Analyse

Darum ist Air Berlin pleite (1)

17.08.2017 - 11:09 0 Kommentare

Air Berlin hat einen Antrag auf Insolvenz in Eigenregie gestellt. Die Bundesregierung hilft mit einem Millionenkredit, dass der Flugbetrieb aufrecht gehalten wird. Doch wie kam es überhaupt so weit?

Airbus-Flugzeug der Air Berlin. Foto: © AirTeamImages.com, Danijel Jovanovic

Neuordnung am Himmel: Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft ist pleite. Air Berlin hat einen Antrag auf Insolvenzverwaltung in Eigenregie gestellt. Der Bund gewährt dem Carrier einen Kredit über 150 Millionen Euro, damit, so die offizielle Aussage, der Flugbetrieb fortgeführt werden kann.

Die Insolvenz der Air Berlin lässt sich laut mehrerer Experten nicht auf ein spezielles Ereignis zurückführen. Vielmehr seien mehrere Momente prägend für die finanzielle Schieflage der Airline.

Laut Strategieberater Karl-Friedrich Müller hat Air Berlin den ersten Fehler bereits mit dem Erstflug am 28. April 1979 von Berlin-Tegel an das spätere Drehkreuz Palma de Mallorca gemacht: "Hier eine Boeing 707 einzusetzen, ist eine reine Pilotenentscheidung gewesen", resümiert der Müller, der fast 20 Jahre unter anderem in der Planung bei Lufthansa gearbeitet hat "Ein Langstreckenflugzeug war da fehl am Platz." Ein Jahr später "kehrt Vernunft ein", so Müller: Für die Kurz- und Mittelstrecke wird auf die kleineren Maschinen des Typs Boeing 737 umgeflottet.

"Mallorca-" und "City-Shuttle"

Dennoch bleibt Mallorca für Air Berlin ein wichtiger Markt. Im Mai 1998 hebt der sogenannte "Mallorca-Shuttle" des Carriers ab. Die Airline orientiert ihren Flugplan wie eine Linienfluggesellschaft am Kunden und macht Flüge einzeln buchbar. "Diese Strategie ist zweifelsohne von LTU kopiert. Dort wurde 1981 das Einzelplatzbuchungssystem erfunden, mit Erfolg", erläutert Müller. Und diesen Erfolg hat Air Berlin auch - fortan geht es im Sommer täglich auf die spanische Insel. Und dies vor allem von Sekundärflughäfen aus und damit nicht im direkten Wettbewerb zu den etablierten Anbietern - Raum für Wachstum.

Doch Air Berlin ist zu abhängig von der Touristik - zu saisonal bestimmt ist das Geschäft. 2002 entwirft die Airline daher den Plan des "City-Shuttles" und geht es direkt groß an: Air Berlin stürzt sich in London-Stansted mit einer Basis in den Wettkampf mit den Billigfliegern Ryanair und Easyjet. Doch es hakt im System des Berliner Carriers, es fehlt an Expertise. Flugplanung findet zum Teil noch per Hand statt, berichten Insider. Das einst als "Hybridmodell" gefeierte Konzept erwies sich als Fehlstrategie, so Experten.

Übernahme der dba

Die Lösung sollte im August 2006 kommen: Air Berlin übernimmt den Konkurrenten dba - eine Airline, die hauptsächlich innerdeutsche Routen bediente. 120 Millionen Euro soll laut Experten die Übernahme gekostet haben - viel Geld. Doch, so ist man sich in der Branche einig, wohl der beste Schritt, um sich Know-how und wichtige Slots für den "City-Shuttle" anzueignen.

Zwei Jahre lang "lernt" Air Berlin von der dba. 2008 wird der Zukauf zerschlagen und voll integriert - und übernimmt sogar das Schokoherz. Luftfahrtprofessor Christoph Brützel ordnet ein: "Bevor Air Berlin 2006 mit dem Ankauf der dba in das Geschäftsreisesegment eingestiegen ist, hatte sie sehr wettbewerbsfähige Kostenstrukturen und machte Gewinn."

War die LTU-Übernahme der Knackpunkt?

In der Zwischenzeit hat sich Air Berlin noch eine andere Airline einverleibt: die LTU. Die 1955 gegründete und inzwischen zum "National Carrier von NRW" aufgestiegene Airline geriet ab 2000 in wirtschaftliche Probleme. Die Eigentümer wechseln stetig, doch keiner bekommt die Situation in den Griff. Air Berlin kauft die LTU schlussendlich.

Die Marke verschwindet zwar vom Markt, aber sie existiert im Verborgenen weiter - bis heute. Angeblich benutzen bei Air Berlin bis heute einige Mitarbeiter lieber ihre alten LTU-Visitenkarten. Eine gelungene Integration sieht anders aus ...

"Der 27. März 2007 war ein ganz wesentlicher Knackpunkt", so Müller. "Da hat sich Air Berlin verhoben, denn eine LTU kann man nicht so einfach eingliedern, auch wenn sie der einzige Weg war, sich interkontinental aufzustellen."

Doch die beiden Übernahmen schufen auch an anderer Stelle ein Problem: Die Flotte der Air Berlin verdreifacht sich beinahe in drei Jahren. 2006 zählt sich noch gut 60 Flugzeuge, 2009 über 150 - darunter erstmals auch eine umfangreiche Langstrecken-Operation. "Das System, dass jede Entscheidung von Joachim Hunold persönlich abgesegnet werden muss, funktioniert nicht mehr", so Müller.

"Das ist auch der einzige Vorwurf, den ich ihm mache: dass er Entscheidungskompetenzen nicht schon an diesem Punkt abgegeben oder zumindest die Verantwortung auf mehrere Schreibtische verlagert hat." Erst 2011 verließ Hunold Air Berlin.

Die Kooperation mit Etihad

Im selben Jahr wird aus der bisherigen Kooperation zwischen Air Berlin und Etihad eine strategische Partnerschaft. Es fließen Millionen und der Golf-Carrier sagte weitere finanzielle Schützenhilfe zu. Luftfahrtexperte Michael Santo von der Unternehmensberatung HUZ sieht dies ebenfalls als kritischen Punkt in der Entwicklung. "Natürlich, Air Berlin brauchte Geld, Etihad gab es – die Hilfe war jedoch an Bedingungen geknüpft."

Nicht nur diktierten die Araber Air Berlin, Flüge zum Drehkreuz Abu Dhabi in den Flugplan aufzunehmen, auch steckten sie den Rahmen des Interkontinental-Netzes des Berliner Carriers neu ab, so Santo: "Asien war für Air Berlin tabu, da Etihad dort sehr aktiv ist – da bleibt als interessanter Markt nur noch Nordamerika." Doch da verdiene man nicht genug Geld – "der Preiskampf über den Nordatlantik ist hart. Alle Airlines bedienen die Strecken in die großen US-Metropolen und unterbieten sich mit Kampfpreisen."

© Zheng Zeng, Lesen Sie auch: Der Kampf um die Amerika-Strecken Hintergrund

Auch konnte Air Berlin wegen Etihad nie komplett die Vorzüge der Oneworld-Allianz nutzen. "Die Aversionen von American Airlines und auch British Airways gegenüber dem Golf-Carrier sind ja kein Geheimnis .." So besteht heute nicht mal mehr ein Codeshare mit American Airlins für den preislich so hart umkämpften Markt der Atlantikflüge. "Fazit: Die Partnerschaft mit Etihad sicherte Air Berlin bis zumetzt das Überleben – sie beschnitt aber auch massiv die Langstreckenoptionen. Alles nur ein Pyrrhussieg?"

Stornierung bei Boeing

Air Berlin trägt diese Lasten weiter mit sich herum - und sie werden mehr: 2014 storniert die Airline eine große Bestellung beim Flugzeugbauer Boeing. Es handelt sich um 15 Boeing 737 und die 18 noch nicht ausgelieferten "Dreamliner", die der Carrier medienwirksam 2007 orderte.

Mit der Abbestellung wollte Air Berlin die Finanzstruktur verbessern. "Hat sie auch", sagt ein Insider. "Immerhin muss sie die Milliarden nicht mehr aufbringen, um die Flugzeuge abzunehmen. Allerdings ist halt auch die Anzahlung pfutsch." Diese beziffert die Quelle auf mehr als 35 Millionen Euro. Air Berlin selbst bleibt im Geschäftsbericht 2014 sehr vage, was mit der Anzahlung passierte. Doch die Summe könnte noch viel höher sein: Dazu kommen noch Kosten aus Konventionalstrafen, schätzen Experten.

Air Berlin teilt auf Anfrage mit, sich nicht zu vertraglichen Details äußern zu wollen. Aus der damaligen Adhoc-Mitteilung geht hervor, dass Air Berlin zu keinen Ausgleichszahlungen verpflichtet sei. Allerdings sind Strafzahlungen laut Experten der übliche Weg bei einer Auftragsstornierung. "Boeing hat nichts zu verschenken. Sofern keine Strafzahlungen geflossen sind, ist Air Berlin den Amerikanern anders unter entgegen gekommen", so ein Insider. "Letztlich müssen deren Bücher auch stimmen."

Air Berlin hat viele Verpflichtungen

Über allem schwebt unter anderem auch noch ein Leasing-Deal mit Tuifly, der laut Insidern 2009 geschlossen wurde, 20 Jahre läuft und "wie ein Klotz am Bein der Air Berlin" hängt. "Aus diesem Deal kommt Air Berlin nun höchstwahrscheinlich raus", spekuliert Müller mit einem Augenzwinkern. "Wenn die Airline wirklich zerschlagen wird, muss auch das neu verhandelt werden."

Nicht zu vergessen sind auch die hohen Kosten, die Air Berlin offensichtlich für die Abwicklung von Buchungen hatte. Wo andere Airlines ein integriertes System zur Buchungsverwaltung hatten, gab es bei Air Berlin gleich mehrere, die auch noch alle Kosten verursachten. Ein Missstand, der laut Winkelmann Kosten von mehreren hundert Millionen Euro jährlich verursachte.

Seit Jahren nur Verluste

Air Berlin schreibt bei konstanter Auslastung von zuletzt über 85 Prozent seit 2008 rote Zahlen - unterbrochen nur von 2012, als der Carrier sein Bonusprogramm an Etiohad verkaufte. Im vergangenen Jahr verbuchte Air Berlin einen Verlust von rund 780 Millionen Euro. Im ersten Quartal verbrannte die Airline pro Tag mehr als drei Millionen Euro. Die Zahlen fürs zweite Quartal sollten ursprünglich am Freitag (18. August) präsentiert werden.

Netto-Ergebnisse von Air Berlin 2012 bis 2016
Angaben in Millionen Euro
2012 -73.6
2013 -74
2014 -376.6
2015 -446.6
2016 -781.9

Quelle: Unternehmensangaben

Viele Verspätungen, auch verursacht durch eine schlechte Performance des Bodenabfertigers Aeroground in Tegel, hatten offenbar viele Kunden von Buchungen abgehalten. In den ersten sieben Monaten hat Air Berlin rund 16 Prozent weniger Passagiere befördert als zwischen Januar und Juli 2016. Zugleich dünnte die Airline ihr Streckennetz aus, unter anderem weil rund 40 Maschinen im Wet-Lease für die Lufthansa Group abheben. Dies erkläre laut Experten allerdings nur ein Passagierminus von zehn Prozent.

Weitere Gründe für die Pleite

Lesen Sie auch, welche Rahmenbedingungen und externe Faktoren die Air-Berlin-Pleite verursacht haben:

© dpa, Ralf Hirschberger Lesen Sie auch: Darum ist Air Berlin pleite (2) Analyse

Von: cs
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Anzeige schalten »
  • Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Spohrs Pläne für Air Berlin

    Es ist offiziell: Lufthansa übernimmt große Teile der Air Berlin. Kranich-Chef Spohr skizziert nun seine weiteren Pläne für Billigtochter Eurowings. Außerdem spricht er über mehr Einfluss am Flughafen Düsseldorf und die Personalie Winkelmann.

    Vom 12.10.2017
  • Flugzeuge am Köln/Bonn Airport. Easyjet will Angebot für Air-Berlin-Anteile stutzen

    Eigentlich sollen in dieser Woche die Verhandlungen von Air Berlin mit Lufthansa und Easyjet abgeschlossen werden. Doch dass es zu einem unterschriftsreifen Vertrag mit dem britischen Billigflieger kommt, scheint unwahrscheinlich.

    Vom 09.10.2017

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Air Berlin Jobs Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »