Die Europäische Union will ihre Abhängigkeit von Kerosin aus dem Nahen Osten reduzieren und prüft, ob Importe aus den USA die Versorgung stabilisieren können. Das berichtet eine mit den Planungen vertraute Person, die nicht namentlich genannt werden wollte.
Entsprechende Leitlinien sollen kommende Woche veröffentlicht werden. Eine Sprecherin der Europäischen Kommission bestätigte, dass Brüssel nächste Woche eine Reaktion auf die Energiekrise vorstellen werde – einschließlich Maßnahmen für Kerosin.
Die Verfügbarkeit von Treibstoff sei "das vorrangige Anliegen", sagte die Kommissionssprecherin. Sollte die Straße von Hormus weiter für Kraftstofftransporte gesperrt bleiben, könnte die EU eine koordinierte Freigabe von Kerosinreserven der Mitgliedstaaten einleiten.
Flugausfälle ab Ende Mai möglich
IATA-Generaldirektor Willie Walsh warnte vergangene Woche, Flüge in Europa könnten ab Ende Mai wegen Kerosinmangels gestrichen werden. Airlines reduzieren bereits Frequenzen und lassen einzelne Maschinen am Boden.
Die geplanten EU-Leitlinien sollen laut der mit den Vorgängen vertrauten Person auch praktische Handreichungen für Airlines bei Versorgungsengpässen enthalten: etwa zur Frage der Slot-Verluste bei Flugstreichungen und zur sogenannten Anti-Tankering-Regel, die verhindern soll, dass Flugzeuge günstigeres Kerosin an einem Standort bevorraten.
Außerdem soll geklärt werden, ob ein Treibstoffmangel als außergewöhnlicher Umstand gilt, der Airlines von Entschädigungszahlungen bei Stornierungen befreit. Forderungen der Branche nach Änderungen oder einer Aussetzung des Emissionshandelssystems (ETS) und der SAF-Quoten lehnte die Kommission demnach ab.
US-Kerosin als Alternative
Europa importiert zwischen 30 und 40 Prozent seines Kerosinbedarfs, davon mindestens die Hälfte aus dem Nahen Osten. Die Leitlinien sollen deshalb auch auf eine stärkere Eigenversorgung über Nachhaltige Flugkraftstoffe (SAF) und synthetische Kraftstoffe setzen.
Gleichzeitig sollen die Logistik und der Einsatz von amerikanischem Jet-A-Kerosin geprüft werden, das in Europa bislang kaum verwendet wird, da es einen höheren Gefrierpunkt hat als der europäische Standard Jet A-1.
In großen Reiseflughöhen herrschen Temperaturen von bis zu minus 50 Grad Celsius – Jet A-1 bleibt dort zuverlässig flüssig, weshalb es für Langstrecken und Kälteeinsätze bevorzugt wird. Auch das Militär setzt auf den europäischen Standard.
Importe aus den USA und Nigeria sind im April bereits deutlich gestiegen. Wichtige Drehkreuze in Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland werden über die von der Nato betriebene CEPS-Pipeline mit europäischem Kerosin versorgt. Eine Antwort der Nato auf Fragen zur Logistik der Pipeline stand zunächst aus.
Raffinerie-Kapazitäten sollen kartiert werden
Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert Kerosinmangel ab Juni, falls Europa nur die Hälfte der sonst aus dem Nahen Osten bezogenen Mengen ersetzen kann. Einzelne Flughäfen haben vor Engpässen innerhalb von drei Wochen gewarnt, sollte die Straße von Hormus für Kraftstofftransporte geschlossen bleiben.
Die Kommission rechnet laut Informationen von Reuters damit, dass die Kerosinversorgung auch nach einer Öffnung der Meerenge angespannt bleiben dürfte.
Als weiteres Instrument plant die Kommission, die Raffineriekapazitäten für Ölprodukte in der EU systematisch zu erfassen und Maßnahmen einzuleiten, "um sicherzustellen, dass die bestehenden Raffineriekapazitäten voll ausgelastet und aufrechterhalten werden".
Der Iran hatte die Meerenge vergangene Woche nach einem Waffenstillstand im Libanon-Konflikt wieder geöffnet. US-Präsident Donald Trump erklärte jedoch, eine Seeblockade bleibe bis zu einem Abkommen mit Teheran in Kraft.