Die EU-Kommission hat einen Vorschlag zur Änderung der Marktstabilitätsreserve (MSR) des EU-Emissionshandelssystems (EU-ETS) vorgelegt. Kern der Initiative: Der bisherige Mechanismus, nach dem Zertifikate in der MSR oberhalb von 400 Millionen Tonnen unwiderruflich gelöscht werden, soll entfallen. Stattdessen würden diese Zertifikate als dauerhafter Puffer im System verbleiben.
EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra begründete den Schritt damit, die Widerstandsfähigkeit des CO₂-Markts gegenüber Volatilität zu erhöhen.
"Durch die Stärkung der Marktstabilitätsreserve erhöhen wir die Widerstandsfähigkeit des EU-Emissionshandelssystems gegenüber Volatilität und stellen sicher, dass es weiterhin die Dekarbonisierung vorantreibt, die Wettbewerbsfähigkeit unterstützt und saubere Investitionen fördert", erklärte er. Die Initiative geht auf eine Ankündigung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim Europäischen Rat im März zurück.
Die MSR ist ein automatischer Stabilisierungsmechanismus im EU-ETS. Übersteigt die Gesamtmenge der im Umlauf befindlichen Zertifikate – die sogenannte TNAC – den Schwellenwert von 833 Millionen Tonnen, werden 24 Prozent des Überschusses aus dem Auktionsvolumen in die Reserve verschoben. Fällt die Menge unter 400 Millionen Tonnen, werden 100 Millionen Zertifikate wieder in den Markt zurückgegeben. Bislang wurden MSR-Bestände oberhalb von 400 Millionen jährlich gelöscht – allein am 1. Januar 2023 waren es 2,5 Milliarden Zertifikate. Diesen Mechanismus will die Kommission nun aussetzen.
Der Reformvorschlag erfolgt vor der umfassenden Revision des EU-ETS, die für Juli geplant ist. Im März hatten zehn EU-Mitgliedstaaten in einem gemeinsamen Schreiben gefordert, die ETS-Reform zu beschleunigen. Politischer Druck kommt zudem aus der Industrie: Zahlreiche Branchen bezeichnen die aktuellen CO₂-Kosten als Wettbewerbsrisiko.
Für Airlines: indirekter Effekt auf ohnehin angespannte Kostenlage
Für Fluggesellschaften wirkt die MSR-Reform indirekt: Die Reserve unterscheidet nicht zwischen stationären Industrieanlagen und dem Luftverkehr, sie beeinflusst den Gesamtmarkt für EU-Emissionszertifikate (EUA). Laut einer Analyse von "S&P Global" könnten durch den Wegfall der Löschung bis Ende 2026 rund 42 Millionen zusätzliche Zertifikate im System verbleiben – mit einem leicht preisdämpfenden Effekt. BBVA-Analysten bewerten die Maßnahme für sich genommen jedoch als "unwahrscheinlich, EUA-Preise materiell zu senken".
Der EUA-Dezember-2026-Kontrakt fiel im März auf ein Elf-Monats-Tief von 66,65 Euro pro Tonne – getrieben vor allem durch allgemeine Reformsignale aus Brüssel. Prognosen für den Jahresverlauf gehen weit auseinander: Der Reuters-Konsens liegt bei 91 Euro, die Investmentbank ING bei 83 Euro. "BloombergNEF" sieht den EUA-Preis bis 2030 bei 145 Euro.
Für Airlines kommt die MSR-Reform zu einem Zeitpunkt erheblicher Kostensteigerung. Seit dem 1. Januar erhalten Fluggesellschaften keine kostenlosen Zertifikate mehr – der stufenweise Abbau der Gratis-Zuteilung, der 2024 begann, ist damit abgeschlossen. Der europäische Airline-Verband Airlines for Europe (A4E) schätzt die jährlichen ETS-Gesamtkosten seiner Mitglieder auf rund fünf Milliarden Euro bis 2030 – doppelt so viel wie 2024.
Die nächste entscheidende Weichenstellung ist für Juli terminiert: Dann muss die EU-Kommission bewerten, ob das ICAO-Programm Corsia wirksam genug ist, um die Pariser Klimaziele zu erfüllen. Fällt das Urteil negativ aus, dürfte die Kommission vorschlagen, das EU-ETS auf alle aus der EU abgehenden Flüge auszuweiten – mit erheblichen Folgen für die Wettbewerbsposition europäischer Carrier gegenüber Nicht-EU-Fluggesellschaften.