Die Piloten haben nach dem Aufsetzen in Miami offenbar noch versucht, die Landung abzubrechen und durchzustarten. Das geht nach Angaben der US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB aus der Auswertung des geborgenen Flugschreibers hervor.
NTSB-Vorsitzende Jennifer Homendy sagte, die Ermittler würden die beiden Piloten am Mittwoch befragen. Anschließend sollten Details aus dem Stimmenrecorder im Cockpit veröffentlicht werden.
Nach Angaben der Behörde setzten 30 Sekunden vor Ende der Aufzeichnung zunächst das Bugfahrwerk und das rechte Hauptfahrwerk bei einer Geschwindigkeit von 158 Knoten (rund 293 Kilometer pro Stunde) auf. 19 Sekunden vor Ende der Aufzeichnung berührte auch das linke Hauptfahrwerk bei 134 Knoten die Landebahn.
Wenige Sekunden später wurden die Bremsen gelöst und die Triebwerke auf einen Schubwert hochgefahren, der einem Durchstartmanöver entspricht – ein Hinweis darauf, dass die Besatzung noch spät versuchte, die Landung abzubrechen und wieder abzuheben.
Elf Sekunden vor Ende der Aufzeichnung reduzierte die Besatzung den Schub jedoch wieder auf Leerlauf und betätigte erneut die Bremsen. Am Ende der Aufzeichnung habe das Flugzeug nur noch eine Geschwindigkeit von 65 Knoten über Grund gehabt, teilte das NTSB mit. Hinweise auf den Einsatz von Störklappen oder Schubumkehr habe es in den Daten nicht gegeben.
Ermittlungen und Hintergrund
Homendy leitet ein Team von 32 Ermittlern, das am Flughafen Miami im Einsatz ist. Von den beiden nach dem Unfall gesperrten Start- und Landebahnen sei eine am Dienstagabend wieder für Starts in östlicher Richtung freigegeben worden.
Betroffen ist eine 32 Jahre alte Boeing 767, die im Auftrag des Amazon-Zustelldienstes Prime Air im Frachtverkehr eingesetzt und von der in Miami ansässigen Fluggesellschaft 21 Air betrieben wird. Das Flugzeug war am Sonntag über das Ende der Landebahn hinausgeschossen, rund 396 Meter weit gerollt und in zwei Fahrzeuge geprallt. Fünf Menschen kamen dabei ums Leben, fünf weitere wurden verletzt.
Das Frachtflugzeug befand sich nach Angaben des NTSB auf seinem dritten Flug des Tages. Es war zunächst von Cincinnati nach Miami und von dort weiter nach San Juan in Puerto Rico geflogen, bevor es von San Juan aus zum Unglücksflug nach Miami zurückkehrte. Der Absturz ereignete sich am Sonntag um 13:53 Uhr Ortszeit.
Der Kapitän, 55 Jahre alt, hatte im Mai die Musterberechtigung für die Boeing 767 erworben und kam auf 7145 Flugstunden. Der Erste Offizier, 37 Jahre alt, erhielt seine Musterberechtigung für den Flugzeugtyp im April 2025 und wies 2655 Flugstunden auf.