Der deutsche Flughafenverband ADV hat überlange Wartezeiten an den Grenzkontrollen beklagt. Die Abfertigungszeiten für Reisende aus Drittstaaten seien mit Einführung des neuen europäischen Entry/Exit-Systems (EES) deutlich angestiegen, sagte die ADV-Präsidentin und Berliner Flughafenchefin Aletta von Massenbach der "Deutschen Presse-Agentur". Es komme vielfach zu "unzumutbar langen Wartezeiten", die an einzelnen Standorten bereits bis zu zwei Stunden betragen hätten.
Mit dem EES werden seit Oktober 2025 die Grenzkontrollen in Europa schrittweise modernisiert. Bürger aus dem Nicht-Schengen-Raum müssen vor jedem Grenzübertritt biometrische Merkmale (Fingerabdruck, Foto) und Passdaten abgeben, was im Vorlauf über Selbstbedienungs-Kioske laufen soll und länger dauert als das bisherige Verfahren. Das System soll der Terror- und Kriminalitätsabwehr dienen.
Schon in den ersten Monaten wurden laut EU-Kommission Tausende Einreisen verweigert und Hunderte Verdächtige identifiziert. Deutsche und weitere Reisende aus dem Schengenraum sind nicht betroffen.
Bundespolizei soll flexibler handeln
"Die größten Engpässe entstehen durch die zeitaufwendige biometrische Erfassung beim erstmaligen Grenzübertritt sowie durch das Fehlen einer digitalen Voraberfassung der Passagierdaten", sagte die ADV-Präsidentin. Die Flughäfen erwarteten von Bundesinnenministerium und Bundespolizei, dass die bestehenden Flexibilitätsmöglichkeiten konsequent genutzt würden. Nach EU-Vorgaben darf die biometrische Erfassung zeitweise ausgesetzt werden, wenn sich unzumutbar lange Warteschlangen bilden.
Digitale Lösungen wie die Vorbereitungs-App müssten mit höchster Priorität vorangetrieben werden. Laut EU steht die Smartphone-Anwendung, mit der sich Reisende auf die Kontrolle vorbereiten können, bereits zur Verfügung. Sie sei bislang aber nur von Schweden und Portugal übernommen worden.
FAQ
Um welche Kontrollen geht es?
Zum besseren Schutz ihrer Außengrenzen hat die EU seit Oktober 2025 schrittweise ein neues digitales Verfahren zur Ein- und Ausreise (Entry-Exit-System – EES) von Bürgern eingeführt, die nicht aus dem Schengenraum kommen. Bei diesen Menschen werden vor jedem Grenzübertritt biometrische Merkmale (Fingerabdruck, Foto) und Passdaten erfasst, was pro Person derzeit länger dauert als das frühere Verfahren. Der Stempel im Pass entfällt hingegen.
Wo hakt es beim EES-System bislang?
Die Schritte des neuen Verfahrens müssen bislang meist am Flughafen stattfinden. Vor dem eigentlichen Grenzübertritt sind Self-Service-Kioske eingerichtet, an denen sich die Reisenden selbst vorregistrieren müssen. Die dafür nötige Infrastruktur scheint nicht von allen Mitgliedsländern gleichermaßen gut vorbereitet worden zu sein. Eine entsprechende EU-App ist bislang nur von Schweden und Portugal übernommen worden.
Was gilt für Bürger aus dem Schengenraum?
Zum Schengenraum gehören die Kernterritorien von 25 EU-Staaten sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz. Deutsche und Staatsangehörige der anderen Mitgliedsländer müssen bei Ein- und Ausreise nicht durch das neue EU-Grenzsystem. Die Bundespolizei Frankfurt empfiehlt die Teilnahme am vollautomatischen System Easypass, bei dem Grenzbeamte nur noch bei Zweifelsfällen eingreifen.
Wie haben die EU-Staaten bislang reagiert?
Besonders Flughäfen in klassischen Urlaubsländern wie Griechenland, Portugal und Italien, aber auch Frankreich und Belgien setzten die Erfassung biometrischer Daten immer wieder aus – wohl auch um Touristen aus Großbritannien nicht zu verärgern. Die Aussetzung ist nach EU-Regeln für jeweils sechs Stunden erlaubt, kann aber beliebig oft wiederholt werden.
Wie läuft es in Deutschland?
Vergleichsweise gut: Die EU hat Deutschland vor einigen Wochen sogar als Musterschüler bezeichnet. Dennoch wurden die Kontrollen laut Bundespolizei in Einzelfällen bereits ausgesetzt. Der Frankfurter Flughafen bittet EES-Reisende, mindestens drei Stunden vor Abflug am Terminal zu sein. Betreiber Fraport setzt zusätzliche Lotsen ein, um Fehlanreihungen von EU-Bürgern zu vermeiden.
Wie beurteilt die EU-Kommission die Situation?
Die Europäische Kommission hält an ihrer Bewertung fest: Grundsätzlich laufe das System gut, in den meisten EU-Staaten seien die Auswirkungen auf Reisende begrenzt. Wo Mitgliedsländer nicht in der Lage seien, die nötige Infrastruktur bereitzustellen, sei die Kommission bereit zu unterstützen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen räumte ein, dass es noch technische Probleme zu lösen gebe.
Was fordern die Flughäfen?
Der europäische Flughafenverband ACI verlangt, dass Mitgliedstaaten zumindest in den Hauptreisemonaten Juli und August die Kontrollen vollständig aussetzen dürfen. Zudem solle ein vorläufiger Mechanismus eingerichtet werden, der es Grenzkontrollbehörden erlaubt, das Verfahren bei besonders großem Andrang anzuhalten. Der deutsche Verband ADV fordert Bundesinnenministerium und Bundespolizei auf, bestehende Flexibilitätsmöglichkeiten konsequent zu nutzen.
