Boeing hat auf Jobportalen mehrere Vertragsstellen für Ingenieure und technisches Personal ausgeschrieben. Der Schritt gilt als jüngste Eskalation im Tarifstreit mit der Society of Professional Engineering Employees in Aerospace (SPEEA). Die Gewerkschaft vertritt Ingenieure und technische Angestellte in der Verkehrsflugzeugsparte des Konzerns.
Die SPEEA-Mitglieder hatten ein Tarifangebot Boeings erst kürzlich mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Konzern kündigte daraufhin an, für den Fall eines Streiks nach Auslaufen des aktuellen Tarifvertrags Anfang Oktober einen Notfallplan vorzubereiten. Die nun veröffentlichten Stellenanzeigen sind Teil dieser Planung.
Ein Streik der rund 17.000 SPEEA-Mitglieder könnte die Zertifizierung der Boeing 737 Max 10 und der Boeing 777-9 weiter verzögern. Beide Flugzeugtypen liegen bereits Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan zurück und sind bislang nicht im Liniendienst der Fluggesellschaften im Einsatz.
Ein Arbeitskampf der für die Zertifizierung zuständigen Ingenieure und technischen Mitarbeiter träfe den Konzern in einer Phase, in der sich Boeing weiterhin von Qualitäts- und Sicherheitsproblemen erholt. Diese Probleme waren nach einem Unfall an Bord einer nahezu neuen Boeing 737 Max im Januar 2024 offenkundig geworden.
Gewerkschaft bereitet Mitglieder auf möglichen Streik vor
SPEEA sei "hoffnungsvoll", dass sich der Flugzeughersteller und die Gewerkschaftsmitglieder auf einen neuen, vierjährigen Tarifvertrag einigen könnten, ohne dass es zu einem Streik komme, sagte SPEEA-Sprecher Bryan Corliss. "Es sieht allerdings so aus, als würden sich beide Seiten auf einen möglichen Streik vorbereiten", sagte er. "Bei uns gehört dazu, dass wir unsere Mitglieder darüber informieren, was sie im Falle eines Arbeitskampfs erwarten könnten. Boeing wiederum scheint 17.000 Menschen zu suchen, denen es egal ist, ob sie die Solidarität unter den Beschäftigten untergraben."
Boeing wollte sich zu den Vertragsstellenausschreibungen nicht äußern. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte: "Wir wollen eine Einigung erzielen, bevor der aktuelle Tarifvertrag ausläuft, und freuen uns darauf, gemeinsam mit SPEEA am Verhandlungstisch eine Lösung zu finden. Um die Geschäftskontinuität zu schützen und unsere Kunden zu unterstützen, setzen wir unsere Notfallplanung um, die auf ein breites Spektrum qualifizierter Ressourcen zurückgreift, bei fortgesetztem Fokus auf Sicherheit und Qualität."
Vorherige Tarifverhandlungen endeten in wochenlangen Streiks
Boeings vergangene zwei große Tarifverhandlungen mit Gewerkschaften hatten jeweils in langen Streiks geendet. 2024 legten rund 33.000 Mitglieder der International Association of Machinists and Aerospace Workers (IAM) in der Verkehrsflugzeugsparte sieben Wochen lang die Arbeit nieder. 2025 folgte ein 101 Tage langer Streik von etwa 3200 IAM-Mitgliedern in der Rüstungssparte des Konzerns.
Der Einsatz tausender Vertragskräfte kann nach Einschätzung von Corliss die Fortschritte gefährden, die Boeing seit dem Unfall mit der 737 Max bei der Behebung verbreiteter Qualitäts- und Sicherheitsmängel in der Fertigung seiner Verkehrsflugzeuge erzielt hat.