Wenn die Fußball-WM am Donnerstag beginnt, richten sich die Erwartungen der Tourismusbranche auf ein Rekordereignis. Die USA bereiten sich nach Angaben von US-Tourismusbeauftragtem Nick Adams auf die bestbesuchte Weltmeisterschaft der Geschichte vor.
Fluggesellschaften bieten zwischen Juni und Oktober rund eine Million zusätzliche Sitzplätze auf Verbindungen zwischen Europa und den USA an, wie Adams unter Berufung auf Zahlen des Dienstleisters Cirium mitteilte. Besucher dürften zudem rund fünf Prozent mehr Geld ausgeben als im Vorjahr.
Die Fifa erwartet rund 6,5 Millionen Besucher in den Stadien, etwa 40 Prozent davon aus dem Ausland. Nach Fifa-Schätzungen gibt ein Besucher während des Turniers durchschnittlich 416 US-Dollar (rund 360 Euro) pro Tag aus, bleibt im Schnitt zwölf Tage und besucht zwei Spiele.
Der Besucherstrom soll wirtschaftliche Impulse in Milliardenhöhe auslösen, von denen Hotels, Restaurants, Verkehrsunternehmen und der Einzelhandel profitieren.
Tourismusexperte: Normaltouristen werden verdrängt
Jürgen Schmude, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft, hält die Erwartungen grundsätzlich für nachvollziehbar, mahnt aber zur Differenzierung. "Normale Touristen werden verdrängt oder entscheiden sich in dieser Zeit für andere Reiseziele", sagte er.
Als entscheidenden Faktor sieht Schmude die Kosten. "Wenn Flugtickets teuer sind und die Hotelpreise stark steigen, schreckt das viele Reisende ab." Adams hält dagegen: Tickets für WM-Spiele seien für weniger als 300 US-Dollar erhältlich. Fanvertreter kritisieren die Preise hingegen als zu hoch.
Kein Buchungsboom aus Deutschland
Wie viele Reisende aus Deutschland eigens wegen der WM nach Nordamerika fliegen, kann der Deutsche Reiseverband (DRV) nicht beziffern. Ein Buchungsboom ist nicht erkennbar: Die Nachfrage nach USA-Reisen bleibe für den Sommer unter dem Vorjahresniveau.
Der Branchenzweite Dertour verkauft keine Reisepakete inklusive WM-Tickets, verzeichnet aber stabile Nachfrage nach individuellen Kombinationen aus Flügen, Hotels und zusätzlichen Aufenthalten in Nordamerika.
Berichte über politische Entwicklungen und Probleme bei der Einreise in die USA hätten für eine gewisse Zurückhaltung gesorgt, teilte Dertour mit. Adams sieht dafür keinen Anlass: 99,9 Prozent der Besucher würden herzlich empfangen.
WM als Werbeplattform für die USA
Das Turnier konzentriert sich vor allem auf die USA: Elf der 16 Austragungsorte liegen dort, darunter New York/New Jersey, Los Angeles und Miami. Die USA waren trotz eines Rückgangs der Besucherzahlen im vergangenen Jahr das beliebteste Fernreiseziel der Deutschen – daran dürfte sich laut DRV auch in diesem Jahr nichts ändern.
Langfristige Tourismuseffekte nach einer WM seien jedoch schwer nachzuweisen, sagte Schmude. Als positives Beispiel verwies er auf das "Sommermärchen" 2006 in Deutschland. Solche Entwicklungen ließen sich jedoch nicht ohne Weiteres übertragen. Fußballfans ließen sich von geopolitischen Spannungen erfahrungsgemäß weniger abschrecken als klassische Urlauber, ergänzte Schmude.