Ein neuer Bericht der Beratungsfirma Klima Consulting, erstellt im Auftrag der Umweltorganisation "Transport & Environment" (T&E), sieht in der gezielten Vermeidung von Kondensstreifen eine Möglichkeit, die vom Luftverkehr verursachte Erderwärmung um ein Jahrzehnt hinauszuzögern.
Der Erwärmungsbeitrag des Luftverkehrs von 0,08 Grad Celsius, der für das Jahr 2040 erwartet werde, lasse sich damit bis 2050 verschieben, so der Bericht. Kondensstreifen tragen laut Bericht ähnlich stark zur Erderwärmung bei wie die CO2-Emissionen der Luftfahrt, gehen aber nur auf einen kleinen Teil aller Flüge zurück. Ihre Vermeidung sei deshalb eine besonders wirksame Klimaschutzmaßnahme.
Würden ab 2030 rund 50 Prozent aller Kondensstreifen konsequent vermieden, sänke die zusätzliche Erderwärmung der Modellrechnung zufolge bis 2050 um etwa 0,025 Grad Celsius. Bis zum Jahr 2070 beziffert der Bericht diesen Effekt auf 0,049 Grad Celsius.
Hält das Wachstum der Luftfahrt ungebremst an, dürfte sich ihr weltweiter Energiebedarf der Analyse zufolge zwischen 2019 und 2050 mehr als verdoppeln. Ließe sich die Kondensstreifen-Wirkung ausgehend vom heutigen Flugverkehr halbieren, könnten dadurch laut Bericht im Jahr 2025 zwischen sieben und 23 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes der Luftfahrt eingespart werden. Das entspräche in etwa dem, was 15 bis 50 Millionen benzinbetriebene Pkw pro Jahr ausstoßen.
Wenige Flüge verursachen einen Großteil der Wirkung
Flüge zur Vermeidung von Kondensstreifen umzuleiten oder anders zu planen, zählt dem Bericht zufolge zu den kosteneffizientesten Wegen, um die Klimafolgen des Luftverkehrs zu begrenzen. Wie der Bericht weiter zeigt, gingen 2019 rund 80 Prozent der Kondensstreifen-bedingten Erwärmung auf gerade einmal drei Prozent aller Flüge zurück – vor allem auf Flüge in der Nacht und im Winter.
"Kondensstreifen vermeiden ist eine einfache Klimamaßnahme mit großer Wirkung. Wir haben jetzt die einmalige Gelegenheit, diese Beschleuniger des Klimawandels in den Griff zu bekommen", sagte Anna Comino, Senior-Managerin für Luftverkehr, Kraftstoffe und Emissionshandel bei "T&E Deutschland". "Schon die Umleitung oder Umplanung von nur wenigen Flügen könnte die klimaschädlichen Auswirkungen der Luftfahrt auf die Erderwärmung um zehn Jahre verzögern. Dieses Zeitfenster sollten wir unbedingt nutzen, denn die Reduzierung von Kondensstreifen ist möglicherweise die einzige Chance für die Luftfahrt, die Klimaziele einzuhalten. Die Maßnahme funktioniert und ist kostengünstig – warum also widersetzt sich die Luftfahrtindustrie?", sagte Comino weiter.
Forderungen an EU
Verbindliche Regeln, mit denen sich die Nicht-CO2-Klimawirkungen des Luftverkehrs eindämmen ließen, existieren laut "T&E" bislang weder auf EU-Ebene noch international. Das gehe auch auf jahrelange Untätigkeit zurück. Die Luftfahrtbranche habe dies lange damit begründet, dass die Klimawissenschaft zu Kondensstreifen angeblich noch nicht ausreichend gesichert sei.
Die Europäische Kommission erfasst die Nicht-CO2-Emissionen des Luftverkehrs erst seit 2025. Im Zuge der Überarbeitung des EU-Emissionshandelssystems (EU-ETS) schlug sie zudem kürzlich vor, Fluggesellschaften kostenlose Emissionszertifikate zuzugestehen, wenn diese Kondensstreifen erfolgreich vermeiden.
"T&E" fordert von der EU, ab 2027 sämtliche Flüge in das Monitoring der Nicht-CO2-Emissionen einzubeziehen, um die wissenschaftliche Datengrundlage weiter zu verbessern. Zudem sollten EU-Parlament und Mitgliedstaaten laut "T&E" den Kommissionsvorschlag mittragen, wonach Airlines kostenlose ETS-Zertifikate bekommen, sofern sie Kondensstreifen erfolgreich vermeiden. Nach Ansicht von T&E sollte sich die Forschung künftig gezielt jenen offenen Fragen widmen, die einer wirksamen Kondensstreifen-Vermeidung noch im Weg stehen – etwa besseren Vorhersagen zur Luftfeuchtigkeit und einer satellitengestützten Kontrolle von Kondensstreifen in Echtzeit.
Der Bericht kündigt für diesen Winter einen ersten Praxistest im ozeanischen Luftraum an, an dem laut "T&E" unter anderem britische Behörden und Flugsicherungsorganisationen beteiligt sind. Ziel des Tests sei es, den Kondensstreifen-Effekt auf das Klima über dem Nordatlantik zu senken.