Lufthansa-Group-Chef Carsten Spohr hat vor anhaltenden Kerosin-Engpässen gewarnt und Flottenstilllegungen als mögliche Konsequenz nicht ausgeschlossen. „Kerosin wird für den Rest des Jahres knapp und damit teurer bleiben", sagte Spohr der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in einem am Dienstag veröffentlichten Interview. An einigen Flughäfen, insbesondere in Asien, sei die Verfügbarkeit bereits kritisch.
Rekordeinnahmen auf Asien-Routen helfen dem Konzern derzeit noch, den Anstieg der Kerosinkosten zumindest teilweise aufzufangen. Aber es gibt bereits Notfallpläne. Der Lufthansa-Konzern hat Kapazitätskürzungen von bis zu fünf Prozent vorbereitet, sollte die Situation länger andauern. Konkret sollen dann 20 bis 40 ältere, weniger treibstoffeffiziente Maschinen vorzeitig stillgelegt werden. Bislang habe der Konzern noch kein Flugzeug wegen der Treibstoffknappheit am Boden lassen müssen, sagte Spohr nun – doch dies könne „unvermeidbar" werden.
Das Lufthansa-Tochterunternehmen Sun Express, ein Gemeinschaftsunternehmen mit Turkish Airlines, kündigte unterdessen einen vorläufigen Treibstoffzuschlag von zehn Euro pro Passagier ab dem 1. Mai auf Strecken zwischen der Türkei und Europa an. Der Zuschlag gilt für Buchungen ab dem 1. April für Abflüge ab dem 1. Mai.
Europäische Airlines: Zuschläge, Streichungen, abwarten
Auch andere europäische Airlines reagieren auf den Preisschock. Virgin-Atlantic-Chef Corneel Koster warnte, die hohen Treibstoffkosten seien „gekommen, um zu bleiben", und räumte ein, dass die Fluggesellschaft in diesem Jahr trotz eingeführter Treibstoffzuschläge kaum die Rückkehr zur Profitabilität schaffen werde. Koster zufolge liegen die Gesamtkosten für Kerosin noch immer auf mehr als dem Doppelten des Niveaus vor Kriegsbeginn. Virgin Atlantic verfüge noch über rund sechs Wochen gesicherte Treibstoffversorgung, danach werde die Lage unübersichtlicher. Die Fluggesellschaft führe Gespräche mit Regierungen und dem Londoner Flughafen Heathrow, um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen.
Die skandinavische Fluggesellschaft SAS strich im April 1.000 Flüge – nach bereits einigen Hundert Annullierungen im März. SAS erklärte, selbst wenn die Airline versuche, einen Teil der gestiegenen Kosten zu absorbieren, treffe der Preisanstieg die gesamte Branche hart. Easyjet-Chef Kenton Jarvis kündigte an, europäische Passagiere müssten gegen Ende des Sommers mit höheren Ticketpreisen rechnen, wenn die bestehenden Treibstoffabsicherungen ausliefen. Die British-Airways-Mutter IAG erklärte dagegen, vorerst keine Ticketpreise erhöhen zu wollen, da der Konzern seinen Treibstoffbedarf für den kurz- und mittelfristigen Zeitraum weitgehend abgesichert habe. Air France-KLM kündigte an, die Langstreckenpreise um 50 Euro pro Hin- und Rückflug anzuheben.
Globale Reaktionen: Kapazitätskürzungen und höhere Kosten
Weltweit zieht die Treibstoffkrise ähnliche Reaktionen nach sich. Delta Air Lines kürzte seine ursprünglich geplante Kapazität um rund 3,5 Prozentpunkte und erhöhte die Gepäckgebühren. United Airlines streicht unprofitable Flüge in den kommenden zwei Quartalen und stellt sich laut Konzernchef Scott Kirby darauf ein, dass der Ölpreis bis Ende 2027 über 100 Dollar je Barrel bleibt. Die australische Qantas erhöhte ihre Treibstoffkostenprognose für das zweite Halbjahr des Geschäftsjahres 2026 auf 3,1 bis 3,3 Milliarden australische Dollar (2,2 bis 2,34 Milliarden Euro), nach zuvor 2,5 Milliarden australischen Dollar, und stoppte ein geplantes Aktienrückkaufprogramm im Volumen von 150 Millionen australischen Dollar (106 Millionen Euro).
Hintergrund des globalen Treibstoffpreisschocks ist der Iran-Krieg, der zu erheblichen Ausfällen bei der Rohölversorgung geführt hat. Raffineriebetreiber mussten ihre Produktion drosseln, was die Kerosinpreise von zuletzt 85 bis 90 Dollar je Barrel auf 150 bis 200 Dollar je Barrel trieb. Für Airlines, bei denen Treibstoff bis zu einem Viertel der Betriebskosten ausmachen kann, ist das ein erheblicher finanzieller Einschnitt.