Deutschland verhandelt nach Angaben der Bundesregierung dringend mit mehreren ölexportierenden Ländern über eine Alternativversorgung für die Raffinerie PCK Schwedt. Auslöser ist die Ankündigung Russlands, ab 1. Mai die Lieferung kasachischen Rohöls über die Druzhba-Pipeline nach Deutschland einzustellen.
Kasachstan steuert 17 Prozent der Rohölversorgung der Anlage bei. Die Gesamtölversorgung Deutschlands sei dennoch nicht in Gefahr, erklärte eine Regierungssprecherin.
BER direkt betroffen
Für den Flughafen Berlin Brandenburg (BER) hat die Lage unmittelbare Bedeutung: Das Kerosin für den BER kommt hauptsächlich über eine Pipeline von der Raffinerie PCK Schwedt, die rund 80 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt liegt, über das Tanklager Seefeld. Gerät diese Lieferkette ins Stocken, trifft das den Flughafen direkt.
"Bislang haben die Fluggesellschaften keine Flüge zum BER aufgrund von Kerosinmangel gestrichen oder uns gegenüber entsprechende Maßnahmen angekündigt", sagte ein Sprecher der Flughafengesellschaft dem "Handelsblatt" (Donnerstagsausgabe). "Zu der Situation durch die angekündigte Unterbrechung der Pipeline liegen uns keine weiteren Erkenntnisse vor."
Der Sprecher wies zudem darauf hin, dass der BER keinen direkten Einfluss auf die Treibstofflogistik habe. Das Tanklager am BER werde von einer privaten Infrastrukturgesellschaft betrieben, der nach eigenen Angaben "keine Lieferengpässe bekannt" seien. "Belieferung, Lagerung und die weitere operative Versorgung liegen bei den dafür zuständigen Mineralölunternehmen und ihren Vertragspartnern."
Als Alternative steht die Schiene bereit: Kerosin kann auch per Eisenbahn-Kesselwagen nach Berlin geliefert werden. Das ermöglicht einen Anbieterwechsel und schafft eine zweite Lieferoption.
Deutschlands Kerosinversorgung im Überblick
Deutschland verfügt über acht Raffinerien, die Flugkraftstoff produzieren. Zusammen produzieren die deutschen Anlagen rund 50 Prozent des nationalen Kerosinbedarfs.
Deutsche Raffinerien und ihre Standorten : Die Karte zeigt Deutschland mit markierten Raffineriestandorten, Rohöl- und Produktpipelines sowie Leitungsbetreibern. Zahlen und Symbole geben Verarbeitungskapazitäten und stillgelegte Anlagen an. © en2x
Den Rest bezieht Deutschland primär aus der sogenannten ARA-Region – dem Raum Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen, dem Herzstück der europäischen Mineralölversorgung. Der ARA-Raum ist seinerseits auf Importe aus dem Nahen Osten angewiesen. Ein Engpass dort würde Deutschland also mittelbar treffen, auch wenn die eigenen Raffinerien weiterlaufen.
Pipelines und Reserven als Sicherheitsnetz
Von den Raffinerien zu den Flughäfen kommen vor allem Pipelines und Züge zum Einsatz. Das wichtigste Pipeline-System für Kerosin in Mitteleuropa ist das CEPS – Central Europe Pipeline System. Es umfasst 5300 Kilometer Leitungen durch fünf europäische Länder, ursprünglich von der Nato im Kalten Krieg errichtet. Heute ist über 90 Prozent der Nutzung zivil.
Als strategisches Sicherheitsnetz hält der Erdölbevorratungsverband (EBV) aktuell 1,1 Millionen Tonnen Jet-Treibstoff als Reserve vor – ausreichend für mehr als 90 Tage. Ein Teil dieser Reserven wurde bereits auf europäischer Ebene freigegeben. Die Bundesregierung bekräftigt: Die Versorgung sei gesichert, solange die Lieferungen aus der ARA-Region nicht erheblich stocken. Die Luftfahrtbranche fordert derweil ein weitergehendes Krisenpaket – unter anderem die Freigabe strategischer Reserven und befristete Zugangsrechte zum CEPS-Netz.