airliners.de Logo

Tschüss Tegel, Flughafen der kurzen Wege

Es ist so weit: Mit den letzten Linienflügen schließt der Flughafen Berlin Tegel und das Kürzel TXL wird aus den weltweiten Buchungssystemen gelöscht. Sechs Monate bleibt der Standort für den Fall der Fälle noch betriebsbereit. Dann gibt es neue Pläne.

Die Haupthalle am Flughafen Berlin Tegel. © AirTeamImages.com / Markus Mainka

Nach 60 Jahren starten an diesem Wochenende die letzten Linienmaschinen vom Berliner Flughafen Tegel. Der Innenstadtflughafen geht zugunsten des vor einer Woche eröffneten BER vom Netz. Mit dem 8. November erlischt die Betriebspflicht für Tegel: Der traditionsreiche Airport, der 1948 in Rekordzeit für die Luftbrücke errichtet wurde und der in den 70er-Jahren seine heutige Gestalt erhielt, ist Geschichte. Bis Mai wird Tegel allerdings noch betriebsbereit gehalten, falls es am neuen Hauptstadtflughafen Probleme geben sollte.

Samstag ist der letzte reguläre Betriebstag am Berliner Flughafen Tegel. Die letzten 31 Airlines ziehen zum BER, darunter die Lufthansa-Gruppe mit Austrian, Swiss und Brussels Airlines sowie British Airways und Air France. Letztere darf am Sonntag dann noch den allerletzten Flug vom Flughafen Tegel durchführen, die letzte Maschine geht nach Paris. Die Franzosen waren es auch, die den Linienflugbetrieb 1960 am Flughafen des ehemaligen französischen Sektors der Stadt eröffnet hatten.

Alle Airlines, die zum letzten Mal ab Tegel fliegen, werden gebührend mit einer traditionellen Wasserfontäne der Feuerwehr verabschiedet, teilte der Flughafen mit. Die Lufthansa setzt auf ihren allerletzten Flügen von und nach TXL (LH1954/1955 München-Berlin-München) ein Großraumflugzeug des Typs Airbus A350-900 ein. Für den letzten Tag des Linienbetriebs wurden zudem mehrere Sonder- und Rundflüge ab TXL durch verschiedene Veranstalter organisiert. Die Flüge werden durch Eurowings und Sundair durchgeführt.

Eine Airline wird dabei übrigens nochmal ganz neu in Berlin begrüßt und verabschiedet: Lübeck Air fliegt eine Fachexkursion der Architekten "gmp" nach Tegel, von dort zum BER und zurück nach Lübeck. Das Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner hat weltweit über 80 Flughafenprojekte betreut. Das erste war Tegel, später kam der BER und auch das kleine, feine neue Terminal am Flughafen Lübeck wurde von der Agentur entworfen.

Dass der Tegler Innenstadtflughafen überhaupt noch in Betrieb ist, liegt nur an der beispiellosen Pannenserie beim BER-Bau, die dazu geführt hat, dass der neue Airport im brandenburgischen Schönefeld erst am 31. Oktober diesen Jahres mit mehr als acht Jahren Verspätung an den Start gegangen ist. Der neue Willy-Brandt-Flughafen in Schönefeld ersetzt neben Tegel auch den Flughafen Tempelhof, der schon 2008 geschlossen wurde.

Obwohl der Flughafen vom 8. November an von der Betriebspflicht befreit ist, müssen übrigens nicht nur die Flugsicherungsingenieure der Flugsicherung weiterhin die technische Infrastruktur vor Ort in Betrieb halten. Bis zur offiziellen Schließung des Flughafens im Mai 2021 ist so sichergestellt, dass im Fall eines Falles am BER der Betrieb in Tegel schnell wieder aufgenommen werden kann.

Flughafen der kurzen Wege

Die Flughafen-Architektur, die die Berliner heute kennen, ist ein Entwurf der Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg. Baustart war 1970, Einweihung vier Jahre später. Einst für 2,5 Millionen Passagiere geplant ist die Zahl der Fluggäste bis zum Einbruch in der Corona-Krise fast kontinuierlich gestiegen und hat Dimensionen erreicht, die zu Baubeginn kaum vorstellbar waren: Rund 24 Millionen waren es im vergangenen Jahr.

Die prägnante Form des Terminalgebäudes war schon ein Jahr nach Baubeginn gut zu erkennen. Foto: © Flughafen Berlin Brandenburg GmbH/Archiv

Beim Wettbewerb für Tegel punkteten sie mit ihrem ungewöhnlichen, als Sechseck konzipierten Terminal. Es war das erste Großprojekt der renommierten Architekten, die später auch den Berliner Hauptbahnhof und neuen Berliner Flughafen BER planten. Kurze Wege sind das Markenzeichen des Flughafens in Tegel. Rund 70 Schritte sind es nur vom Taxi in die Maschine, haben Vielflieger gezählt. Die Fluggastbrücken befinden sich rund um einen sechseckigen Gebäudekranz. Die Zufahrt liegt auf der Innenseite, so dass die Passagiere direkt vor ihrem Gate vorfahren können.

Geflogen wurde in Tegel aber schon viel früher. Als 1948 kurz nach Beginn der Berlin-Blockade in heute schwer zu glaubenden 90 Tagen ein Flugplatz gebaut wurde, war aber lange noch nicht abzusehen, dass er für die Menschen im West-Teil der Stadt zum Tor zur Welt würde. Anschließend nutzten die französischen Alliierten die Anlage als Militärflugplatz. Angesichts steigender Passagierzahlen auf dem bis dahin einzigen West-Berliner Verkehrsflughafen Tempelhof wurde Ende der sechziger Jahre der heutige Flughafen in Auftrag gegeben.

Mit der Schließung Tegels werden Hunderttausende Berliner von Fluglärm entlastet. Der Flughafen ist alt, eng und hat keinen Bahnanschluss. Wegen der zentrumsnahen Lage und der kurzen Wege im Terminal hat er dennoch noch immer viele Freunde. Es ist kein Geheimnis: Nicht wenige Berlinerinnen und Berliner waren über die BER-Verzögerungsjahre froh, weiter mit Bordkarten reisen zu können, auf denen der vertraute Flughafencode TXL zu lesen war.

Denn die Berliner werden die kurzen Wege vermissen, für die sie in den letzten Jahren so manch eine Unannehmlichkeit ohne großes Murren in Kauf genommen haben. Aber was für die Passagiere gut ist, war für den Betreiber ein finanzielles Drama. Kaum Flächen zur Vermietung und viel manuelle Arbeit ohne zentrale Sicherheitskontrollen oder Kofferbeförderungssysteme sind keine gute Basis für eine moderne Flughafeninfrastruktur.

Heftige Diskussion um Schließung

Das sehen viele so, aber nicht alle. Berlins FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja etwa hält die geplante Schließung für einen großen Fehler: "Als Cityairport ist er nicht nur ein unschlagbarer Standortvorteil für den Wirtschafts- und Messestandort Berlin, er ist auch ein Entlastungsprogramm für den augenscheinlich dysfunktionalen BER."

Czaja hat jahrelang für den Erhalt des Flughafens gekämpft. Zusammen mit dem Verein Pro Tegel startete die Berliner FDP 2015 eine entsprechende Initiative. Bei einem Volksentscheid, der den Senat allerdings nicht verpflichtete, den Flughafen offen zu halten, gab es 2017 für das Anliegen fast eine Millione Stimmen und damit eine knappe Mehrheit. Alles umsonst.

FDP-Politiker Sebastian Czaja vor einem Plakat des Volksbegehrens "Berlin braucht Tegel". Foto: © dpa, Wolfgang Kumm

Ob die britische Königin Queen Elizabeth II., Staatsmänner wie Barack Obama oder Wladmimir Putin, Stars wie Marlene Dietrich oder Renée Zellweger, für ihre Berlin-Besuche schwebten sie in Tegel ein. Genau wie Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm, der mit dem goldglänzenden Pokal in der Hand nach dem Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Juli 2014 in Brasilien aus der Maschine stieg.

"Das war für viele Fans in Deutschland, auch für mich persönlich, ein sehr emotionaler Moment", gestand der Chef der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, Engelbert Lütke Daldrup, kürzlich vor Journalisten. Und solche emotionale Erinnerungen an den Flughafen Tegel gebe es viele. "Aber Tegel ist viel zu klein geworden und entspricht nicht mehr den Standards eines modernen Flughafens", sagte er. "Wer mal mit 1500 Personen im Terminal C morgens um sechs an der Security angestanden hat, weiß, wovon ich spreche."

Dennoch hat auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller vieles an dem vor der Schließung stehenden Flughafen Tegel geschätzt. "So ein Flughafen mitten in der Stadt mit so kurzen Wegen, wo man quasi vom Auto aus den Check-In-Schalter sieht, den wird es so wohl nie wieder geben. Natürlich ist das bedauerlich, das war einmalig in Tegel, eine einzigartige Architektur", sagte der SPD-Politiker. "Auf der anderen Seite eröffnet uns der BER wieder neue Möglichkeiten, die Tegel nie bieten konnte."

Hinzugekommen sei eine sehr ernsthafte Umwelt- und Klimadiskussion, auch wegen der Lärmbelästigung durch innerstädtischen Flugverkehr, so der Regierende Bürgermeister. "Insofern muss man sagen, dass in den vergangenen 20 Jahren vieles dafür gesprochen hat, an dem Beschluss festzuhalten und diesen Weg auch umzusetzen."

Die vernünftigste Variante wäre nach Müllers Einschätzung aber der alte SPD-Vorschlag gewesen, den Flughafen im brandenburgischen Sperenberg zu bauen. "Dann wären wir lange fertig, weil es viele Umwelt-, Lärmschutz- und verkehrsrechtliche Fragen nicht gegeben hätte."

Denn auch die Nähe des BER zu Berlin sei mit vielen Auflagen verbunden. "Diejenigen, die den Bau beschlossen haben, haben eine Vorsorge für den Lärmschutz von 70 Millionen Euro eingeplant - jetzt geben wir 750 Millionen aus", sagte Müller. "Es ist auch ein Einfordern der Anwohner und die Bestätigung der Justiz, dass Lärmschutz inzwischen einen ganz anderen Stellenwert hat - und der muss bezahlt werden. Das Thema hätten Sie so in Sperenberg nicht."

Symbol für die Freiheit West-Berlins

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD). Foto: © dpa, Gregor Fischer

In Tegel ist auch Bürgermeister Müller als Jugendlicher das erste Mal in ein Flugzeug gestiegen: "Ich erinnere mich, dass mich meine Oma zu einem Städtetrip nach London eingeladen hat - da war ich so zwölf oder 13 Jahre alt. Das war mein erster Flug, und der war von Tegel."

Aber selbst viele Berlinerinnen und Berliner, die gar nicht fliegen wollten, zog es immer wieder nach Tegel. Manche nur, um in der Zeit der Teilung der Stadt von der Besucherterrasse aus Maschinen abheben zu sehen, die bald darauf im Westen landen durften.

Tegel sei eben auch ein Symbol für die Freiheit West-Berlins gewesen, sagt auch Flughafenchef Lütke Daldrup. Wegen der Corona-Krise war die Besucherterrasse monatelang geschlossen. Seit dem vergangenen Wochenende ist sie wieder offen - bis zum 7. November. Den allerletzten Air-France-Sonderflug am Sonntag können nur noch Presseleute von dort aus beobachten.

Willkommen in der "Urban Tech Republic"

Die Berliner können dann im nächsten Sommer voraussichtlich auf den Start- und Landebahnen des Flughafens Tegel spazieren gehen. Nach der Schließung solle für den August ein "Tag der offenen Tür" auf dem Gelände und in den Gebäuden geplant werden, hieß es bei der Tegel-Projektgesellschaft.

"Ein Blick hinter die Kulissen des ehemaligen Flughafens wird ebenso möglich sein, wie ein Blick in die Zukunft, auf das neue Kapitel von Berlin TXL", kündigten die Entwickler an.

Denn der Flughafen in Tegel wird als Gebäudekomplex nicht verschwinden. Das ikonische Sechseck wurde bereits unter Denkmalschutz gestellt, es soll zukünftig eine Universität beherbergen. Auf dem Gelände sind zudem unter anderem Wohnungen und ein Forschungs- und Gewerbepark geplant.

Das Kürzel TXL steht künftig für ein Projekt, das erst noch entstehen muss: ein neues Stadtquartier mit über 5000 Wohnungen und Platz für mehr als 10.000 Menschen, direkt neben einem Forschungs- und Industriepark mit dem futuristisch klingenden Namen Urban Tech Republic. Die für die Entwicklung verantwortliche landeseigene Tegel Projekt GmbH will dort Gründer, Studenten, Investoren, Industrielle und Wissenschaftler zusammenbringen.

In der "Urban Tech Republic" sollen einmal bis zu 1000 Unternehmen und Institute ihren Platz finden. Das bisherige Terminal A ist als Hochschulstandort vorgesehen. Die Häuser im weitgehend autofreien neuen Schumacher-Quartier sollen in Holzbauweise entstehen. An sogenannten Mobility Hubs können Bewohner vom Auto auf Rad oder ÖPNV umsteigen.

© Tegel Projekt GmbH, Lesen Sie auch: Ehemaliges Tegel-Gelände soll zum Industriepark werden

Noch ist das Zukunftsmusik. Ein halbes Jahr lang muss Tegel ohnehin betriebsbereit bleiben, die Tegel Projekt GmbH übernimmt das Gelände erst im Sommer 2021. Noch im selben Jahr sollen die ersten Arbeiten beginnen. GmbH-Geschäftsführer Philipp Bouteiller rechnet für 2026 mit den ersten Bewohnern im Schumacher-Quartier - und mit 20 bis 30 Jahren für das gesamte Projekt.

Falls sich die Bauzeit nicht unerwartet verlängert. Berlin ist da einiges gewohnt. Auf dem Tempelhofer Feld jedenfalls hat sich seit der Schließung des Flughafens wenig getan. Nicht einmal neue Wohnungen durften nach einem Volksentscheid gebaut werden. In Tegel soll das aber anders werden. Ab Herbst nächsten Jahres sollen Altlasten beseitigt werden. Gleichzeitig beginnt die Grundstücksvergabe.

Von: dh mit dpa

Lesen Sie jetzt

Lesen Sie mehr über

Flughäfen Politik Rahmenbedingungen Berlin BER Berlin-Tegel Infrastruktur Verkehr