Rund 17.000 Ingenieure und Techniker des US-Flugzeugbauers Boeing haben ein neues Vierjahres-Tarifangebot des Unternehmens deutlich abgelehnt und ihrer Gewerkschaft Speea das Mandat für einen möglichen Streik erteilt.
Bei den Ingenieuren stimmten 64 Prozent gegen das Angebot, bei den Technikern waren es rund 72 Prozent, teilte die Gewerkschaft am Freitag mit. Ohne neue Einigung kann die Speea einen Streik ausrufen, sobald der laufende Vertrag am 6. Oktober endet.
Neue Gespräche zwischen Boeing und der Speea, der größten Angestelltengewerkschaft des Unternehmens, sind derzeit nicht angesetzt. Boeing-Manager Ben Nimmergut, Vizepräsident und leitender Ingenieur für Fertigungstechnik, erklärte in einer Stellungnahme: "Wir sind enttäuscht, dass unsere Ingenieure und technischen Mitarbeiter das Angebot abgelehnt haben. Deshalb setzen wir jetzt unseren Streik-Notfallplan um und lenken die Mittel, die wir eigentlich in unser Speea-Team investieren wollten, in die Vorbereitung auf einen möglichen Streik."
"Uns bleibt keine andere Wahl, als unseren Notfallplan umzusetzen", sagte Nimmergut weiter. "Wir haben eine Verantwortung gegenüber der übrigen Belegschaft und unseren Kunden, die Fortschritte der vergangenen zwei Jahre fortzuführen und das Tempo zu halten."
Zulassung zweier Modelle droht sich weiter zu verzögern
Ein Arbeitskampf der Speea würde die ohnehin verspätete Zertifizierung der Boeing 737 Max 10 und der Boeing 777-9 zusätzlich hinauszögern. Beide Zulassungsverfahren liegen bereits mehrere Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan zurück.
Ein Sprecher der Gewerkschaft kündigte an, das Verhandlungsteam werde die Mitglieder befragen, was nötig sei, damit sie einem neuen Vierjahresvertrag zustimmten. Katheryn Durkee, Mitglied des Verhandlungsteams, sagte: "Die Speea-Mitglieder wollen bei Boeing wirklich Karrieren und keine bloßen Jobs."
Kevin Boyd, ebenfalls Mitglied des Verhandlungsteams, sagte zu der Streikmandat-Abstimmung: "Das schafft eine Menge Transparenz." Und weiter: "Die Mitglieder haben hier ein starkes Bedürfnis, und sie sind bereit, das zu tun, was nötig ist, um es zu bekommen."
Streit um Lohnerhöhungen und hohe Lebenshaltungskosten
Mehrere Gewerkschaftsmitglieder, die mit "Nein" stimmten, nannten als Grund, die Lohnerhöhungen reichten angesichts der hohen Lebenshaltungskosten in der Region Seattle nicht aus und blieben hinter dem zurück, was konkurrierende Unternehmen zahlten.
Das Angebot sah laut Gewerkschaft eine an die Inflation gekoppelte Lohnerhöhung vor, die auf drei Prozent gedeckelt war. Hinzu kamen zusätzliche Erhöhungen nach individueller Leistung und weiteren Kennzahlen, die Boeing selbst festlegte. Mehrere Speea-Mitglieder erklärten, die Deckelung lasse ihre Gehälter nahezu sicher hinter der Inflation zurückfallen.
Die Verbraucherpreise in der Region Seattle, wo die meisten Speea-Mitglieder arbeiten, waren nach Angaben des US-Statistikamts Bureau of Labor Statistics im Juli binnen eines Jahres um 4,5 Prozent gestiegen. Boeing erklärte, das Angebot sei die größte Lohnerhöhung für die Speea seit 40 Jahren gewesen.
Erster Streik seit dem Jahr 2000 möglich
Die Speea hat mit Boeing seit 2012 keinen neuen Tarifvertrag für ihre Mitglieder im Nordwesten der USA ausgehandelt. 2016 und 2020 billigten die Mitglieder lediglich Vertragsverlängerungen. Ingenieure und Techniker verhandeln gemeinsam mit Boeing, stimmen aber getrennt ab.
Zuletzt hatten Speea-Mitglieder im Jahr 2000 40 Tage lang die Arbeit niedergelegt. 2024 hatten bereits rund 33.000 Mitglieder der Gewerkschaft IAM sieben Wochen lang gestreikt und die Flugzeugproduktion von Boeing in der Region Seattle zum Erliegen gebracht.