Am Flughafen Sydney kommt es häufiger zu gefährlichen Annäherungen zwischen Flugzeugen als an jedem anderen großen Flughafen Australiens. Die Rate liegt rund 20 Prozent über dem nationalen Durchschnitt, wie die australische Flugunfalluntersuchungsbehörde Australian Transport Safety Bureau (ATSB) feststellte.
Grundlage des Befunds ist eine statistische Auswertung des ATSB zu Zwischenfällen auf Start- und Landebahnen an den großen Flughäfen Australiens zwischen 2016 und 2026. Demnach verzeichnete Sydney seit der Corona-Pandemie die höchste sogenannte Konfliktrate je Flugbewegung.
Zugleich untersucht die Behörde sechs Vorfälle am Flughafen aus Juli und August, bei denen die Personalausstattung der Flugsicherung eine zentrale Rolle spielt.
Am Mittwoch legte das ATSB vier vorläufige Berichte vor. Darin stufte die Behörde eine Beinahe-Kollision zweier Qantas-Flugzeuge Ende Juli als eine der schwersten Runway Incursions in ihrer Geschichte ein. Nach Angaben des ATSB verfehlten sich eine Boeing 737 und eine Bombardier DHC-8 um nur 120 Meter.
"Eine Beinahe-Kollision zwischen einer Dash 8 und einer Boeing 737 wurde als Runway Incursion eingestuft, die schwerwiegendste Stufe auf der internationalen Skala und erst der dritte derartige Vorfall in Australien seit Beginn unserer Aufzeichnungen im Jahr 2003", sagte ATSB-Kommissar Angus Mitchell auf einer Pressekonferenz.
Bei einem weiteren untersuchten Vorfall im August musste ein rollender Airbus A320 der Qantas-Tochter Jetstar abrupt bremsen, um nicht mit einer leeren Boeing 777 der Qatar Airways zusammenzustoßen, die gerade geschleppt wurde. Ein Mitglied der Jetstar-Kabinenbesatzung brach sich durch den abrupten Stopp das Handgelenk.
Personalsituation im Tower Sydney rückt in den Mittelpunkt
Das ATSB wies darauf hin, dass die vorläufigen Berichte keine Befunde oder Analysen enthielten. Diese folgten erst mit den Abschlussberichten. Nach Angaben Mitchells prüft die Behörde aber den Mangel an Fluglotsen als Ermittlungsansatz.
"Die Personalausstattung im Tower Sydney hat sich als wiederkehrender Ermittlungsansatz herausgestellt ... insbesondere die Praxis, operative Funktionen zusammenzulegen, der routinemäßige Rückgriff auf Überstunden zur Besetzung von Schichten sowie Ausbildungs- oder Aufsichtstätigkeiten, die parallel zu operativen Aufgaben stattfinden", sagte Mitchell.
Zuvor war bereits berichtet worden, dass mehrere der diensthabenden Fluglotsen als stark ermüdungsgefährdet eingestuft worden waren.
Qantas teilte mit, Sicherheit habe für die Airline oberste Priorität. Man arbeite eng mit den Behörden und der Branche zusammen, um den Flugsicherungsbetrieb am Flughafen Sydney zu verbessern. "Die australische Luftfahrt operiert unter einem hochentwickelten Netz von Sicherheitskontrollen, und wir vertrauen weiterhin auf diese Systeme", sagte Mark Cameron, Leiter der Betriebssicherheit bei Qantas.
Die australische Flugsicherung Airservices Australia hatte erklärt, sie ergreife Maßnahmen, um mehr Fluglotsen einzustellen und bei Bedarf leichter auf zusätzliches Personal zurückgreifen zu können.