Der frühere Lufthansa-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley sieht im Tarifsystem des Konzerns sowie im deutschen Arbeitsrecht insgesamt dringenden Reformbedarf. Das sagte der Manager in einem Interview mit der "FAZ".
Allein die Betriebsvereinbarungen der Deutschen Lufthansa AG würden ausgedruckt mehr als 6000 Seiten umfassen, so Kley. Viele dieser Regelungen stammten noch aus den 1960er- und 1970er-Jahren, seien widersprüchlich und kaum noch zu durchschauen.
Kley bezeichnete Lufthansa neben der Deutschen Bahn als "Königin der Tarif- und Betriebsvereinbarungen". Der schiere Umfang und die historisch gewachsene Struktur der Regelwerke lähmten Fortschritte im Unternehmen, sagte er der Zeitung.
Selbstkritik nach Streikwelle zum Lufthansa-Jubiläum
Kley räumte zugleich eigene Versäumnisse während seiner Amtszeit ein. "Ich hätte versuchen sollen, durch frühzeitige Gespräche die Verhärtung der Situation zu verhindern", sagte er der "FAZ".
Hintergrund sind fünf aufeinanderfolgende Streiktage des Flugpersonals im Frühjahr, die die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen von Lufthansa überschattet hatten.
Kley hatte den Gewerkschaften Vereinigung Cockpit und Ufo damals vorgeworfen, mit ihrem Vorgehen den Bogen überspannt zu haben, und ihnen vorgehalten: "Selbstbezogenheit ersetzt Sozialpartnerschaft."
Kley war von 1998 bis 2006 Finanzvorstand von Lufthansa, kehrte 2013 als Aufsichtsrat in den Konzern zurück und stand dem Gremium seit 2017 vor. Im vergangenen Monat übergab der 75-jährige Manager das Amt an Johannes Teyssen. Über den Lufthansa-Konzern hinaus forderte Kley eine grundsätzliche Reform des deutschen Arbeitsrechts.