Der Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) hat am Mittwoch seine "Vorausschau auf das Luftverkehrsangebot Oktober 2026 bis März 2027" veröffentlicht. Laut dem Bericht wächst das Sitzplatzangebot in Deutschland im Winterhalbjahr nicht mehr.
Die Airlines planen im Verkehr von und nach Deutschland sowie auf Inlandsstrecken mit 112,3 Millionen Sitzen und damit mit ebenso vielen wie im Vorjahreszeitraum. Das entspricht 85 Prozent des Angebots im Winter 2018/2019.
Im übrigen Europa bauen die Fluggesellschaften ihre Kapazität im selben Zeitraum um vier Prozent aus und kommen auf 116 Prozent des Referenzwerts. Nach Berechnung des Verbands liegt der Erholungsgrad dort im Schnitt 31 Prozentpunkte über dem deutschen. Für Europa einschließlich Deutschland ergibt sich ein Plus von drei Prozent und ein Wert von 109 Prozent.
Der BDL führt die Entwicklung auf eine doppelte Belastung des Standorts zurück. Neben den hohen Kerosinpreisen schlügen die staatlichen Standortkosten zu Buche, die in Deutschland über dem europäischen Durchschnitt liegen würden. Zusätzliche Flüge bieten die Airlines deshalb vor allem in anderen europäischen Ländern an.
Punkt-zu-Punkt-Airlines meiden Deutschland
Besonders groß ist der Abstand bei den Punkt-zu-Punkt-Airlines, zu denen der BDL unter anderem Eurowings, Easyjet, Ryanair und Wizz Air zählt. Ihr Angebot ab Deutschland wächst um drei Prozent, erreicht aber nur 78 Prozent des Werts von 2018/2019. Im restlichen Europa kommen diese Carrier auf 143 Prozent und liegen damit 65 Prozentpunkte vor dem deutschen Wert. Ihr Marktanteil beträgt dort 42 Prozent, in Deutschland 28 Prozent.
Die europäischen Netzwerk-Airlines, die mit 44 Prozent den größten Anteil am deutschen Markt halten, verringern ihre Kapazität um fünf Prozent und erreichen 75 Prozent des Referenzwerts. Die außereuropäischen Netzwerk-Carrier bieten ein Prozent weniger Sitze an und kommen auf 95 Prozent.
Einziges Segment deutlich über dem früheren Niveau sind die touristischen Airlines, darunter Condor, Discover Airlines, Tuifly und Sun Express. Sie steigern ihr Angebot um zwölf Prozent und erreichen 151 Prozent des Werts von 2018/2019. Ihr Marktanteil in Deutschland liegt bei 16 Prozent.
Eine Boeing 737 von Tuifly beim Start. : Seitliche Aufnahme einer hellblau-weißen Boeing 737 der TUIfly beim Abheben. Das Flugzeug ist leicht geneigt, das Fahrwerk noch sichtbar. Im Vordergrund grünes Gras, im Hintergrund unscharfes Terminal und weitere Maschinen unter einem bewölkten Himmel. © Flughafen Stuttgart
Inlandsverkehr bricht weiter ein
Am stärksten geht das Angebot im innerdeutschen Verkehr zurück. Es sinkt um acht Prozent auf 7,7 Millionen Sitze und erreicht nur noch 42 Prozent des Werts von 2018/2019. Auf den Inlandszubringern zu den Drehkreuzen Frankfurt und München streichen die Airlines zehn Prozent der Sitze, dort liegt das Angebot bei 53 Prozent. Die dezentralen Inlandsverbindungen, die keines der beiden Drehkreuze berühren, wachsen um vier Prozent, erreichen mit 1,1 Millionen Sitzen aber nur 18 Prozent des früheren Umfangs.
Auf der Kurz- und Mittelstrecke steigt die Kapazität um ein Prozent auf 84,8 Millionen Sitze, was 91 Prozent des Referenzwerts entspricht. Die Verbindungen nach Westeuropa verlieren fünf Prozent und liegen bei 72 Prozent. Ziele in Nordafrika und der Levante legen dagegen um 16 Prozent zu und erreichen 146 Prozent. Südeuropa wächst als größter Einzelmarkt mit 37,9 Millionen Sitzen um zwei Prozent und übertrifft mit 107 Prozent das frühere Niveau.
Auf der Langstrecke bieten die Airlines 19,7 Millionen Sitze an, ein Prozent mehr als im Vorjahr und 97 Prozent des Referenzwerts. Nach Nordamerika, dem größten Langstreckenmarkt, wächst das Angebot ebenfalls nur um ein Prozent. Richtung Mittlerer Osten und Zentralasien sinkt es um acht Prozent. Die Region ist nach Angaben des BDL zum Teil von der derzeitigen Krise betroffen. Lateinamerika wächst um zwölf Prozent, bleibt mit 1,3 Millionen Sitzen aber ein kleiner Markt.
Drehkreuze verlieren, kleine Flughäfen wachsen
In Frankfurt und München geht das Angebot um jeweils zwei Prozent zurück. Frankfurt kommt mit 18 Millionen Sitzen auf 85 Prozent des Werts von 2018/2019, München mit 12,2 Millionen Sitzen auf 81 Prozent.
Als Gründe für den Rückstand der großen Standorte nennt der Verband das geringe Angebot der Punkt-zu-Punkt-Airlines, den Wegfall des dezentralen Inlandsverkehrs, gestrichene Zubringer zu den Drehkreuzen sowie Anpassungen an die geopolitische Lage. Die Anbindung dieser Flughäfen sei dadurch stark eingeschränkt.
Weit über dem Niveau von 2018/2019 liegen dagegen kleinere Flughäfen mit höchstens 1,1 Millionen Sitzen im Berichtszeitraum. Memmingen erreicht 250 Prozent, Weeze 198 Prozent, Karlsruhe/Baden-Baden 182 Prozent und Dortmund 154 Prozent. Nach Angaben des BDL setzen Punkt-zu-Punkt-Airlines an diesen Regionalflughäfen mit etwas niedrigeren Standortkosten in überschaubarem Maß zusätzliche Kapazität ein, vor allem für Besuchsreisen zu Freunden und Verwandten sowie für touristische Ziele.
Die Vorausschau bildet das zum Zeitpunkt der Erstellung geplante Angebot ab. Kurzfristige Streichungen etwa wegen Wetter oder Streiks sind nicht enthalten. Der BDL erfasst frei buchbare Sitze, Charterflüge in der Regel nicht. Europa umfasst in der Auswertung die EU-Staaten, den Europäischen Wirtschaftsraum und Großbritannien.
