Am 24. März 2015 stürzte Flug ein Germanwings-Airbus-A320 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Westalpen ab. Beim Aufprall des Airbus A320 kamen alle 150 Insassen ums Leben. Die offiziellen Ermittlungen kommen schnell zum Schluss: Es handelte sich um einen erweiterten Suizid des Co-Piloten. Die airliners.de-Serie zu Germanwings 4U9525 zeichnet die Kontroversen um den Unfall nach. Im Teil 5 geht es um die Verschwörungstheorien rund um den Absturz.
Obwohl oder gerade weil der Absturz von Germanwings Flug 9525 am 24. März 2015 sehr schnell und annähernd lückenlos aufgeklärt werden konnte, schossen sehr rasch die wildesten Verschwörungstheorien wie Pilze aus dem Boden. Die allermeisten der vielfach direkt nach dem Absturz kursierenden Theorien sind so hanebüchen, dass es dazu gar keiner weiteren Erklärung bedarf.
Eine weitere Verschwörungstheorie, die seit einigen Jahren auch stark von Österreich aus verbreitet wird, klingt zumindest auf den ersten Blick dagegen durchaus nicht ganz unplausibel. Kein Wunder, dass sie deswegen in einigen Medien aufgegriffen wurde. Zum zehnten Jahrestag gab es sogar eine Serie des Bezahl-TV-Senders Sky dazu.
Stark verkürzt ausgedrückt besagt die Theorie im Wesentlichen, dass der Erste Offizier nicht für den Absturz verantwortlich gewesen sein soll. Vielmehr soll es am Flugzeug technische Probleme mit dem Autopiloten sowie zeitgleich mehrere andere Fehlfunktionen gegeben haben:
- Genau in dem Moment, in dem der Kapitän das Cockpit verlassen hat um die Toilette aufzusuchen (was im Übrigen in manchen Abwandlungen dieser Theorie ebenfalls bestritten wird; dann wird stattdessen behauptet, der Erste Offizier sei außerhalb des Cockpits gewesen und der Kapitän auf seinem Platz) soll der Bordcomputer (genauer gesagt die FCU, also jenes System, bei dem die Höhe für den Autopiloten eingestellt wird) selbstständig einen Sinkflug eingeleitet haben.
- Exakt in diesem Moment soll dann auch der allein im Cockpit befindliche Pilot handlungsunfähig geworden sein, weshalb er nicht eingreifen konnte.
- Und last but not least soll dann auch noch das Panel zur Eingabe des Notfallcodes für die Cockpittür in der Kabine defekt gewesen sein. Deshalb habe der außerhalb des Cockpits befindliche Pilot nicht mehr ins Cockpit zurückkehren können.
- Und überhaupt werden auch die Beweise dafür, dass Andreas Lubitz psychisch krank gewesen ist, in Frage gestellt. Daher hat es angeblich auch kein Motiv für einen Suizid gegeben, heißt es da.
Bei genauerer Betrachtung der Fakten hält all das freilich einer Überprüfung nicht stand. Schon allein die über viele Jahre dokumentierten medizinischen Befunde inklusive Verschreibungen von Psychopharmaka, die nach dem Absturz auch in den sterblichen Überresten von Lubitz nachgewiesen wurden, müssten demnach alle "gefaked" gewesen sein, inklusive der Krankschreibungen in den Wochen vor dem Unfall, die Lubitz nicht an seinen Arbeitgeber weitergeleitet hatte.
Komplett logisch zu widerlegen
Eigentlich sollte man meinen, dass man solche Absurditäten gar nicht erfinden kann. Manche Personen können es aber scheinbar doch, meinen das tatsächlich ernst und sind der festen Überzeugung, dass ausschließlich technische Probleme den Crash verursacht hätten und der Co-Pilot das Bauernopfer einer riesengroßen politischen Verschwörung sei, an der dutzende Flugunfallexperten, Piloten und Techniker aus mehreren europäischen Ländern sowie (Rechts-)Mediziner und viele mehr mitgewirkt hätten.
Zum Glück schütteln die meisten logisch denkenden Menschen mit einem gesunden Hausverstand über diese Theorie natürlich nur den Kopf, ebenso sämtliche Piloten, mit denen ich für die Recherchen zu diesem Text darüber gesprochen habe. Doch man darf die Eloquenz von manchen Verschwörungstheoretikern nicht unterschätzen. Daher möchte ich diese Theorie auf Basis der Fakten sezieren und widerlegen.
So ist durch die Aufzeichnungen des Cockpit Voice Recorders unstrittig belegt, dass der Kapitän von Flug 4U9525 das Cockpit verlassen hat, um die Toilette aufzusuchen, während First Officer Andreas Lubitz in seinem Sitz blieb. Denn der Kapitän informierte ihn darüber, dass er auf die Toilette gehen wolle und übergab Lubitz danach aktiv die Verantwortung für die gesamte Maschine. Im Anschluss daran waren die Bewegung des Cockpitsitzes des Kommandanten, das Öffnen und das Schließen der Cockpittür zu hören.
Der französische Staatsanwalt Brice Robin (Mitte) hat viele Beobachter verwundert, als er bereits kurz nach dem Absturz einen Schuldigen präsentierte: Co-Pilot Andreas Lubitz. Robin hatte zu dem Zeitpunkt den Voice-Recorder abgehört. Allein das reichte offenbar, um zu 100 Prozent sicher zu sein. Das ist selten, aber eindeutig. Die anschließenden Untersuchungen der Flugunfallermittler fand keinerlei technische Probleme, stattdessen weitere Hinweise auf ein Selbstverschulden durch den Co-Piloten. © dpa / Guillaume Ruoppolo/La Provence
Kurz danach änderte sich die Höheneinstellung am Autopiloten von 38.000 auf 100 Fuß Flughöhe. Selbst wenn man, rein hypothetisch natürlich, einen technischen Fehler als Ursache dafür unterstellt, der theoretisch sicher möglich ist, bliebe die Frage, warum der Erste Offizier nicht adäquat darauf reagiert hat. Auf dem Hinflug nach Barcelona hatte Lubitz schließlich bereits mehrfach die Zielflughöhe am Autopiloten auf das Minimum verstellt und anschließend wieder korrigiert.
Auch das passierte übrigens just, als der Kapitän das Cockpit kurz verlassen hatte. Über Fehlfunktionen am Autopiloten sprachen die Piloten im Anschluss aber nicht. Ein weiteres Indiz darauf, dass es sich bei dieser "Generalprobe" eben nicht um einen technischen Fehler, sondern um bewusste Einstellungen handelte. Lubitz hatte auf dem Hinflug seine spätere Tat schon "geübt".
Die angeblichen Beweise in der Hradecky-Theorie sind komplex, zum Teil krude und letztlich sogar augenscheinlich falsch. Im Wesentlichen geht es um die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Lubitz bei der "Generalprobe" mehrfach die Zielflughöhe am Autopiloten ganz genau im Sekundentakt der Aufzeichnung und extrem genau eingestellt haben soll, was nicht menschenmöglich sei. Stattdessen habe ein Kurzschluss veranlasst, dass die Zielflughöhe von sich aus immer zwischen 100 Fuß und 21.000 Fuß Höhe beziehungsweise 100 und 25.000 Fuß hin- und hergesprungen sei.
Die Theorie zu widerlegen ist sehr einfach, denn der Autor hat die Grafik, auf der die Aussagen basieren, nicht korrekt gelesen. Zwischen 4 und 5 geht die eingestellte Zielflughöhe im Autopiloten auf 100 runter (das Minimum), dann aber nicht in einer Sekunde exakt wieder hoch auf 21.000, wie in der Theorie behauptet und als kaum menschlich möglich dargestellt. (Zwischen 5 und 6 ist die eigestellte Höhe 2000 Fuß höher). An Punkt 8 geht die Zielhöhe dann eindeutig über zwei Sekunden auf 100 Fuß herunter - und nicht wie behauptet innerhalb einer Sekunde. Die Anschließenden 25.000 Fuß sind übrigens auch nicht exakt getroffen. Damit ist die Kurzschluss-Theorie eindeutig widerlegt. Oben: © Aviation Herald / Unten: airliners.de
Allerdings braucht man kein Fachmann zu sein um auf dem als Beleg vorgelegten Graphen der Aufzeichnung zu sehen, dass dem gar nicht der Fall war. Es gab Einstellungen, die länger als eine Sekunde gedauert haben und auch die 21.000 und die 25.000 Fuß wurden beim schnellen Hochdrehen gar nicht genau getroffen.
Die Behauptung, der Co-Pilot sei nun auf dem Rückflug genau in diesem Moment handlungsunfähig (zum Beispiel bewusstlos) geworden, in dem sich die Flughöhe veränderte, ist ebenfalls in keiner Weise stichhaltig. Es wurde ja nicht nur die Flughöhe, sondern auch die Geschwindigkeit des Airbus während des Sinkfluges eingestellt, sogar mehrfach. Kurz vor dem Absturz betätigte Lubitz zudem wiederholt den Sidestick, was eine von Verschwörungstheoretikern mitunter kolportierte Bewusstlosigkeit kategorisch ausschließt.
Selbst wenn also, wofür es wiederum in den vorliegenden Unterlagen über den abgestürzten A320 keinen Nachweis gibt, die Tastatur vor der Cockpittür defekt gewesen sein sollte, wodurch der außerhalb des Flugdecks befindliche Kapitän den Notfallcode nicht eingeben konnte, würde das nicht erklären, wieso Andreas Lubitz die Tür dann nicht von innen entriegelt hat, als der Kapitän den regulären Zutrittscode eingab und so seine Zutrittsbitte äußerte. Es würde auch nicht erklären, wieso Lubitz auf die Anrufversuche aus der Kabine mittels Intercom nicht reagierte. Spätestens an dieser Stelle wird klar, wie unsinnig auch diese auf den ersten Blick vermeintlich plausibel erscheinende alternative Theorie der Ereignisse ist.
Was soll vertuscht werden und wozu? Dass keine Flugzeuge gegroundet werden müssen weil das zu teuer wäre?
Doch noch ein Umstand beweist zweifelsfrei, dass es sich bei dieser Theorie um nichts anderes als ein an den Haaren herbeigezogenes Hirngespinst handelt.
Wäre nämlich tatsächlich ein "von denen da oben" vertuschtes generelles technisches Problem in der Airbus FCU für den tödlichen Sinkflug von Germanwings Flug 9525 verantwortlich gewesen, dann hätten davor und danach noch viele weitere Male ähnliche Sinkflüge auftreten müssen. Immerhin ist der Airbus A320 eines der meistverkauften Verkehrsflugzeuge der Welt. Piloten hätten solche Sinkflüge manuell beenden müssen und anschließend gemeldet. Oder, falls eine Beendigung des Sinkfluges nicht möglich gewesen wäre, dann hätte es weitere Abstürze dieser Art geben müssen.
Nichts davon ist aber geschehen ‒ jedenfalls nicht sehr häufig – weil eben kein technisches Problem, sondern ein psychisch kranker Pilot dafür verantwortlich war. Und wenn tatsächlich ein bekanntes technisches Problem mit dem Autopiloten des A320 den Absturz verursacht hätte, dann hätten in der Folge tausende Airbus-Jets weltweit modifiziert werden müssen. Es ist absolut unmöglich, dass die technischen Nachbesserungen an tausenden Jets in aller Welt unbemerkt von der Öffentlichkeit geschehen wären.
Selbst wenn die Airlines sie in ihren eigenen Wartungsbetrieben nach Anweisungen des Herstellers Airbus durchgeführt hätten, wäre das nicht unentdeckt geblieben, weil sich in den vergangenen Jahren irgendein Pilot oder Techniker als Whistleblower damit an die Medien gewandt hätte ‒ so wie das ja im Fall der Boeing 737 Max, die nach zwei tödlichen Abstürzen über einen langen Zeitraum gegroundet wurde, ebenfalls geschehen ist.
Abgestellte 737-Max-Flugzeuge während des Groundings. Die Annahme, dass die Luftfahrtbranche Probleme lieber vertuschen würde, als Flugzeuge in großem Stile stillzulegen, ist damit durch das rund zweijährige weltweite Grounding des Typs nach tödlichen Abstürzen recht eindrucksvoll widerlegt. © AirTeamImages.com / Bastian Ding
Lediglich ein wirklich ‒ und auch das nur auf den ersten Blick ‒ ähnlicher Fall eines unkontrolliert vom Bordcomputer eingeleiteten Sinkfluges in zeitlicher Nähe zum Germanwings-Absturz ist dokumentiert. Er ereignete sich am 5. November 2014 auf dem Linienflug LH 1829 der Lufthansa von Bilbao nach München, durchgeführt von einem Airbus A321. Vereiste Sensoren führten dazu, dass das Flugzeug in 31.000 Fuß Höhe plötzlich in den Sinkflug mit einer hohen Sinkrate überging. Doch die Besatzung reagierte adäquat, nahm Funkkontakt mit der Bodenstelle auf und beendete das ungewollte Flugmanöver in 27.000 Fuß. Es war nicht einmal eine Notlandung erforderlich, Flug LH 1829 landete sicher in München.
Anders als von manchen Verschwörungstheoretikern erhofft, ist dieser Fall also geradezu ein Beleg dafür, dass im Fall des Fluges Germanwings 9525 KEIN technisches Problem, sondern Vorsatz durch den Co-Piloten vorlag. Der Vorfall auf dem Flug von Bilbao nach München zeigt nämlich, dass sich selbst ein durch den Bordcomputer ungewollt eingeleitetes automatisches Manöver in einer solchen Höhe problemlos beherrschen lässt. Im Übrigen wurde nach diesem Zwischenfall von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) eine entsprechende Information an alle Airbus-Betreiber verschickt.
Wie Verschwörungstheoretiker "ticken"
Wie aber ticken Verschwörungstheoretiker überhaupt? Oftmals sind es Menschen mit geringer Bildung oder einem bestimmten gefestigten Weltbild, die derartige Unsinnigkeiten verbreiten, vielfach ohne böse Absicht. In einigen Fällen, auch im Fall der zuletzt aufgezeigten und mit harten Fakten ebenfalls widerlegten Verschwörungstheorie zum tragischen Absturz der Germanwings-Maschine, werden sie jedoch von durchaus intelligenten Menschen mit einem technisch-analytischen Hintergrund in die Welt gesetzt.
Das ist das eigentlich Beunruhigende, weil solche Menschen das Vertrauen anderer genießen. Sie gelten als kompetent und sind es in ihrem Fachbereich durchaus. Aber Intelligenz und fachliche Bildung sind noch lange keine Garantie dafür, dass ein solcher Mensch nicht ebenfalls psychische Auffälligkeiten entwickeln kann und/oder gar zum Verschwörungstheoretiker wird.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind unter anderem Ärzte, welche die Existenz gefährlicher Krankheiten wie Aids, Tollwut, Corona oder die Wirksamkeit von Schutzimpfungen entgegen aller wissenschaftlichen Evidenzen leugnen. Das sind ebenfalls intelligente Menschen ‒ und trotzdem sind sie in den Scheuklappen ihrer Verschwörungstheorien gefangen.
Für sie gibt es keine andere "Wahrheit" als ihre eigene. Tatsachen zählen nichts. Sie sind meist völlig unfähig, Fakten zu erkennen und sich sowie ihre vorgefasste Meinung selbst kritisch zu reflektieren.
Der französische Staatsanwalt und die "Vorverurteilung"
Von David Haße
Es ist in der Tat ungewöhnlich, dass sich ein Staatsanwalt wenige Stunden nach einem Unfall auf einen Schuldigen festlegt, wie es im Fall Germanwings geschehen ist. Aber es war in diesem Fall offenbar sehr klar. Dennoch scheint diese "Vorverurteilung" von Lubitz die Keimzelle vieler Verschwörungstheorien zu sein.
In der Tat hört die Öffentlichkeit bei Abstürzen normalerweise selten etwas vom Staatsanwalt – und wenn, dann erst lange nach den Vorfällen. Aber normalerweise ist es auch so, dass es eben nicht so einfach zu erklären ist, warum ein Flugzeug abgestürzt ist.
Es stimmt übrigens nicht, dass nach der Aussage des Staatsanwalts weniger umfangreich ermittelt wurde. Es ist keinesfalls so, dass der französische Staatsanwalt den Absturz allein untersucht hätte. Das wurde konform den ICAO-Regelungen für Flugunfälle getan.
Demnach ist das Land für die Leitung der Flugunfalluntersuchungen zuständig, auf dessen Territorium sich der Zwischenfall ereignet hat. Hier als Frankreich und die BEA. Dann dürfen aber noch Experten aus Ländern, deren Staatsangehörige bei einem Unfall zu Schaden gekommen sind, bei den Ermittlungen teilhaben. Involviert werden zudem die staatlichen Untersuchungsstellen der Länder, in denen das Unglücksflugzeug und die betroffene Fluggesellschaft registriert sind. Deswegen hat auch die deutsche BFU hier ermittelt.
Gleichzeitig nehmen Ermittler aus den Herkunftsländern des betroffenen Flugzeugherstellers sowie wichtiger Flugzeugkomponenten wie etwa den Triebwerken, den Flugdatenschreiber und so weiter an den Untersuchungen teil. Diese Ermittler legen dann spätestens ein Jahr nach dem Unfall einen Abschlussbericht vor und meist davor schon einen Zwischenbericht. Der Bericht ist veröffentlicht und bestätigt, dass der Co-Pilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht hat. Damit bestätigt sich der Verdacht des französischen Staatsanwaltes auch bei sehr genauer Betrachtung.
Anders als die Staatsanwaltschaft ermitteln die ICAO-Flugunfallbehörden übrigens gar keinen "Schuldigen" in dem Sinne von Gerichtbarkeit. Sie ermitteln den Grund für den Unfall und geben dann darauf basierend Empfehlungen ab, damit ein solcher Unfall sich nicht wiederholt. Meist sind das technische Dinge, hier haben die internationalen Ermittler medizinische Empfehlungen und regulatorische Maßnahmen vorgeschlagen, damit Depressionen im Cockpit besser behandelt werden können und im Zweifel besser auffallen. Zum Beispiel sollte Flugärzte-Hopping untersagt werden.
All diese Untersuchungen laufen parallel von den staatsanwaltschaftschaftlichen Untersuchungen. In diesem Fall kam den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen allerdings ein größerer Stellenwert zu Teil, weil es eben kein technisches Problem war.
Der französische Staatsanwalt hat in der Tat direkt nach dem Abhören des Voice-Recorders (dieser wurde sehr schnell gefunden, geborgen und konnte auch ausgelesen werden) und den direkt verfügbaren Daten der Flugsicherung (die eingestellte Zielhöhe wird an den Boden übermittelt) eine Pressekonferenz gehalten – und Lubitz als Täter präsentiert.
Offensichtlich war er sich zu 100 Prozent sicher – alleine aus diesen wenigen Infos heraus. Der Staatsanwalt wusste damals auch noch nicht einmal von den Dutzenden Ärzten, die Lubitz in den Wochen vorher konsultiert hatte, dass er Depressionen hatte und dass er krankgeschrieben war an dem Tag und so weiter. Das hat erst später die deutsche Staatsanwaltschaft herausgefunden.
Aber allein die Gespräche und die Abläufe im Cockpit waren so aufschlussreich, dass es nur eine Schlussfolgerung gab. Die Aufzeichnungen werden übrigens nie in Gänze veröffentlicht, weil es zu schockierend wäre. Auch das ist übrigens bei der ICAO so geregelt. Das ist also kein Versäumnis der Ermittler sondern internationale Vorschrift.
Seit vielen Jahren befasst sich die Wissenschaft mit diesem Phänomen und versucht zu erklären was Menschen dazu treibt, durch Fakten längst widerlegten Unsinn für bare Münze zu nehmen und sich dabei selbst noch stolz als vermeintlich "Wissende" zu fühlen.
So legte im Jahr 1994 der US-amerikanische Soziologe Ted Goertzel eine Studie vor, die besagt, dass es so etwas wie eine generelle Tendenz gebe, Verschwörungen zu glauben. Goertzel gilt als Pionier der Forschung auf diesem Gebiet und zahlreiche seiner Forschungsergebnisse zu dem Thema sind noch heute von Relevanz.
Es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Einer besagt, dass Menschen, wenn sie das Gefühl haben keine Kontrolle zu haben und sich deshalb ohnmächtig fühlen, versuchen Strategien zu finden, um mit diesem Zustand umzugehen. Eine dieser Strategien ist unglücklicherweise der Glaube an Verschwörungstheorien. Denn darin spielt der Zufall kaum eine Rolle. Solche Theorien bieten stattdessen greifbare Muster und damit eine vermeintliche Erklärung für Geschehnisse, die so unfassbar sind, dass man sie nicht wahrhaben möchte ‒ wie eben, dass ein Mensch Selbstmord begeht und dabei vorsätzlich 149 andere rücksichts- und empathielos mit ins Verderben reißt.
Eine andere Erklärung für den Glauben an Verschwörungstheorien ist, dass solche Menschen nicht nur denken, im Besitz der vermeintlichen "Wahrheit" zu sein, die ihnen das Gefühl einer gewissen Kontrolle gibt, sondern auch in der Annahme sind, anderen Menschen überlegen zu sein. Man sei ein "Wissender" und habe damit seinen Mitmenschen etwas voraus. Das wiederum trägt zur Erhöhung des eigenen Selbstwertes bei.
Es gibt verschiedene Studien, die belegen, dass Menschen, die ein starkes Bedürfnis danach haben, sich einzigartig zu fühlen, eher an Verschwörungserzählungen glauben. Wer einmal in einem solchen Weltbild gefangen ist, sieht sich dann selbst als "Wissender" an und betrachtet die anderen Menschen, also jene, die sich an den wissenschaftlichen Fakten orientieren, im besten Fall als "dumme Schafe", im schlechtesten Fall aber sogar als Teil der angenommenen Verschwörung.
In dieser völlig kruden Welt solcher Verschwörungstheoretiker zählen all die Fakten, die den Absturzhergang von Germanwings Flug 9525 inklusive der umfassenden medizinisch-psychologischen Vorgeschichte des Co-Piloten außer Streit belegen, rein gar nichts, da all das in ihrer Gedankenwelt nicht existiert oder gefälscht, ja, Teil der unterstellten Verschwörung sein muss. Ein Teufelskreis.
Verschiedene Verschwörungstheorien zum Germanwings-Absturz
Es gab zahlreiche Theorien rund um den Germanwings-Absturz. Hier eine kleine Auswahl der abstrusesten Behauptungen:
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Die Maschine wurde gehackt und vom Boden aus ferngesteuert zum Absturz gebracht. Fakt ist: Der A320 kann vom Boden aus überhaupt nicht ferngesteuert werden. 2015 gab es noch nicht einmal Internetzugang an Bord der Lufthansa-Flugzeuge, was natürlich für deren Billigflugtochter Germanwings ebenso gilt. Außerdem wäre es nicht möglich gewesen, vom Boden aus überhaupt zu wissen, wann einer der Piloten das Cockpit verlässt, um genau dann den vermeintlich Hacker-Angriff zu starten. Doch ungeachtet dessen, ob ein oder zwei Piloten im Cockpit waren: In jedem Fall hätten sie selbst im technisch gar nicht möglichen Fall einer Fernsteuerung vom Boden aus einen Notruf absetzen oder zumindest den Transpondercode (der ja ganz normal funktionierte und auf dem Radarschirm des Fluglotsen zu sehen war) auf einen Notfallcode einstellen können, damit der Fluglotse am Boden Bescheid weiß. Nichts davon geschah. Weil die Theorie eben völliger Unsinn ist ‒ und zu einer solchen Aktion (weil es sie einfach nicht gegeben hat), hat sich auch nie irgendeine Gruppe bekannt.
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Lubitz sei ein islamistischer Selbstmordattentäter gewesen. Laut Schweizer Medienberichten wollen selbsternannte Experten auf angeblichen Tonaufnahmen aus dem Cockpit gehört haben (die natürlich, sofern überhaupt existent, ein Fake waren) wie Andreas Lubitz während des Sinkfluges Allah beschwört habe. Abgesehen davon, dass durch die Auswertung des Stimmenrekorders im Beisein mehrere internationaler Experten klar belegt ist, dass Lubitz das nicht getan hat, hat sich niemals eine islamistische Terrorgruppe zum Absturz bekannt oder den Crash für sich reklamiert, um ihn propagandistisch auszuschlachten.
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Eine weitere krude These besagt, dass der Airbus A320 vom US-Militär mittels einer geheimen Laserwaffe abgeschossen wurde, natürlich aus Versehen. Doch wäre der Jet tatsächlich, von wem oder was auch immer, abgeschossen worden (der Abschuss durch einen Militärjet wird ebenfalls immer wieder als These genannt), dann wäre er nicht gut elf Minuten in einem völlig stabilen kontrollierten Sinkflug weiter geflogen, bis er am Boden zerschellte. Dann wäre die Maschine nämlich in der Luft explodiert und das Trümmerfeld am Boden hätte völlig anders ausgesehen als bei einer Frontalkollision des gesamten bis dahin intakten Flugzeuges mit dem Gelände, wie es tatsächlich geschah. Übrigens: Es gab Augenzeugen, die den A320 noch Sekunden vor dem Aufprall im Tiefflug am Himmel sahen und ihre Beobachtungen danach internationalen Kamerateams sowie den Unfallermittlern schilderten. Kein einziger dieser Augenzeugen hörte oder sah einen Kampfjet am Himmel. So viel zur Abschusstheorie.
Kaum möglich, Verschwörungstheoretiker mit Fakten zu überzeugen
Manche dieser Menschen erkennen früher oder später ihren Irrweg und finden in die Realität zurück, einige bleiben für immer darin verhaftet, was nicht selten zu weiterer sozialer Isolation führt. Denn das bisherige Umfeld zieht sich mit der Zeit von solchen irgendwann als "Spinnern" wahrgenommenen Personen zurück, was zur Folge hat, dass sich die Betroffenen noch tiefer in die Kreise von Verschwörungstheoretikern zurückziehen, um von diesen Gleichgesinnten in ihrer total realitätsfremden Geisteshaltung bestätigt zu werden.
Es ist daher auch ausgesprochen schwer, mit den Verbreitern von Verschwörungstheorien zu diskutieren, weil sie die objektiven Fakten eben nicht als solche anerkennen.
Der Psychologe Marius Raab von der Universität Bamberg forscht sei vielen Jahren zu diesem Thema. Das Grundproblem bei der Interaktion mit Menschen die an Verschwörungstheorien glauben ist laut Raab, dass diese Personen etwas annehmen was sich der Sichtbarkeit entzieht. "Deswegen ist es sehr schwer, dagegen anzukommen, weil ich nicht beweisen kann, dass es etwas Verborgenes, eine Verschwörung, nicht gibt", so der Experte. Man könne allenfalls mit Indizien und belegbaren Fakten argumentieren.
Grundsätzlich sei es wichtig, Verschwörungstheoretikern zu widersprechen, man müsse dabei aber dennoch wertschätzend bleiben und sich realistische Ziele setzen anstatt jemanden sofort komplett zum Umdenken bewegen zu wollen. Oftmals ist es leider auch völlig sinnlos, zu versuchen, Verschwörungstheoretiker von Fakten überzeugen zu wollen, weil sie dafür schlichtweg taub sind.
Das alles soll nicht heißen, dass es grundsätzlich keine Verschwörungen gibt. Natürlich gab und gibt es in der Weltgeschichte immer wieder welche, aber sie ließen sich letzten Endes ausschließlich durch harte wissenschaftliche Fakten entlarven.
Deshalb täten diese Menschen so gut daran, sich am bedeutenden Philosophen Wilhelm von Ockham (* um 1288 in Ockham in der Grafschaft Surrey, England, † 9. April 1347 in München) zu orientieren, der bereits vor mehr als einem halben Jahrtausend so treffend erkannt hat: "Von mehreren möglichen hinreichenden Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen."
Oder ganz salopp mit einem amerikanischen Sprichwort ausgedrückt: "Was aussieht wie eine Ente, watschelt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, das ist wohl eine Ente."
Im Fall von Germanwings 4U9525 ist die grausame Wahrheit ebenso banal wie brutal und durch objektive Fakten unwiderlegbar nachgewiesen. Aber wahrscheinlich liegt genau hier ein Teil des Problems:
Manche Menschen können sich mit der Trivialität der Geschehnisse einfach nicht abfinden und flüchten sich deshalb in Verschwörungstheorien, weil sie glauben da müsse doch "mehr dahinterstecken".
Tut es in diesem Fall aber nicht.
Hinweis: In diesem Artikel geht es um das Thema Selbstmord. Wenn Sie selbst depressiv sind und Suizid-Gedanken haben, dann kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge im Internet beziehungsweise über die kostenlosen Hotlines 0800/1110111, 0800/1110222 oder 116123 oder wenden Sie sich an ein Peer-Support-Programm bei Ihrem Arbeitgeber.