Der Ausbau der zivilen Flugzeugproduktion in Europa könnte durch Engpässe bei kritischen Rohstoffen wie Titan und Seltenen Erden ausgebremst werden. Das geht aus einer neuen Studie der Beratungsgesellschaft Roland Berger hervor, die auf der Farnborough Airshow 2026 vorgestellt wird.
Die Untersuchung analysiert zwölf Rohstoffe, die die NATO als besonders kritisch einstuft – gemeinsam für die Luftfahrt- und die Verteidigungsindustrie, deren Ergebnisse aber maßgeblich auch die zivile Flugzeugfertigung betreffen.
Der Studie zufolge benötigen Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie zusammen in den kommenden zehn Jahren voraussichtlich 600.000 bis 700.000 Tonnen Titan. Rund 60 Prozent davon entfielen auf Flugzeugstrukturen. Etwa die Hälfte des weltweit produzierten hochreinen Titanschwamms stamme derzeit aus China und Russland. Ohne einen deutlichen Ausbau von Produktions- und Recyclingkapazitäten außerhalb dieser beiden Länder drohe in den kommenden zehn Jahren eine Versorgungslücke von rund 100.000 Tonnen Titan, hieß es in der Studie.
Auch Seltene Erden zählten der Studie zufolge zu den kritischsten Rohstoffen für den Flugzeugbau. Sie werden unter anderem für Permanentmagnete in elektronischen Bordsystemen benötigt. China kontrolliere derzeit rund 90 Prozent der weltweiten Kapazitäten zur Verarbeitung und Veredelung Seltener Erden sowie zur Herstellung entsprechender Magnete. Neu entstehende Produktionskapazitäten außerhalb Chinas dürften vor allem von der Automobil-, Elektronik- und Energieindustrie beansprucht werden, warnt die Studie. Für die Flugzeugindustrie drohten dadurch zusätzliche Engpässe, sofern sich Hersteller nicht frühzeitig feste Kontingente sicherten.
Steigender Bedarf trifft auf globale Abhängigkeiten
Der Bedarf an kritischen Rohstoffen steigt der Studie zufolge vor allem durch den Hochlauf der zivilen Flugzeugproduktion. Europa konzentriere sich dabei überwiegend auf die Weiterverarbeitung der Rohstoffe, während Förderung und Verarbeitung größtenteils außerhalb des westlichen Bündnisses stattfänden.
Industrie und Politik müssten laut Roland Berger vor allem in den Ausbau heimischer Förder- und Verarbeitungskapazitäten, die Entwicklung alternativer Materialien und verstärkte Recyclingaktivitäten investieren – trotz technologischer, wirtschaftlicher und regulatorischer Hürden. Seit 2023 seien nach Angaben der Beratungsgesellschaft bereits mehr als 60 Milliarden Euro über Übernahmen, Beteiligungen und andere Transaktionen in kritische Rohstoffe außerhalb Chinas investiert worden. Hinzu kämen milliardenschwere öffentliche Förderprogramme in Europa und den USA.
Chinesische Anbieter drängen auf westliche Märkte
Wie stark diese Abhängigkeit bereits die Marktdynamik prägt, zeigte sich in dieser Woche auf der Farnborough Airshow selbst: Fast zwei Dutzend chinesische Unternehmen, darunter HST Titanium, Jinda Titanium und Baoji Yongshengtai, präsentierten dort Titanschwamm, Barren und Keramik-Bremsplatten und warben gezielt um Kunden aus der westlichen Luftfahrtindustrie. Die Firmen setzen darauf, dass die weltweit knappen Titanvorräte stärker ins Gewicht fallen als die Sorge vor US-Zöllen. Sie wollen sich damit einen Markt jenseits des heimischen, vom Flugzeughersteller COMAC dominierten Geschäfts erschließen.
"Es gibt einen starken internen Wettbewerb in China, und die Unternehmen wollen einen größeren Markt im Ausland finden", sagte Karolina Jackiewicz, Spezialmetall-Händlerin beim Rohstoffhändler CCMA, der chinesische Anbieter berät.
Die von US-Präsident Donald Trump verhängten Zölle auf chinesisches Titan hätten die Anbieter zunächst getroffen. Dennoch sehen Branchenvertreter weiterhin Chancen in den Vereinigten Staaten, wo das Angebot begrenzt ist und die heimische Produktion eingestellt wurde. Auch in Europa sei das Interesse groß: Mindestens drei chinesische Anbieter, die anonym bleiben wollten, erklärten, ihr Titan werde bereits in Flugzeugen von Airbus verwendet. Airbus reagierte auf eine entsprechende Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters nicht.
Der Luftfahrtanalyst John Strickland wertete die starke chinesische Präsenz auf der Farnborough Airshow, einer der größten Luftfahrtmessen der Welt, als Ausdruck eines verstärkten Vorstoßes chinesischer Unternehmen in westliche Märkte. Chinesische Luft- und Rüstungsfirmen seien auf der gesamten Messe breit vertreten gewesen, angeführt von COMAC, das Boeing und Airbus im zivilen Flugzeugbau herausfordern wolle, für Schlüsseltechnologien wie Triebwerke aber weiterhin auf ausländische Zulieferer angewiesen sei.
Strickland geht davon aus, dass COMAC und chinesische Luftfahrtzulieferer künftig eine wachsende globale Rolle spielen werden. Voraussetzung sei jedoch, dass sie das Ökosystem aufbauen, das den Erfolg von Boeing und Airbus stützt – darunter Wartung und Reparatur, Ersatzteilversorgung, technische Unterstützung sowie Leasing-Dienstleistungen. Fluggesellschaften erwarteten von Herstellern einen Nachweis, dass sie eine solche Infrastruktur weltweit aufbauen könnten, sagte Strickland.