Die US-Flugunfallermittler der NTSB haben ihren vorläufigen Bericht zum tödlichen Frachter-Unfall in Miami vorgelegt. Die Boeing 767 der Frachtairline "21 Air" setzte bei ihrem Unfall Anfang September in Miami demnach weit hinter der Landeschwelle und mit zu hoher Geschwindigkeit auf.
Zudem machte der zuständige Fluglotse bei der Landefreigabe keine Angaben zum Wind, obwohl die Vorschriften der US-Luftfahrtbehörde FAA dies verlangen. Das sind die zentralen Erkenntnisse, die das NTSB am Donnerstag veröffentlicht hat. Zum Unfallzeitpunkt gegen 13:53 Uhr Ortszeit meldete die Wetterstation des Flughafens demnach Wind aus 190 Grad mit 17 Knoten, Böen bis 26 Knoten sowie Gewitter.
Der Lotse hatte der Maschine die Landefreigabe rund 22 Kilometer vor der Schwelle der Bahn 30 gegeben, ohne Windrichtung und Windgeschwindigkeit zu nennen. Die FAA-Vorschriften verlangen das, sobald eine Rückenwindkomponente besteht.
Rund vier Minuten zuvor hatte der Lotse zwar einem anderen Flug Wind aus 190 Grad mit 19 Knoten und Böen bis 22 Knoten genannt. Die "21 Air"-Besatzung war zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht auf der Frequenz.
Bei dem Unfall waren fünf Menschen am Boden ums Leben gekommen. Die Maschine war über das Bahnende hinausgerollt und hatte auf einer Flughafenrandstraße einen Kleinbus mit sieben Insassen erfasst. Fünf von ihnen starben, zwei wurden schwer verletzt. Auf einer angrenzenden öffentlichen Straße traf der Frachter zudem einen Geländewagen, dessen einziger Insasse schwere Verletzungen erlitt. Die beiden Piloten wurden leicht verletzt.
Aufsetzpunkt rund 1140 Meter hinter der Schwelle
Nach Daten des Flugdatenschreibers und des Ortungssystems ADS-B überflog die Maschine die Schwelle in rund 105 Fuß Höhe. Ihre Geschwindigkeit über Grund lag dabei bei 177 Knoten (rund 330 km/h). Sie setzte rund 1140 Meter hinter der Schwelle mit 160 Knoten auf (knapp 300 km/h). Die Bahn 12/30 ist einschließlich der versetzten Schwelle rund 2850 Meter lang. Ein Notauslaufsystem aus nachgebendem Material (EMAS) gibt es am Ende der Bahn 30 nicht.
Auch die weiteren Abläufe konnta das NTSB rekonstruieren. Die Bremsklappen blieben den Daten zufolge während der gesamten Landung eingefahren, die Schubumkehr wurde nicht aktiviert. Die Radbremsen betätigte die Besatzung bei 146 Knoten. Rund acht Sekunden später wurden die Bremspedale bei 120 Knoten wieder gelöst, und die Schubhebel beider Triebwerke gingen auf Takeoff/Goaround.
Zu diesem Zeitpunkt blieben noch rund 280 Meter Bahn. Nach den Aufzeichnungen des Stimmenrekorders hatte der Kapitän nach dem Aufsetzen das Durchstarten angeordnet. Etwa vier Sekunden später ging der Schub wieder auf Leerlauf zurück, und die Besatzung bremste erneut. Bis zum Bahnende blieben da noch rund 130 Meter.
Die Maschine überschoss die Bahn anschließend mit 113 Knoten und prallte gegen den Landekurssender und die Anflugbefeuerung am Nordwestende. Rund 370 Meter hinter der befestigten Fläche kam sie zum Stehen.
Co-Pilot warnte vor zu hoher Geschwindigkeit
Bereits zuvor hatte die Behörde die Gespräche im Cockpit veröffentlicht. Nun ist auch klar, wer dabei sprach. Den Aufzeichnungen des Stimmenrekorders zufolge hatte der Erste Offizier gut anderthalb Minuten vor dem Ende der Aufnahme darauf hingewiesen, dass die Maschine zu schnell sei. Bis zum Schluss äußerte er sich wiederholt zur überhöhten Geschwindigkeit.
Eine Antwort des Kapitäns, der die Maschine flog, gab es nach Angaben der NTSB nicht. Im Endanflug warnte zudem das Bodenannäherungswarnsystem mehrfach vor zu hoher Sinkrate und zu geringer Höhe.
Der Kapitän hatte die Musterberechtigung für die Boeing 767 erst im Mai erworben und war seit April bei "21 Air" beschäftigt. Von seinen rund 7300 Flugstunden entfielen nur 150 auf das Muster. Der Erste Offizier kam dagegen auf rund 2800 Flugstunden, davon 800 auf der 767. Beide flogen an diesem Tag zum ersten Mal zusammen.
Die Untersuchung dauert an. Die NTSB will die Flugdaten in eine Flugleistungsstudie einfließen lassen, um den Ablauf von Anflug und Landung genauer zu rekonstruieren.
Amazon setzt Zusammenarbeit mit "21 Air" aus
Amazon hat die Zusammenarbeit mit "21 Air" nach dem Unfall ausgesetzt. Der Onlinehändler erklärte, er unterstütze die laufende Untersuchung weiterhin. "21 Air" teilte mit, die Unternehmensführung befasse sich aktiv mit der Steuerung operativer Risiken und fördere eine Kultur der Verantwortlichkeit und kontinuierlichen Verbesserung. Die Airline prüfe den vorläufigen Bericht und werde auf Grundlage der festgestellten Fakten alle angemessenen Schritte ergreifen, um die Sicherheit zu verbessern. Die FAA äußerte sich zunächst nicht.
Flug 7598 war ein Inlandsfrachtflug im Auftrag von Amazon aus San Juan in Puerto Rico. Für die Maschine war es der dritte Flug des Tages, zuvor war sie von Cincinnati nach Miami und von dort nach San Juan geflogen. Die Boeing 767-300 war 1994 als Passagierflugzeug gebaut und 2016 zum Frachter umgerüstet worden. Sie hatte rund 110.000 Flugstunden und gut 24.500 Zyklen absolviert.