Der US-Hersteller Heart Aerospace hat am Mittwoch mit der ES-36 sein künftiges Serienflugzeug vorgestellt. Das hybrid-elektrische Regionalflugzeug bietet 36 Sitze. Es ist nach Unternehmensangaben eine Weiterentwicklung der bislang geplanten ES-30 und tritt als Produktionsmuster an deren Stelle. Zeitgleich schloss die US-Fluggesellschaft JSX eine durch Anzahlungen abgesicherte Kaufvereinbarung über 50 Flugzeuge ab und erhielt Kaufrechte für 50 weitere. Finanzielle Details nannten die Unternehmen nicht.
Mit dem Abschluss wandelt JSX eine Absichtserklärung aus dem Jahr 2023 in eine verbindliche Kaufzusage um. Nach Angaben von Heart sichert sich die Airline damit frühe Lieferpositionen. Beide Unternehmen wollen die ES-36 zudem gemeinsam auf den Flugbetrieb von JSX zuschneiden. Dazu gehören die Kabinenkonfiguration, die Abläufe beim Laden der Batterien und beim Turnaround, die Streckenplanung sowie die Vorbereitung der Flughäfen.
JSX-Vorstandsvorsitzender Alex Wilcox sagte, die ES-36 ermögliche mehr Nonstop-Verbindungen von gut erreichbaren Flughäfen aus. Einsetzen will die Airline das Muster nach Unternehmensangaben zunächst an kleineren Flughäfen, die sie bereits bedient, darunter Santa Monica, Westchester County, Naples und Napa Valley. Die Kurzstarteigenschaften des Flugzeugs sollen dort den Betrieb auf beengten Plätzen erleichtern. Mit rund 29 Metern ist die Spannweite etwa 3,4 Meter geringer als bei der ES-30.
Zwei statt vier Antriebsgondeln
Technisch weicht die ES-36 deutlich vom Vorgänger ab. Statt vier Gondeln mit unabhängigen Hybridantrieben erhält sie zwei serielle Hybrid-Antriebsstränge. In jedem treibt ein Elektromotor mit 1,65 Megawatt Leistung einen Propeller an. Durch die geringere Zahl an Antriebskomponenten sollen die Wartungskosten sinken, teilte Heart mit.
Gegenüber der ES-30 steigen Sitzzahl und Nutzlast um jeweils 20 Prozent, die Nutzlast um rund 640 Kilogramm. Höchstabfluggewicht und Batteriekapazität bleiben nach Herstellerangaben unverändert. Möglich machen soll das eine aerodynamisch überarbeitete Zelle.
Rein elektrisch soll die ES-36 mit am Boden geladenen Batterien 200 Kilometer zuzüglich Reserven zurücklegen. Im Hybridbetrieb liegt die Reichweite bei 1200 Kilometern zuzüglich Reserven. Dafür sitzt in jedem Antriebsstrang ein Turbogenerator der Megawatt-Klasse, den eine handelsübliche Gasturbine antreibt und der im Flug Strom erzeugt. Für die ES-30 hatte Heart zuletzt eine Hybridreichweite von 435 nautischen Meilen angegeben, also rund 800 Kilometer.
Die Betriebskosten sollen um mindestens 40 Prozent unter denen herkömmlicher Regionalflugzeuge liegen. Zu dieser Kategorie zählen etwa Muster wie die Bombardier CRJ-550. Technikvorstand Ben Stabler sagte, die Auslegung der ES-36 beruhe unmittelbar auf den Erfahrungen mit Entwurf, Bau, Erprobung und Flugbetrieb des Demonstrators X1.
Erstflug 2028, Indienststellung 2031
Heart baut das erste Vorserienflugzeug der ES-36 derzeit im Pilotwerk in Los Angeles. Der Erstflug ist für die zweite Jahreshälfte 2028 geplant. Nach der Zulassung durch die US-Luftfahrtbehörde FAA nach Part 25 soll das Muster 2031 in Dienst gehen.
Mitte August hatte Heart mit dem batterieelektrischen Demonstrator X1 den Erstflug absolviert. Die viermotorige Maschine gilt als das größte bislang geflogene Batterieflugzeug. Sie war ursprünglich als Technologieträger für die ES-30 ausgelegt worden, die als hybrid-elektrisches Regionalflugzeug mit 30 Sitzen geplant war.
Das in Schweden gegründete Unternehmen hatte 2025 seinen Sitz nach Los Angeles verlegt. Die Kaufzusagen summieren sich nach Angaben von Heart auf mehr als neun Milliarden US-Dollar ([Umrechnung in Euro]). Zu den Kunden zählen neben JSX auch SAS, United Airlines und Air Canada. Ursprünglich wollte Heart Aerospace ein reines Elektroflugzeug bauen. Später gab es dann ein Redesign vom elektrisch betriebenen 19-Sitzer zum hybridbetriebenen, vierstrahligen 30-Sitzer.
Auch andere Hersteller arbeiten an kostengünstigen und emissionsarmen Flugzeugen für Kurzstrecken zwischen kleineren Flughäfen. Das Start-up Electra aus dem US-Bundesstaat Virginia entwickelt mit der EL9 Ultra Short ein hybrid-elektrisches Flugzeug für neun Passagiere, das bis Anfang 2028 erstmals fliegen soll.
JSX mit Sitz in Dallas wurde 2016 gegründet und betreibt als sogenannter Public-Charter-Carrier Flüge ab eigenen, privaten Terminals. Die Airline bedient 29 Flughäfen in den USA und Mexiko. Ihre Flotte umfasst 56 Flugzeuge der ERJ-Familie und vier ATR 42-600, die jeweils mit 30 Sitzen ohne Mittelplatz ausgestattet sind.