Ein US-Gericht hat den Antrag der lettischen Fluggesellschaft Air Baltic auf Gläubigerschutz nach "Chapter 11" des US-Insolvenzrechts angenommen. Das teilte der lettische Ministerpräsident Andris Kulbergs mit. Air Baltic kann damit mit der Restrukturierung ihrer Schulden beginnen.
"Das bedeutet: Air Baltic kann sofort auf Finanzierung zugreifen, den Restrukturierungsprozess beginnen und die Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern überprüfen. Die Arbeiten laufen weiter", schrieb Kulbergs im Kurznachrichtendienst X.
Das zuständige US-Insolvenzgericht, der U.S. Bankruptcy Court for the Southern District of New York, genehmigte die üblichen sogenannten "First Day"-Anträge der Fluggesellschaft, wie Air Baltic in einer eigenen Stellungnahme mitteilte. Zudem billigte das Gericht vorläufig die sogenannte Debtor-in-Possession-Finanzierung, eine im "Chapter 11"-Verfahren übliche Zwischenfinanzierung für Unternehmen: Air Baltic kann damit zunächst auf 140 Millionen Euro aus dem insgesamt 350 Millionen Euro schweren Finanzierungspaket zugreifen. Die gerichtliche Freigabe erlaubt es der Airline zudem, den Flugbetrieb wie geplant fortzusetzen, bestehende Buchungen einzuhalten sowie Personal und Lieferanten zu bezahlen.
Gläubiger legen Einspruch gegen Finanzierung ein
Bereits am Dienstag hatte eine Gruppe von Inhabern der mit 14,5 Prozent verzinsten, besicherten Air-Baltic-Anleihe mit Fälligkeit 2029 bei Gericht einen begrenzten Einspruch eingelegt. Sie will damit die Genehmigung des Finanzierungspakets verzögern.
Zu der Gläubigergruppe gehört auch die israelische Investmentgesellschaft Klirmark Capital. Sie hatte noch vor dem Insolvenzantrag ein eigenes Angebot mit Air Baltic verhandelt.
Laut Gerichtsunterlagen fordern die Anleihegläubiger, Teile der Finanzierung aufzuschieben und sich das Recht vorzubehalten, die Konditionen bei späteren Anhörungen anzufechten.
Antrag nach steigendem Kostendruck durch Iran-Krieg
Air Baltic, die sich mehrheitlich im Besitz des lettischen Staates befindet, hatte bereits freiwillig Gläubigerschutz nach "Chapter 11" beantragt. Die Fluggesellschaft wollte damit ihre Schuldenlast verringern, nachdem steigende Kosten infolge des Kriegs um den Iran den finanziellen Druck auf das Unternehmen erhöht hatten.
Air Baltic hatte ursprünglich vorgehabt, eine Zwischenfinanzierung nach britischem Restrukturierungsrecht genehmigen zu lassen, entschied sich dann aber – unterstützt von der lettischen Regierung – für das Verfahren in den USA. Dieses wird von Fluggesellschaften häufig genutzt, weil es den Betrieb während der Schuldenreduzierung aufrechterhält und einen Rahmen für komplexe grenzüberschreitende Restrukturierungen mit internationalen Gläubigern bietet.
Insgesamt hatte sich Air Baltic von bestimmten Kreditgebern eine Finanzierungszusage über 350 Millionen Euro gesichert. Über die nun vorläufig freigegebenen 140 Millionen Euro hinaus steht der restliche Teil des Pakets noch unter dem Vorbehalt der endgültigen gerichtlichen Genehmigung.
In den kommenden Monaten soll Air Baltic mit Anleihegläubigern, Flugzeugvermietern und weiteren Gläubigern über einen förmlichen Sanierungsplan verhandeln. Für den Ausstieg aus dem "Chapter 11"-Verfahren ist eine gesonderte gerichtliche Zustimmung zu diesem Plan erforderlich.
Von Expansionsplänen zum Sparkurs
Die Fluggesellschaft habe das Ziel, das Verfahren bis etwa Juni 2027 abzuschließen – mit einer verkleinerten Flotte und geringeren Betriebskosten als Teil ihres längerfristigen Geschäftsplans. Im Rahmen des Chapter-11-Verfahrens will Air Baltic zudem 20 überzählige Flugzeuge an Leasinggeber zurückgeben und die Mieten für die übrigen Maschinen der Flotte senken.
Air Baltic hatte ursprünglich eine Flottenerweiterung auf 100 Jets sowie einen Börsengang angestrebt. Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten hätten diese Pläne jedoch durchkreuzt.