Indische Luftfahrtermittler werden die Jahresfrist für ihren Abschlussbericht zum Air-India-Absturz vom 12. Juni 2025 verpassen. Grund ist eine noch ausstehende Untersuchung der Triebwerke der abgestürzten Boeing 787 in den USA, wie "Bloomberg News" berichtete. Demnach ist der Abschlussbericht frühestens in drei Monaten zu erwarten – wenn die Untersuchung der GE-Aerospace-Triebwerke abgeschlossen ist.
Das Aircraft Accident Investigation Bureau (AAIB) werde voraussichtlich noch in dieser Woche einen Statusbericht veröffentlichen, der die Gründe für die Verzögerung darlegt, berichtete "Bloomberg" unter Berufung auf informierte Personen. Ein "Reuters" vorliegender Insiderbericht bestätigte, dass Indien die noch ausstehende Triebwerksuntersuchung als Hauptgrund für die Verzögerung angeben werde. Noch zuletzt hatte Indiens Zivilluftfahrtminister Ram Mohan Naidu erklärt, der Abschlussbericht solle rechtzeitig zur Jahresfrist vorliegen.
Die Untersuchung der Triebwerke findet in den USA statt, da es weltweit nur wenige Standorte gibt, die über das notwendige Werkzeug verfügen und die Triebwerke fachgerecht zerlegen können, so "Bloomberg" weiter.
Die Air-India-Boeing-787 auf dem Weg nach London war am 12. Juni 2025 kurz nach dem Start vom Flughafen Ahmedabad abgestürzt. Bei dem Unglück kamen 260 Menschen ums Leben – es war der tödlichste Flugunfall seit zehn Jahren und der erste Absturz einesr Boeing 787 überhaupt.
Triebwerke ohne Kraftstoff
Ein vorläufiger Untersuchungsbericht, der vergangenes Jahr veröffentlicht wurde, hatte ergeben, dass die sogenannten Fuel-Cutoff-Schalter beider Triebwerke der Boeing 787 kurz nach dem Abheben nahezu gleichzeitig von "RUN" auf "CUTOFF" umgestellt worden waren – und damit den Triebwerken den Treibstoff entzogen. Der Vorbericht enthielt keine Sicherheitsempfehlungen an Boeing oder GE Aerospace, was darauf hindeutet, dass zu diesem Zeitpunkt keine technischen Mängel festgestellt worden waren.
Die letzten Minuten von Flug AI171 – Sekunde für Sekunde
05:47 Uhr GMT – Air-India-787 VT-ANB landet als AI423 aus Neu-Delhi kommend in Ahmedabad.
07:48 Uhr GMT – Das Flugzeug verlässt Gate 34 am Flughafen.
07:55 Uhr GMT – Das Flugzeug fordert Rollfreigabe an, die von der Flugsicherung erteilt wird. Kurz darauf rollt die Maschine zur Startbahn 23.
08:02 Uhr GMT – Übergabe vom Boden- an den Turmkontrolldienst.
08:07 Uhr GMT – Startfreigabe erteilt.
08:07:37 Uhr GMT – Das Flugzeug beginnt mit dem Startlauf.
08:08:39 Uhr GMT – Abheben. "Die Luft-/Boden-Sensoren des Flugzeugs wechselten in den Luftmodus, was mit dem Abheben übereinstimmt", hieß es im Bericht.
08:08:42 Uhr GMT – Die Maschine erreicht ihre maximale Startgeschwindigkeit von 180 Knoten. "Unmittelbar danach wechselten die Kraftstoffabsperrhähne von Triebwerk eins und zwei nacheinander mit einem Zeitabstand von einer Sekunde von der Stellung 'RUN' in die Stellung 'CUTOFF'." Im Cockpit-Voice-Recorder ist zu hören, wie einer der Piloten den anderen fragt, warum er abgeschaltet habe. Der andere Pilot antwortet, er habe dies nicht getan. CCTV-Aufnahmen vom Flughafen zeigen, wie kurz nach dem Abheben die Ram Air Turbine ausgefahren wird.
08:08:47 Uhr GMT – Beide Triebwerke unterschreiten die Mindestleerlaufdrehzahl. Die Hydraulikpumpe der Ram Air Turbine übernimmt die Hydraulikversorgung.
08:08:52 Uhr GMT – Der Kraftstoffabsperrhahn von Triebwerk eins wird von CUTOFF auf RUN zurückgestellt.
08:08:56 Uhr GMT – Auch der Kraftstoffabsperrhahn von Triebwerk zwei wird auf RUN zurückgestellt. Die Triebwerks-Steuerungssysteme leiten automatisch eine Wiederzündungssequenz ein. Triebwerk eins beginnt sich zu erholen. Triebwerk zwei kann zünden, schafft es aber nicht, die Drehzahl ausreichend zu stabilisieren.
08:09:05 Uhr GMT – Einer der Piloten sendet "MAYDAY MAYDAY MAYDAY".
08:09:11 Uhr GMT – Aufzeichnung der Flugdaten endet.
08:14:44 Uhr GMT – Lösch- und Rettungsfahrzeuge verlassen das Flughafengelände Richtung Unfallstelle.
Piloten im Fokus der Ermittlungen
Cockpit-Aufzeichnungen, die "Reuters" bereits vergangenes Jahr zitiert hatte, legten laut früher Einschätzung US-amerikanischer Behörden den Verdacht nahe, der Kapitän habe den Kraftstofffluss zu den Triebwerken absichtlich unterbrochen. Das AAIB erklärte damals, es sei "zu früh für eindeutige Schlussfolgerungen" – und wies später Berichte über einen Abschluss der Untersuchung als falsch zurück. Vorsätzliche Piloten-Handlungen wurden in der Vergangenheit unter anderem beim Germanwings-Absturz 2015 bestätigt.
Der Vater des Kapitäns hatte Indiens oberstes Gericht aufgefordert, eine unabhängige Untersuchung anzuordnen, die auch andere Ursachen als vorsätzliches Pilotenhandeln berücksichtigt.
Die Federation of Indian Pilots hatte derweil am 5. Juni in einem Schreiben an Indiens Zivilluftfahrtminister, die Luftfahrtaufsichtsbehörde und das Büro des Premierministers darum gebeten, keinen Zwischenbericht zu veröffentlichen. Die Pilotenvereinigung forderte zudem, dass die Ermittler von Boeing und Air India weitere technische Daten zum Flugzeug anfordern sollten, um eine "Widerlegung der vom AAIB untersuchten Selbstmordtheorie der Piloten" zu ermöglichen.
Das AAIB, Indiens Luftfahrtministerium, Air India, das US-amerikanische National Transportation Safety Board, Boeing und GE Aerospace reagierten zunächst nicht auf "Reuters"-Anfragen.
Air India – Geschichte und aktuelle Lage der Airline
Gründung 1932: Air India wurde 1932 vom Unternehmer JRD Tata gegründet, bevor die indische Regierung die Fluggesellschaft 1953 verstaatlichte. Jahrzehntelange Misswirtschaft und wachsender Wettbewerb führten zu hohen Schulden.
Rückkehr zur Tata Group: Die Tata Group übernahm den Betrieb der Fluggesellschaft 2022 in einem Deal über 2,2 Milliarden Dollar. Singapore Airlines hält eine Minderheitsbeteiligung von 25 Prozent.
Flotte und Routen: Die Air-India-Gruppe – bestehend aus dem Vollservicecarrier Air India und der Billigtochter Air India Express – fliegt aktuell 60 inländische und 51 internationale Ziele an. Air India betreibt eine Flotte von 184 Flugzeugen, darunter Schmalrumpf- und Großraumflugzeuge von Airbus sowie Großraumflugzeuge von Boeing. Das internationale Streckennetz steht unter Druck: Der Iran-Krieg und ein von Pakistan verhängtes Überflugverbot für indische Carrier belasten den Betrieb. Für das Ende März abgelaufene Geschäftsjahr meldete die Gruppe Verluste von mehr als zwei Milliarden Dollar – der höchste Verlust in ihrer Geschichte.
Rekordbestellung: Im Februar 2023 gab Air India eine gemeinsame Bestellung über 470 Flugzeuge bei Airbus und Boeing auf – damals die größte Flugzeugbestellung der Welt. Im Dezember 2024 kamen weitere 100 Airbus-Jets hinzu. Berichten zufolge verhandelt die Airline mit Airbus und Boeing über weitere 80 bis 100 Großraumflugzeuge und 200 Schmalrumpfflugzeuge.
Umbau: Ab Mitte 2023 startete Air India ein 400-Millionen-Dollar-Programm zur Kabinenmodernisierung. Die Umrüstung der Airbus-A320-Neo-Flotte ist weitgehend abgeschlossen; die Langstreckenjets vom Typ Boeing 777 und 787 werden derzeit überarbeitet.
Führungswechsel: CEO Campbell Wilson hatte im April seinen Rücktritt angekündigt, will aber bis zur Benennung eines Nachfolgers im Amt bleiben. Als Kandidaten für seine Nachfolge gelten laut Reuters Chief Commercial Officer Nipun Aggarwal sowie Singapore-Airlines-Manager Vinod Kannan.
Der Absturz trifft Air India in einer empfindlichen Phase ihres Wiederaufbaus nach der Privatisierung. Lieferkettenprobleme, der Iran-Krieg und das von Pakistan verhängte Überflugverbot für indische Carrier haben den Turnaround der Fluggesellschaft verlangsamt.