Inmitten des eskalierenden Tarifkonflikts bei Lufthansa Cityline hat sich die Geschäftsführung mit einem Brief an die Belegschaft gewandt. CEO Fabian Schmidt und COO Frank Maleiner warnen darin vor den Konsequenzen weiterer Arbeitskämpfe und stellen den Beschäftigten zugleich Perspektiven innerhalb des Lufthansa-Konzerns in Aussicht.
Beide Gewerkschaften wiesen die Darstellung der Geschäftsführung auf Anfrage von airliners.de zurück. Die Vereinigung Cockpit (VC) sprach von einem klaren Versuch, Druck aufzubauen. Die Kabinengewerkschaft Ufo kritisierte das Schreiben scharf.
In dem Schreiben bezeichnen Schmidt und Maleiner den Streik in der Vorwoche bei Lufthansa als "kontraproduktiv". Kundenorientierung und Zuverlässigkeit seien die beste Visitenkarte des Unternehmens innerhalb der Lufthansa Group. "Die haben wir während des Streiks leider nicht gezeigt", heißt es in dem Brief.
Kritik am Abbruch der Tarifgespräche
Die Cityline-Geschäftsführung kritisiert in dem Schreiben den Abbruch der Tarifgespräche im Cockpit deutlich. Der Verhandlungsabbruch und die Urabstimmung setzten auf Konfrontation und sendeten "das falsche Signal". Obwohl es bereits 2023 und 2024 Gehaltserhöhungen gegeben habe, ein neues verhandlungsfähiges Angebot vorgelegt, Vergütungsangleichungen und Kompensation angeboten sowie sozialverträgliche Lösungsräume aufgezeigt worden seien, sei alles abgelehnt worden.
Zugleich warnen Schmidt und Maleiner, dass unbegrenzte Tarifforderungen, die die Wettbewerbsfähigkeit weiter verschlechtern, sowie ein sich abzeichnender Eskalationsmodus jede Perspektive für die Beschäftigten gefährden könnten. Eine Eskalation berge das Risiko, die Möglichkeiten der Mitarbeiter weiter einzuschränken – auch mit Blick auf einen etwaigen Sozialplan.
Die Geschäftsführung fordert die Sozialpartner auf, in den Dialog zurückzukehren, und erklärt sich jederzeit zu Gesprächen bereit.
Wechselangebote bereits auf dem Tisch
Die Geschäftsführung betont, hohe Zuverlässigkeits- und Zufriedenheitswerte des vergangenen Jahres hätten Türen und Perspektiven für die Beschäftigten geöffnet. Entsprechend lägen bereits Wechselangebote in andere Konzernflugbetriebe auf dem Tisch.
Für die Kabine gebe es bereits konstruktive Gespräche mit der Gewerkschaft Ufo zu Perspektiven bei der Lufthansa Airlines. Auch für das Cockpit sei die Geschäftsführung zuversichtlich, dass viele Beschäftigte eine Wechseloption innerhalb der Lufthansa Group erhalten könnten – zu abweichenden, aber dennoch attraktiven Bedingungen. Entscheidend sei in allen Fällen die Bereitschaft zum Wechsel und ein Einlassen auf die dortigen Beschäftigungsbedingungen.
Vereinigung Cockpit: "Kein belastbares Wechselangebot"
Die VC bewertete das Schreiben als klaren Versuch, insbesondere vor dem Hintergrund der laufenden Urabstimmung Druck aufzubauen. Die Verknüpfung möglicher Arbeitskampfmaßnahmen mit angeblichen Risiken für Anschlussbeschäftigungen diene vor allem dazu, Verunsicherung zu erzeugen.
Ein belastbares, für die Belegschaft tragfähiges Wechselangebot liege aktuell nicht auf dem Tisch, so die Gewerkschaft. Ende 2024 habe es eine befristete Option gegeben, sich bei der Lufthansa City Airlines zu bewerben. Diese sei jedoch mit erheblichen finanziellen und tariflichen Einbußen verbunden gewesen und daher nur von sehr wenigen angenommen worden. Weitere Optionen seien entweder stark eingeschränkt oder ebenfalls mit deutlichen Verschlechterungen der Arbeits- und Vergütungsbedingungen verbunden gewesen.
Die von der Geschäftsführung angeführten Vergütungserhöhungen und Kompensationsangebote wies die VC ebenfalls zurück. Im aktuellen Tarifkonflikt gehe es um den Vergütungstarifvertrag. Die Arbeitgeberseite habe wiederholt Kostenneutralität und Gegenfinanzierung gefordert. "Ein Angebot, das an anderer Stelle wieder eingespart werden soll, ist kein Angebot", so die Gewerkschaft.
Auch die Warnung vor Risiken für einen Sozialplan wertete die VC als Druckmittel gegenüber der Belegschaft. Die Thematik eines Sozialplans stehe in keinem Zusammenhang mit der laufenden Urabstimmung, die sich auf die Forderungen zu einem neuen Vergütungstarifvertrag beziehe. Die Auseinandersetzung zum Sozialplan habe sich zuletzt vor allem auf betrieblicher Ebene durch das Einsetzungsverfahren nach Paragraph 100 des Arbeitsgerichtsgesetzes zugespitzt.
Ufo weist Darstellung der Geschäftsführung zurück
Die Kabinengewerkschaft Ufo zeichnet ein deutlich anderes Bild. Das Schreiben habe "einen ganz bitteren Geschmack", sagte ein Ufo-Sprecher auf Anfrage von airliners.de. Schon die Überschrift stelle auf Verlässlichkeit ab – "also genau das, was den Kollegen seit weit über einem Jahr eisern verwehrt wird". Die Beschäftigten sollten "geräuschlos funktionieren, solange sie noch gebraucht werden, und dann geräuschlos verschwinden".
Insbesondere der Darstellung, es lägen bereits Wechselangebote auf dem Tisch, widerspricht die Gewerkschaft mit Blick auf die Kabine. Es gebe zwar "sehr freundliche Gespräche" mit Lufthansa über eine Übernahme. "Aber sobald es um belastbare Zusagen geht, wird es augenblicklich leise am Tisch", so die Ufo.
Ein Wechsel in andere Konzernflugbetriebe sei eine wichtige Säule, räumte die Gewerkschaft ein. Es werde aber auch Beschäftigte geben, denen selbst mit guten Wechselkonditionen kein Angebot gemacht werden könne, das sich mit ihrem Leben vereinbaren lasse. "Für diese Menschen ist dann ein ordentlicher Sozialplan wichtiger."
Auch die von der Geschäftsführung angeführten bisherigen Angebote relativierte die Ufo. Für die Kabine habe es im Juni 2024 ein Wechselangebot zur Lufthansa City Airlines zu deutlich schlechteren Konditionen gegeben. Damit habe man den Aufbau der City Airlines mit erfahrenem Personal vorantreiben wollen. Seither betone das Unternehmen immer wieder, dass es solche Angebote nicht mehr geben werde. Kürzlich sei ein weiteres Angebot für eine kleine Zahl von Beschäftigten hinzugekommen – zu aus Gewerkschaftssicht "indiskutabel miesen Konditionen", um die City-Airlines-Station in Frankfurt in Betrieb zu nehmen.
Besonders deutlich fiel die Ufo-Reaktion auf die Eskalationswarnung der Geschäftsführung aus: Diese erinnere "an Mafia-Filme", in denen es heiße: "Es wäre doch schade, wenn dir oder deiner Familie etwas zustößt." Die Gewerkschaft lasse sich nicht bedrohen.
Hintergrund: Streik und Urabstimmung
Der Mitarbeiterbrief folgt auf eine Reihe von Eskalationen im Tarifkonflikt. Am 12. Februar hatten Piloten der Kernmarke Lufthansa und Kabinenpersonal bei Lufthansa und Cityline gemeinsam ganztägig gestreikt. Rund 800 Flüge fielen aus, etwa 100.000 Passagiere waren betroffen.
Parallel dazu hat die VC nach gescheiterten Tarifverhandlungen die Urabstimmung über Streikmaßnahmen bei Cityline eingeleitet. Die rund 500 Cockpit-Beschäftigten stimmen noch bis zum 26. Februar ab. Die Gewerkschaft fordert für die Jahre 2024, 2025 und 2026 Vergütungsanpassungen von jeweils 3,3 Prozent. Das Unternehmen lehnt Erhöhungen ohne Kompensation an anderer Stelle ab.
Cityline vor der Schließung
Der Tarifkonflikt wird durch die geplante Schließung von Cityline verschärft. Die Regionaltochter mit einer Flotte von derzeit rund 30 Flugzeugen soll im kommenden Jahr den Betrieb einstellen. Ihre Zubringerflüge zu den Drehkreuzen Frankfurt und München sowie die Europa-Flüge sollen auf die neu gegründete Lufthansa City Airlines übergehen. Der Konzern erhofft sich dadurch niedrigere Personalkosten.
Unabhängig vom Pilotenkonflikt fordert die Kabinengewerkschaft Ufo bei Cityline einen tariflichen Sozialplan für die Beschäftigten, um die geplante Schließung des Flugbetriebs abzufedern. Das Unternehmen weigere sich bislang, darüber zu verhandeln, so die Gewerkschaft.