Hohe Treibstoffkosten, Verzögerungen bei Flugzeugauslieferungen und steigende Wartungskosten vergrößern den Abstand zwischen finanzstarken und finanzschwachen Fluggesellschaften. Zu diesem Ergebnis kommt die Ratingagentur Morningstar DBRS in einer Branchenanalyse. Große Airlines mit breiten Netzen, hoher Liquidität und Preissetzungsmacht fangen die Belastungen demnach besser auf als kleinere Anbieter.
Der Konflikt im Nahen Osten drückt nach Einschätzung der Agentur über höhere Treibstoffpreise und Umwege im Flugbetrieb auf die Kreditqualität der Branche. Die Belastung sei aber zyklisch und kein struktureller Wandel des Sektors.
"Obwohl wir den aktuellen Treibstoffschock als zyklisch und nicht als strukturell betrachten, dürften anhaltende Engpässe in den Lieferketten und steigende Wartungskosten zentrale Herausforderungen bleiben und bis 2027 zu einer wachsenden Kluft zwischen stärkeren und schwächeren Betreibern beitragen", sagte Andrea Petroczi-Urban, Assistant Vice President für europäische Unternehmensratings bei Morningstar DBRS.
Treibstoffabsicherung verliert an Wirkung
Europäische Airlines waren nach Angaben der Agentur bislang besser vor steigenden Kerosinpreisen geschützt als viele nordamerikanische Wettbewerber, weil sie traditionell umfangreicher absichern. Dieser Vorteil schwinde in den kommenden Quartalen, da bestehende Positionen ausliefen. Bleiben die Treibstoffpreise hoch, drohe Druck auf die Ebitda-Margen.
Morningstar DBRS beziffert die Absicherungsquote der Lufthansa für das zweite Halbjahr auf 86 Prozent ihres Treibstoffbedarfs und für 2027 auf die Hälfte. Bei IAG liegen die Quoten nach Angaben der Agentur bei 70 und 40 Prozent, bei Air France-KLM bei 67 und 40 Prozent. United Airlines und American Airlines verfügen demnach über keine formale Absicherungspolitik und sind Preisschwankungen damit direkter ausgesetzt.
Wo die Absicherung fehlt, kommt es nach Einschätzung von Morningstar DBRS stärker auf Preissetzungsmacht und finanzielle Flexibilität an. Air France-KLM holte demnach 85 Prozent der höheren Treibstoffkosten über die Preise wieder herein, IAG im ersten Halbjahr 60 Prozent. American Airlines und United Airlines glichen im ersten Halbjahr knapp die Hälfte der Mehrkosten über die Erlöse aus. United rechnet für das dritte Quartal mit 80 bis 90 Prozent. Ob sich die höheren Ticketpreise bei schwächerer Nachfrage halten lassen, ist aus Sicht der Agentur offen.
Kleinere Airlines geraten unter Druck
Kleinere Fluggesellschaften spüren die Belastungen laut der Analyse noch stärker. Große Airlines verfügen demnach über erhebliche Liquiditätspuffer. Für kleinere Anbieter mit schwachen Bilanzen steige dagegen das Risiko finanzieller Schieflagen, was die Konsolidierung der Branche beschleunigen könne.
Die Agentur verweist auf eine Reihe von Restrukturierungen und Insolvenzverfahren in den vergangenen Monaten. So wurde der Ultra-Low-Cost-Carrier Spirit Airlines im Mai abgewickelt. Air Baltic beantragte Mitte September Gläubigerschutz nach Chapter 11 und führte dafür gestiegene Treibstoffkosten und eine historisch schwache Bilanz an.
Die spanische Volotea hatte sich Ende September unter vorläufigen Gläubigerschutz begeben. Eine Verschiebung der Nachfrage hin zu günstigeren Tarifen schütze Low-Cost-Carrier mit schwacher Bilanz und schwachem Netz nicht, so die Agentur.
Hinzu kommen nach ihrer Einschätzung strukturelle Probleme, die über den Treibstoffschock hinaus wirken. Kosten für Personal und Wartung etwa, stiegen 2025 um rund vier Prozent. Knappes Flugzeugangebot und höhere Zinsen treiben laut der Analyse zudem die Leasingraten.
Die Agentur erwartet nun, dass die aktuelle Gemengelage die Schwächen einzelner Airlines offenlegt. Der Winter könnte dabei zur härteren Probe werden, vor allem wenn die Treibstoffpreise hoch bleiben, so Morningstar. Die Nachfrage könne sich dann zu günstigeren Angeboten verschieben, wovon Low-Cost-Carrier und Sekundärflughäfen profitieren würden. Premium- und Geschäftsreiseverkehr auf der Langstrecke gilt laut der Analyse als weniger preissensibel.
