Die European Regions Airline Association (ERAA) hat auf ihrer Generalversammlung in Belfast den Bericht Annual Pulse 2026 vorgestellt. Danach entfällt ein Viertel der innereuropäischen Kapazität auf 440 Strecken, ein weiteres Viertel verteilt sich auf rund 5700 Routen mit geringem Passagieraufkommen. Auf fast vier von fünf Strecken mit weniger als 50.000 Sitzen im Jahr fliegt laut Bericht nur eine Airline.
Der Verband verbindet die Zahlen mit Forderungen an die Politik. Der Bericht soll zudem die Wettbewerbsfähigkeit stützen und Investitionen in die Dekarbonisierung ermöglichen.
"Europas Anbindung hängt nicht nur von den am stärksten frequentierten Routen ab, sondern von Tausenden regionalen Flugverbindungen, die Gemeinden, Unternehmen und öffentlichen Diensten auf dem ganzen Kontinent wichtige Verbindungen bieten, oft in Märkten mit wenigen oder gar keinen Alternativen", sagte ERAA-Generaldirektorin Montserrat Barriga.
"Deshalb zeigen die Schlagzeilenzahlen zum Wachstum des Luftverkehrs nur einen Teil der Geschichte", sagte Barriga. Um die Anbindung in Europa zu erhalten, brauche es ein Netz für Märkte jeder Größe. Flugzeugkapazitäten und Frequenzen seien auf die örtliche Nachfrage abzustimmen.
"Wenn politische Entscheidungsträger die Zukunft der europäischen Luftfahrt gestalten, ist es entscheidend, dass die Realitäten der regionalen Anbindung anerkannt werden. Der richtige Rahmen sollte Regionalairlines die Bedingungen geben, diese Verbindungen zu erhalten, mit Zuversicht in effizientere Flugzeuge zu investieren und Europas Regionen langfristig verbunden zu halten", sagte Barriga.
Weniger Flüge je Strecke, mehr Sitze je Flug
Der Bericht beschreibt vor allem einen Wandel im Angebot. Europäische Airlines haben in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der Sitze je Flug im Schnitt um 50 erhöht. Auf einer bedienten Route gibt es zugleich 40 Prozent weniger Flüge. Für manche Gemeinden sei deshalb eine regelmäßige Verbindung so wichtig wie die Zahl der verfügbaren Sitze, hieß es im Bericht. Grundlage der Kapazitäts- und Frequenzzahlen sind OAG-Daten aus dem Jahr 2025, die Airbus zur Verfügung stellte.
Strecken mit weniger als 50.000 Sitzen im Jahr machen nach der Analyse 42 Prozent der europäischen Kurzstreckenrouten aus, aber nur sechs Prozent der angebotenen Sitze. Das sind rund 2600 Verbindungen. Als Kurzstrecke gelten Routen unter 1000 Seemeilen, also rund 1850 Kilometer.
Bei Routen mit weniger als 150.000 Sitzen fliegt auf 73 Prozent nur eine Airline, bei größeren Routen auf 30 Prozent. Gezählt wird nach der vermarktenden Fluggesellschaft. Für Strecken mit wenig Nachfrage könne der Wegfall eines Anbieters den Verlust der gesamten Strecke bedeuten, schreibt die ERAA.
Wie IATA-Daten auf Basis von OAG zeigen, hatten 92 Prozent der Routen, die 2025 in Europa eingestellt wurden, weniger als 20.000 Sitze im Jahr. Die Zahl der Passagiere in Europa stieg nach IATA-Daten seit 2016 um 26 Prozent. Die Zahl der Airlines, die ausschließlich innerhalb Europas fliegen, ging im selben Zeitraum um 16 Prozent zurück.
Forderungen an die EU-Luftfahrtstrategie
Die ERAA richtet ihre Forderungen vor allem an die Überprüfung der EU-Luftfahrtstrategie durch die Europäische Kommission. Sie sei eine Chance, wie sie sich nur einmal in zehn Jahren biete, schreibt der Verband. Die Rolle und die Probleme der Regionalairlines hätten in der vorigen Strategie nicht die verdiente Aufmerksamkeit erhalten. Nach Angaben der ERAA wird die neue Strategie in Kürze erwartet.
Beim Luftverkehrsrecht verlangt der Verband, die EU-Verordnung 1008/2008 über Luftverkehrsdienste stärker auf die Anbindung auszurichten. Neue Berichts-, Sozial- oder Insolvenzpflichten lehnt er ab, wo bestehende Regeln ausreichen. Die Beihilfeleitlinien für Airlines seien nicht auf die Geschäftsmodelle von Regionalairlines zugeschnitten, kritisiert die ERAA. Für neue Strecken fordert sie flexible Beihilfen, die an klare wirtschaftliche und soziale Ziele geknüpft sind.
Bei Strecken mit gemeinwirtschaftlichen Verpflichtungen (Public Service Obligations, PSO) will der Verband die Ausschreibungen vereinfachen. Unterlagen sollen auch auf Englisch vorliegen, die Bündelung von Strecken soll erleichtert werden. Regionale und lokale Behörden sollen bei der Vergabe mehr Gewicht bekommen.
Zu den weiteren Forderungen zählen faire Bedingungen an den Flughäfen und ein neutraler Ticketvertrieb. Die Kommission soll dafür die Slot-Verordnung, die Flughafenentgelte-Richtlinie und die Richtlinie zur Bodenabfertigung überarbeiten. Außerdem soll sie den Digital Markets Act durchsetzen, damit Angebote regionaler Airlines in Buchungssystemen fair angezeigt werden. Die seit Langem laufende Überarbeitung der Fluggastrechteverordnung EU261 zeige, wie schwer sich Verbraucherschutz und regionale Wirtschaftlichkeit vereinbaren ließen, schreiben Barriga und Rungholm im Vorwort. Eine einheitliche Regulierung für alle funktioniere in einem so vielfältigen Netz nicht.
Als Belastung nannte ERAA auch die Kosten neuer Vorgaben. Europäische Airlines gaben 2024 nach IATA-Angaben 9,9 Milliarden Euro für die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben aus. Bis 2050 soll die Summe auf 33 Milliarden Euro steigen. Die Gebühr für die EU-Reisegenehmigung Etias hat die Kommission nach Darstellung des Verbands um 185 Prozent von sieben auf 20 Euro angehoben. Das verteuere den Zubringerverkehr aus Nicht-EU-Staaten.
Klimaschutz und Betrieb
Für den Klimaschutz verlangt ERAA ein EU-weites Book-and-Claim-System für nachhaltigen Flugkraftstoff (Sustainable Aviation Fuel, SAF). Airlines könnten damit SAF kaufen und dessen Klimawirkung geltend machen, unabhängig vom Ort der Lieferung. Das Fehlen eines solchen Systems sei eine große Lücke, vor allem für Airlines kleinerer Flughäfen und ohne Drehkreuz, heißt es im Vorwort. Biobasiertes SAF kostet nach Angaben der EASA das Drei- bis Fünffache von fossilem Kerosin.
Eine höhere Besteuerung von Kerosin lehnt die ERAA ab. Flugverbote auf Kurzstrecken, Kapazitätsgrenzen und nationale Luftverkehrsteuern bewertet sie als schädlich für die Anbindung. Einnahmen aus dem EU-Emissionshandel sollen in die Dekarbonisierung der Luftfahrt zurückfließen.