Lufthansa-Chef Carsten Spohr steht beim Neujahrsempfang in Berlin im Gespräch mit Politikern, als die Nachricht von Streikaufrufen der Crews hereinbricht. Es ist ein Bild, das den Spannungszustand des Konzerns treffend beschreibt: Jubiläumsstimmung auf der einen, operative Konflikte auf der anderen Seite.
Die Lufthansa feiert in diesem Jahr den 100. Jahrestag ihrer ersten Gründung. Ein eintägiger Arbeitskampf im Februar zeigt jedoch, wie mühsam der Weg zu steigender Profitabilität bleibt.
Spohr führt die Lufthansa-Gruppe – zu der neben der Kernmarke unter anderem Swiss, Austrian Airlines und Ita Airways gehören – seit mehr als einem Jahrzehnt. Er hat den Konzern durch die Corona-Pandemie und den Absturz einer Germanwings-Maschine 2015 geführt.
"Ich denke, in solchen Situationen hilft es, Pilot gewesen zu sein, um das Unternehmen von innen heraus zu verstehen", sagte Spohr im Dezember und verwies auf seine 30-jährige Karriere vom Cockpit bis zur Konzernspitze. "Jeder kann ein Unternehmen bei sonnigem Wetter führen. Ich denke, es sind die Krisensituationen, in denen man seine Führungsqualitäten unter Beweis stellt."
Lob, Kritik und ein ehrgeiziges Margenziel
Der 59-jährige Westfale gilt als einer der bekanntesten Airline-Chefs weltweit, ist mit seiner unverblümten Art aber nicht unumstritten. Analysten halten ihm vor, dass die Lufthansa deutlich weniger Gewinn einfliegt als der britisch-spanische Konkurrent IAG.
Spohr will die Lücke schließen und stellte einen Anstieg der Marge von 4,4 Prozent 2024 auf acht bis zehn Prozent von 2028 bis 2030 in Aussicht. Das Jahr 2024 soll vom operativen Ergebnis eines der besten in der Unternehmensgeschichte gewesen sein.
Mit einem Plus von 60 Prozent binnen Jahresfrist verbesserte sich auch der lange schwächelnde Aktienkurs. Die Lufthansa hofft auf eine baldige Rückkehr in den Leitindex Dax.
Investoren und Kollegen stützen Spohr, nennen aber Ungeduld und eine zu straffe Führung als Schwächen. "Aber der Vorstand selbst muss als Team funktionieren, und das scheint in der Vergangenheit nicht so geklappt zu haben, wie man es sich vorgestellt hat", sagte Hendrik Schmidt, Experte für gute Unternehmensführung der Fondsgesellschaft DWS.
Ryanair-Chef Michael O'Leary lobte Spohrs starke Bilanz, merkte jedoch an: "Ich bin sicher, er hat auf seinem Weg wahrscheinlich ein paar Leute verärgert, aber ich glaube, er hat einen grandiosen Job gemacht."
Konflikt mit der Pilotengewerkschaft
Besonders angespannt ist das Verhältnis zur Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. Spohr übernahm den Vorstandsvorsitz 2014 zu Beginn eines Tarifstreits, der sich zu mehr als einem Dutzend Streiks bis 2016 auswuchs.
"Als dann immer deutlicher wurde, dass sich das Management auch nicht mehr an Verträge und Vereinbarungen hält, ist das Vertrauen endgültig zerbrochen", sagte Andreas Pinheiro, heute VC-Präsident. Die Gewerkschaft wies zuletzt den Versuch des Managements zurück, über strategische Fragen wieder ins Gespräch zu kommen. Ein erneuter Machtkampf scheint unausweichlich.
Condor-Chef Peter Gerber, früher selbst einer der Spitzenmanager im Konzern, hält Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften in der Luftfahrt für unvermeidlich. "Da würde ich jeden einladen zu sagen, wie er das besser gemacht hätte als Carsten, weil ich weiß, wie schwierig das ist."
Geistesgegenwart, Humor und Krisenmanagement seien Spohrs Stärken. "Ich halte ihn für einen herausragenden Manager", sagte Gerber. "Er hat vielleicht mehr Airline gelebt als jeder andere von uns."
Flottenmodernisierung als Kernprojekt
Bis zum Ende seiner Amtszeit in zwei Jahren will Spohr die Lufthansa einen großen Schritt weiterbringen. Analysten und Investoren nennen die komplexe Flotte aus zu vielen verschiedenen Mustern und teils sehr alten Boeing- und Airbus-Flugzeugen einen großen Belastungsfaktor.
Mehr als 230 neue Flugzeuge bis 2030 ermöglichten dank geringerem Treibstoffverbrauch, niedrigerer Wartungskosten und höherer Ticketpreise stärkeres Wachstum, erklärte Spohr. "Was auch immer es kostet, lasst uns die Effizienz wiederherstellen."
Ingo Speich, Nachhaltigkeitschef bei der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka Investment, attestiert Spohr die Kontrolle über den Konzern. "Carsten Spohr ist "Mister Lufthansa". An ihm geht keine wichtige Entscheidung vorbei", sagte er. "Wenn er die genannten finanziellen Ziele schafft, wäre das die Krönung seiner Laufbahn."