Waldflächen; klare Sicht bei sonnigem Wetter. © PCK
Die beschriebenen Krisen und die Situationen am Kraftstoffmarkt allgemein erweitern die Begründung für eine Abkehr von fossilen Brennstoffen: Neben den etablierten ökologischen und klimatischen Gründen gewinnt mit der Resilienz- und Sicherheitspolitik eine zusätzliche Dimension an Bedeutung. Dies wurde auf politischer Ebene auch bereits erkannt. Die Einführung gesetzlicher Vorgaben durch die EU – wie der ReFuelEU Aviation und verbindlicher Beimischquoten – scheint erfolgreich erste Anreize für einen Markthochlauf (im SAF-Bereich) zu setzen. Es verbleibt jedoch – unter anderem wegen des laufenden Review-Prozesses der ReFuelEU Aviation – ein gewisses Maß an politischer Unsicherheit. Dies könnte den weiterhin notwendigen eSAF-Markthochlauf behindern. So werden zwar die aktuellen SAF-Ziele erreicht, ob dies auch für die Unterquote für eSAF gelten wird, erscheint zumindest unsicher. Daher sollten nun schnellstmöglich relevante Investitionsentscheidungen getroffen werden.
Angebot und Nachfrage bremsen sich gegenseitig
Was also ist notwendig, um den Markthochlauf für eSAF zielsicher und zeitnah zu realisieren, damit das sich ergebende Angebot eines kostenintensiven Kraftstoffsubstituts nachfrageseitig nutzbar gemacht werden kann? Die aktuelle Marktkonstellation, die von starken angebots- und nachfrageseitigen Restriktionen geprägt ist, stellt ein grundlegendes Problem dar. Auf der Angebotsseite existiert ein ausgeprägtes Innovations-Investitions-Dilemma. Daher fehlt es kurzfristig an ausreichenden Produktionskapazitäten, um die Nachfrage zu decken. Die Herstellung von eSAF ist teuer und großindustriell bisher wenig erprobt, was die Skalierung erschwert. Gleichzeitig sind Fluglinien nachfrageseitig zurückhaltend, langfristige Abnahmegarantien zu hohen Preisen einzugehen. Hieraus folgt eine angebotsseitige Zurückhaltung in der Skalierung der Produktion, wodurch nur schwer Kostenreduktionen durch Skaleneffekte erreicht werden. Die Skalierung der heimischen eSAF-Produktion und der dazugehörigen Industrien bietet neue wirtschaftliche Chancen. Die gezielte Etablierung einer heimischen eSAF-Produktion, inklusive der in der Wertschöpfungskette anzutreffenden Industrien, kann einen wichtigen Bestandteil der europäischen Transformationspolitik darstellen. Sowohl wirtschaftspolitische Ziele, Resilienz als auch Klimapolitik können damit gleichzeitig adressiert werden. Um weitere Verzögerungen im Markthochlauf zu vermeiden, empfiehlt sich ein weiteres gemeinsames und zielorientiertes Vorgehen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.
Es stellt sich allerdings die Frage, welche Marktseite die größeren Hindernisse bereitet: Ist es die Zurückhaltung in der Skalierung der Produktion? Oder fehlt es an der Bereitschaft der Luftverkehrsbranche, in hochpreisige, aber nachhaltige Alternativen zu investieren und damit langfristig zu einer Kostensenkung zu gelangen? Diese Unklarheit erschwert die Auswahl der richtigen politischen Instrumente und damit den schnellen Markthochlauf. Sowohl am Markt als auch auf Seiten der Politik scheint sich ein deutliches Henne-Ei-Problem etabliert zu haben.
Ein Mitarbeiter von Rolls-Royce prüft eine Flasche mit nachhaltigem Flugkraftstoff (SAF). : Eine Mitarbeiterin von Rolls-Royce in Schutzbrille und Handschuhen hält eine Flasche mit klarem nachhaltigem Flugkraftstoff (SAF) hoch und prüft sie genau. Im Hintergrund ist eine technische Werkstatt- oder Laborumgebung erkennbar. © Rolls-Royce
Die EU-Beimischquoten verlangen von der Luftfahrtbranche bereits heute – und noch mehr in den kommenden Jahren – eine aktive Berücksichtigung nachhaltiger Flugkraftstoffe (SAF und eSAF) zur Deckung ihrer Kraftstoffbedarfe im EU-Luftraum, was die Nachfrage nach diesen Kraftstoffen unweigerlich erhöhen dürfte. Doch diese Regulatorik allein reicht nicht aus. Um den Markt effektiv zu unterstützen, sollten weitere marktorientierte Instrumente flankierend eingesetzt werden. Der angekündigte Doppelauktionsmechanismus Deutschlands, Österreichs und Luxemburgs sowie in Frankreich ist ein wichtiger Schritt, parallel Angebot und Nachfrage zu unterstützen, indem er die Planbarkeit zukünftiger Zahlungs- und Warenströme auf beiden Marktseiten verbessert und damit in Teilen einen Ausweg aus dem Dilemma bietet.
Förderung und öffentliche Beschaffung als Hebel
Auf der Angebotsseite sind zudem gezielte Förderprogramme für Forschung und Entwicklung denkbar, um die technologische Reife und Skalierbarkeit von eSAF weiter voranzutreiben. Auch eine verbesserte finanzielle Unterstützung für Demonstrationsanlagen sowie Anlagen- und Infrastrukturbetreiber könnte Einstiegshürden in den Markt senken, während eine wettbewerbsorientierte Politik die Stellung der bereits aktiven Marktakteure in einem restriktiven, noch immer von großen Ölkonzernen geprägten Marktumfeld verbessern könnte. Auf Nachfrageseite könnten eine gezielte grüne öffentliche Beschaffung durch staatliche Abnehmer (u.a. die Notfalldienste und das Militär) und die Integration von eSAF in die nationalen Erdölreserven einen wichtigen Schritt darstellen, um zunächst Abnahmesicherheit für Produzenten zu schaffen und damit die Akzeptanz und Verfügbarkeit von eSAF im Markt zu erhöhen. Mit einem solchen Vorgehen könnten Hürden gesenkt und mittelfristig ein tragfähiges Angebot zu akzeptablen Preisen für die private Nachfrage angeregt werden.
Der Markthochlauf von eSAF ist kein Selbstläufer. Er erfordert gezielte, flexibel anpassbare Instrumente, die sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite im Blick behalten. Die Wirksamkeit dieser Instrumente hängt maßgeblich davon ab, wie der Markt für eSAF tatsächlich strukturiert ist. Ohne eine präzise Analyse der Marktkonstellation drohen konterkarierende Effekte. So könnte eine einseitige Nachfragestimulierung ohne ausreichende Produktionskapazitäten zu einer künstlichen Verknappung und weiteren Preisanstiegen für eSAF führen. Dies wäre der Fall, wenn ausschließlich progressive Beimischquoten etabliert würden, ohne den Ausbau von Produktionskapazitäten anzureizen. Umgekehrt könnte eine zu starke Subventionierung der Produktion ohne Abnahmegarantien zu Überkapazitäten führen, die kurzfristig die Wirtschaftlichkeit des Sektors gefährden und den Markteintritt der wichtigen early-movers aufs Spiel setzen könnten. Mittel- und langfristig könnten sich dadurch Verzerrungen zuungunsten des europäischen Wirtschaftsstandorts ergeben und dem Ziel größerer Resilienz und Unabhängigkeit von außereuropäischen Bezugsquellen entgegenlaufen.
Workshop "Policy and Market Dynamics for Sustainable Aviation Fuels (SAF): Assessing the Path Ahead"
Um diese Fragen vertieft zu diskutieren, lädt die German Aviation Research Society in Zusammenarbeit mit der IU International University of Applied Sciences, airliners.de und dem PtX Lab Lausitz zu einem Workshop zum Thema "Policy and Market Dynamics for Sustainable Aviation Fuels (SAF): Assessing the Path Ahead" ein.
Aufbauend auf dem Erfolg des ersten Workshops zur Ökonomie von SAF im März liegt der Fokus diesmal auf der politischen Dimension. Mit der Umsetzung von Vorgaben wie ReFuelEU Aviation rücken Fragen der Durchsetzung, Marktverzerrungen, Wettbewerbsgerechtigkeit und internationaler Politikdivergenz in den Mittelpunkt. Der Workshop soll untersuchen, wie politische Rahmenbedingungen den Markt prägen – und umgekehrt – und welche Anpassungen für eine Reifung dieser Rahmenbedingungen notwendig sind.
Der Workshop findet am 16. und 17. März 2027 in Berlin statt. Interessierte aus Forschung, Politik und Praxis sind aufgerufen, sich mit Beiträgen am Call for Papers zu beteiligen und den Workshop aktiv mitzugestalten. Weitere Informationen finden Sie unter https://ptxlablausitz.de/news/call-for-papers-policy-and-market-dynamics-for-sustainable-aviation-fuels-saf/.
