Condor verabschiedet am Mittwoch ihre letzte Boeing 757. Am Nachmittag findet ein spezieller Flug mit der Boeing 757-300 statt, zu dem die Airline Gäste und Fans eingeladen hat. Tickets für den Abschiedsflug kosteten bis zu 1000 Euro.
Die Ausflottung ist Teil einer lange geplanten Flottenmodernisierung auf der Lang- und Mittelstrecke. Von der Boeing 767 und 757 flottet die Airline aktuell auf A330 Neo und A320/A321 Neo um. Mitte März 2024 wurde bereits die letzte Boeing 767 ausgemustert. Seitdem fliegt Condor auf der Langstrecke ausschließlich mit Airbus A330 Neo.
Die Umstellung ist aber noch nicht abgeschlossen. Laut "CH-Aviation" wartet die Airline aktuell noch auf die Auslieferung von sieben A330 Neo auf der Langstrecke und auf 22 Airbus A321 Neo sowie 13 A320 Neo für den Einsatz im Mittelstreckensegment. Insgesamt hat Condor 28 Airbus A321 Neo und 13 A320 Neo bestellt. Die meisten dieser Maschinen sollten eigentlich bis 2027 ausgeliefert werden. Mittlerweile spricht Condor von 2029.
Hatte Condor 2020 noch 39 Mittelstreckenflugzeuge mit einer Gesamtsitzplatzkapazität von knapp 9000 Sitzen zur Verfügung, besteht die Flotte zum Ende des Jahres laut CH-Aviation nur noch aus 35 Maschinen. In Sitzen gerechnet sind das im Vergleich zu 2020 gut 20 Prozent weniger Kapazitäten.
| Ende Jahr | A320 | A320 Neo | A321 | A321 Neo | Boeing 757-300 |
|---|---|---|---|---|---|
| 2020 | 14 | 0 | 10 | 0 | 15 |
| 2021 | 14 | 0 | 10 | 0 | 13 |
| 2022 | 13 | 0 | 11 | 0 | 13 |
| 2023 | 12 | 0 | 11 | 0 | 12 |
| 2024 | 12 | 2 | 13 | 6 | 9 |
| 2025 | 12 | 4 | 13 | 6 | 0 |
Aufteilung der Condor-MittelstreckenflotteQuelle: CH-Aviation
| Ende Jahr | Sitzplatzkapazität |
|---|---|
| 2020 | 8845 |
| 2021 | 8295 |
| 2022 | 8335 |
| 2023 | 7880 |
| 2024 | 9253 |
| 2025 | 7138 |
Sitzplatzkapazitäten der Condor-MittelstreckenflotteQuelle: CH-Aviation
Condor ist nicht die einzige Airline, der aktuell Flugzeuge fehlen. Durch akute Lieferschwierigkeiten der Hersteller und Zulieferer gibt es weltweit Probleme mit Flugzeugverfügbarkeiten. Etliche Airlines haben daher ihre Ausflottungspläne überarbeitet. So betreibt die Lufthansa Teile ihrer alternden Airbus- und Boeing-Flotten deutlich länger als geplant.
Flugzeugmangel durch Zubringernetz
Von Condor heißt es, dass sich dieses Ungleichgewicht durch die Zuläufe in den kommenden Jahren ausgleichen werde. "Bis jetzt hat Condor bereits zehn (neue Mittelstrecken-) Flugzeuge erhalten und operiert diese wie gewohnt in ihrem Netzwerk. Bis Ende dieses Jahres werden voraussichtlich noch zwei weitere zur Flotte stoßen", hieß es auf Anfrage. Zusätzlich werde die Sitzkapazität zu Spitzenreisezeiten auch durch "eine variable Anzahl ACMIs (Wetleases)" unterstützt.
Dennoch: Die Ausflottung ihrer ursprünglich 15 Boeing 757-300 verschärft ein unerwartetes Problem bei Condor. Der Ferienfluggesellschaft fehlen Flugzeuge, seit sie ein eigenes Zubringernetz nach Frankfurt aufbauen muss. Hintergrund ist der verlorene Rechtsstreit mit der Lufthansa.
Das Oberlandesgericht Düsseldorf hatte im August die Entscheidung des Bundeskartellamts aufgehoben, die Condor einen Anspruch auf bevorzugte Zubringerflüge durch die Lufthansa zugesprochen hatte. Die Richter begründeten ihre Entscheidung mit Verfahrensfehlern der Kartellbehörde. Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig.
Die Lufthansa hatte Condor zum Juni 2021 das "Special Prorate Agreement" gekündigt, das der kleineren Konkurrentin hohe Verfügbarkeiten und günstige Konditionen für Zubringerflüge sicherte. Seither muss Condor die Flüge zu normalen Konditionen beziehen oder eigene Zubringer organisieren.
Für den Aufbau des Zubringernetzes muss Condor nun Flugzeuge aus lukrativen Feriendestinationen abziehen. Die Airline zog sich zuletzt gänzlich aus Leipzig/Halle zurück und gab auch ihr Türkei-Geschäft gänzlich auf. Die Airbus A320 und A321 fliegen nun vermehrt innerdeutsche Zubringer nach Frankfurt.
Was im Winter noch abzufedern ist, könnte laut Branchenbeobachtern im Sommerflugplan zu weiteren Einschränkungen im Netz führen.
Die Flugplanung und Netzwerkgestaltung von Fluggesellschaften richte sich "grundsätzlich nach dem Gebot der Wirtschaftlichkeit", teilt Condor auf airliners.de-Nachfrage mit. Man prüfe daher kontinuierlich Ziele und verlagere bei Bedarf Kapazitäten, "zuletzt auch die Türkei betreffend, auf Strecken, die sich einer höheren Nachfrage erfreuen." Hinsichtlich der Station Leipzig bediene Marabu Airlines als Condor Schwester-Airline im Winter 2025/26 ab dem Flughafen Leipzig/Halle sieben Urlaubsdestinationen. Für Sommer 2026 seien die Planungen von Condor für den Standort Leipzig/Halle noch nicht final abgeschlossen.
Vorteile gegenüber dem Nachfolger
Airbus A321 Neo von Condor beim Start. © Condor
"Technisch gesehen gab es überhaupt keinen Grund, die 757-300 jetzt auszuflotten", sagt auch Ex-Condor-Manager Peter Aurich im Interview mit airliners.de. Der ehemalige Condor-Manager begleitete die Flugzeuge von der ersten Auslieferung an. "Die Flugzeuge könnten praktisch noch einmal so lange fliegen."
Die Wartungskosten für die 757 stiegen zwar mit zunehmendem Alter, so der ehemalige technische Flottenchef der Airline. Die operationellen Kosten blieben zwar gleich, doch die großen Wartungschecks würden etwas aufwendiger. Die Ersatzteilversorgung stellt laut Aurich aber kein Problem dar. Solange die Boeing 757 als Frachter bei Betreibern wie DHL und Fedex sowie in der US-Präsidentenflotte im Einsatz sei, bleibe der Ersatzteilmarkt gesichert.
Von der Condor-Pressestelle heißt es, man betreibe nun eine reine Airbus-Flotte, die deutlich leiser und effizienter fliegt. "Zudem ergeben sich Vorteile durch weniger Komplexität bei Wartung, Ausbildung und Crew Rostering."
Die 757-Ausflottung ist damit primär eine Frage des Kosten-Nutzen-Verhältnisses, erklärt auch Aurich. Die Flugzeuge waren geleast und normalerweise kann man derartige Verträge nicht beliebig Verlängern. Zudem kämen dann noch größere Wartungsereignisse auf die Maschinen zu. Condor entschied sich daher für die Flottenmodernisierung mit Airbus A321 Neo.
Der Airbus A321 Neo ist laut Condor gut 20 Prozent sparsamer im Verbrauch als die Boeing 757-300. Bei den Leasingkosten dürfte das alte Flugzeug allerdings deutlich günstiger sein als die neuen A321 Neo. Laut Schätzungen von "CH-Aviation" kostet eine 757-300 im Durchschnitt monatlich 140.000 Euro, während das Leasing einer neuen A321 Neo mit 450.000 Euro zu Buche schlägt.
Dabei kann die A321 Neo für Condor nicht einmal vollständig abdecken, was die 757-300 konnte. Das größte Manko ist das Frachtvolumen. Die 757 bietet als lange Röhre 65 Kubikmeter und maximal acht Tonnen Fracht. Der A321 Neo schafft nur 51,5 Kubikmeter und maximal 2,8 Tonnen. Auf etlichen Verbindungen ist Fracht für einen Ferienflieger durchaus wichtig. Gerade wo wenig andere Airlines hinfliegen gibt es viel Nachfrage. Beispiele für Fracht sind laut Condor Cargo Früchte, Blumen oder auch Meeresfrüchte.
Auch bei der Kapazität liegt die Boeing im direkten Vergleich vorn: 275 Sitzplätze in der Condor-Konfiguration gegenüber 233 beim A321 Neo. Die 757 fliegt zudem etwas schneller und hat eine größere Reichweite. Mit ihren 757 war Condor bis an die US-Westküste geflogen. Zum Teil ging es sogar bis nach Südostasien – dann aber mit Zwischenstopp. Das ist nun vorbei.
Attestor sucht strategischen Partner
Derweil sucht Condor-Mehrheitseigentümer Attestor einen strategischen Partner für sein Luftfahrtgeschäft. Die Investmentgesellschaft arbeitet mit der Bank Barclays zusammen, um einen Branchenakteur als Teilhaber zu gewinnen, wie die Nachrichtenagentur "Bloomberg" Anfang der Woche unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen berichtete.
Der neue Partner könnte eine Minderheitsbeteiligung an der Holdinggesellschaft übernehmen, die neben Condor auch die 2023 gegründete Marabu Airlines umfasst. Die Verhandlungen dauerten noch an, der Ausgang sei offen.
Attestor hält 51 Prozent an Condor. Die restlichen 49 Prozent liegen derzeit noch bei einer staatlichen Zweckgesellschaft. Diese sichert zwei Staatskredite über insgesamt 550 Millionen Euro ab, die Condor nach der Pleite des früheren Mutterkonzerns Thomas Cook und während der Corona-Krise erhalten hatte.
Sobald Condor die Kredite zurückgezahlt hat, kann Attestor die übrigen Anteile zu einem festgelegten Preis übernehmen. Dies soll bis September 2026 geschehen. Offen ist, ob Attestor dazu alleine bereit oder in der Lage ist. Gegenüber airliners.de lehnte Attestor eine Stellungnahme ab.
Condor ist damit das einzige große Unternehmen aus der Reisebranche, das seine Corona-Staatshilfen noch nicht zurückgezahlt hat.
Im Geschäftsjahr 2023/24 hatte Condor einen Fehlbetrag von 62 Millionen Euro ausgewiesen. Nach internen operativen Kennzahlen habe die Airline allerdings bereits schwarze Zahlen geschrieben, erklärten Condor-Chef Peter Gerber und Finanzvorstand Björn Walther im April. Condor ist keine AG, sondern berichtet als GmbH nach HGB. Neuere Zahlen liegen daher noch nicht öffentlich vor.