Boeing versucht, ein kurzfristig eingereichtes Schadensersatzgutachten von Lot Polish Airlines aus einem Gerichtsprozess auszuschließen. Das berichtete "CH-Aviation".
Der Flugzeughersteller argumentiert, die polnische Fluggesellschaft habe den revidierten Bericht zu spät eingereicht. Boeing bleibe dadurch nicht genügend Zeit zur Prüfung und Stellungnahme vor Prozessbeginn
In einem Eilantrag vom 10. Februar beim US-Bezirksgericht für den westlichen Bezirk von Washington forderte Boeing laut Angaben den Ausschluss des am 5. Februar vorgelegten Berichts. Der Prozess beginnt heute.
Boeing beantragt bei Richter Ricardo S Martinez, den Bericht von Lots Schadensersatzexperten Samuel Engel auszuschließen. Dessen Aussage solle auf einen früheren Bericht vom 28. Mai 2025 beschränkt werden.
Engel erhöhte in seinem jüngsten Bericht die von Lot geltend gemachten Gesamtschäden von 195,2 Millionen auf 203,6 Millionen US-Dollar (rund 165 Millionen bis 172 Millionen Euro). Die zusätzlichen 8,4 Millionen Dollar enthalten 1,7 Millionen Dollar an erhöhten Betriebskosten und 6,7 Millionen Dollar an Vorprozesszinsen.
Boeing erklärte, Lot habe zuvor sowohl dem Gericht als auch dem Unternehmen mitgeteilt, keine Berechnung von Vorprozesszinsen vorlegen zu wollen.
Die Frist für Sachverständigengutachten endete im September 2024. Ergänzende Gutachten waren spätestens 30 Tage vor Prozessbeginn fällig. Mit der Einreichung am 5. Februar habe Lot selbst bei großzügigster Auslegung die Frist um mehr als zwei Wochen verpasst, argumentierte Boeing.
Lot fordert 250 Millionen Dollar Schadensersatz
Lot Polish Airlines hatte Boeing im Oktober 2021 verklagt und 250 Millionen Dollar Schadensersatz gefordert. Die Airline wirft dem Hersteller falsche Darstellungen und Unterlassungen bezüglich Sicherheit und Lufttüchtigkeit der Boeing 737 Max 8 vor.
In der Klageschrift behauptet Lot, Boeing habe die 737 Max 8 überstürzt auf den Markt gebracht, um Marktanteile im Segment der Schmalrumpfflugzeuge zu schützen. Der Hersteller habe Profit über Sicherheit und Kundeninteressen gestellt.
Lot behauptet, Boeing habe die Airline in dem Glauben gelassen, die Max sei sicher, lufttüchtig und im Wesentlichen identisch mit dem früheren Modell 737 Next Generation. Dies habe Lot veranlasst, die Max anstelle zusätzlicher NG- oder A320-Neo-Flugzeuge zu erwerben.
Lot wirft Boeing vor, wesentliche Designänderungen verschwiegen zu haben. Dazu gehört die Einführung des Manoeuvring Characteristics Augmentation System. Dieses Flugsteuerungssoftware-System habe es bei früheren 737-Modellen nicht gegeben. MCAS habe auf Daten eines einzigen Anstellwinkelsensors basiert und könne das Flugzeug ohne Piloteneingabe in einen Sturzflug zwingen, wenn es durch fehlerhafte Daten ausgelöst werde.
Nach zwei tödlichen Abstürzen, Lion-Air-Flug-610 im Oktober 2018 und Ethiopian-Airlines-Flug-302 im März 2019, hatten Luftfahrtbehörden die Max fast zwei Jahre lang gegroundet.
Lot erklärt, das Flugverbot habe die Airline gezwungen, Flüge zu streichen, Passagiere zu entschädigen, Mitarbeiter weiter zu bezahlen und weniger geeignete Ersatzflugzeuge zu beschaffen. Dies habe erhebliche finanzielle Verluste verursacht.
Die Fluggesellschaft behauptet, sie hätte keine Leasingverträge für die Max abgeschlossen, wenn sie gewusst hätte, dass das Flugzeug nicht lufttüchtig sei. Lot macht Boeing für Schäden verantwortlich, die aus vorsätzlichen und fahrlässigen Falschdarstellungen und Unterlassungen resultierten.
Lot betreibt derzeit 24 Boeing 737 Max 8, alle von verschiedenen Leasinggebern. Sechs weitere sind bestellt. Boeing lehnte eine Stellungnahme ab. Lot war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.